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Samstag, 17.09.2016 SZ-Rallye Elbflorenz

Knastbesuch mit Honeckers Staatskarosse

Mehr als 150 Oldtimer gingen am Wochenende bei der SZ-Rallye an den Start. Nicht jeder schaffte es ins Ziel. Die Highlights im Video:

Mit dem schwarzen Volvo wurde einst Erich Honecker herumkutschiert.
Mit dem schwarzen Volvo wurde einst Erich Honecker herumkutschiert.

© Thomas Kretschel

Es ist kurz vor fünf, als Erich Honeckers schwarzer Dienstwagen in die Elbstraße einbiegt. Langsam holpert der Volvo über die Pflastersteine in Richtung Meißener Markt. Auf den Gehwegen der engen Gasse drängen sich neugierige Passanten, die versuchen, einen Blick ins Innere zu erhaschen. Die Standarten auf der Motorhaube wiegen sich im Wind, als die Staatskarosse auf den Markt biegt. „Oh, der Erich kommt!“, ruft ein älterer Mann. Der Senior erhebt sich von seinem Stuhl, damit er und der kleine Junge auf seinem Arm den Volvo besser bestaunen können.

Impressionen von der SZ-Rallye Elbflorenz

Es ist schon ein paar Jahre her, dass Honecker zum letzten Mal Platz auf dessen Rückbank genommen hat. Heute sitzen in dem 1976 erbauten Wagen Frank Stritzke und Sohn Louis. Der Radebeuler hat sich den Hingucker vergangenes Jahr zugelegt und am Sonnabend zur SZ-Rallye Elbflorenz ausgefahren. Die vierte Ausgabe der Oldtimer-Tour führte über 270 Kilometer durch das Elbland. Nach einem verregneten Start in Dresden meinte es Petrus dann doch ganz gut mit den 151 Teilnehmern.

Manchem Fahrer bereitete aber sowieso weniger das Wetter, sondern eher die Technik Sorgen. Fünf Oldtimer schafften es nicht ins Ziel. „Bei der ersten Rallye Elbflorenz musste ich auch abgeschleppt werden. Auf dem Weg von Zittau bis nach Radebeul ist das Abschleppseil siebenmal gerissen“, erinnert sich Stritzke. „Das war das Krasseste, was ich je erlebt habe.“ Am Wochenende machte der Wagen des 57-Jährigen zum Glück nicht schlapp. Als dagegen das Auto eines anderen Rallye-Teilnehmers auf der steilen Straße hoch zur Albrechtsburg nicht mehr weiterwill, springen Stritzke und sein Sohn schnell aus ihrem Volvo. „Da müssen wir wohl schieben“, sagt der Radebeuler. Am Ende ist dann aber doch professionelle Hilfe gefragt. „Das gehört eben auch zu einer Rallye dazu“, sagt der Geschäftsführer der Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen. „Obwohl ich ja vermute, dass hier ein leerer Tank das Problem ist. So klingt es zumindest.“ Es bleibt nicht viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Wenige Minuten später setzt sich die Oldtimer-Kolonne wieder in Bewegung.

„Hier kommt eine richtige Staatskarosse“, sagt eine Frau am Straßenrand. „Also das ist schon ein geiles Auto“, meint ihr Mann und steckt seinen Kopf durch die geöffnete Vorderscheibe. Ähnlicher Meinung waren ein paar Stunden zuvor schon die Häftlinge der JVA Zeithain. Als der glänzende Volvo dort vorbeifuhr, riefen die Insassen lauthals: „Honi, Honi, Honi!“

Stritzke freut’s. Er hat lange nach Honeckers Dienstwagen gesucht, wollte das Auto unbedingt haben. Bei einem Leipziger Oldtimer-Händler wurde er fündig. „Ich habe viel Geld dafür bezahlt.“ Wie viel genau, das will er nicht verraten. Nur so viel: „Der Volvo wurde in Schweden gefertigt und hat in Italien den Feinschliff bekommen. Das hat damals 120000Mark gekostet.“ Der Wagen hatte jedoch schon nach einem halben Jahr ausgedient, weil er dem SED-Generalsekretär – trotz enormer Beinfreiheit und flauschigen Polstersitzen – zu unbequem war. „Der Erich hatte ein Hämorrhoiden-Problem“, sagt Stritzke. „Das alles weiß ich von seinem Personenschützer.“

Auf der letzten Etappe der fast zehnstündigen Tour kann der Autoliebhaber noch einmal richtig aufs Gas treten. Sohn Louis ist davon nicht ganz so begeistert. „Fahr lieber nicht ganz so schnell“, sagt der Elfjährige. Er ist am Wochenende zum ersten Mal Papas Co-Pilot gewesen – und zufrieden mit sich selbst. „Es ist eigentlich alles bestens gelaufen“, sagt der Schüler. Während der Fahrt musste er das sogenannte Roadbook, in dem die Weginformationen stehen, lesen und seinem Vater sagen, wo es langgeht. „Das hat er wirklich super gemacht“, sagt Stritzke. Auch die meisten Wertungsprüfungen und Zeitkontrollen liefen für die beiden gut. Trotzdem schafften sie es am Ende „nur“ auf Platz 72. Schlimm ist das aber nicht. „Der Spaß steht an erster Stelle“, sagt Stritzke. Und den hatte das Vater-Sohn-Gespann.