erweiterte Suche
Mittwoch, 13.01.2016

Jung, freundlich, Dieb

David S. führt ein normales Leben – bis plötzliche Obdachlosigkeit aus ihm einen Serieneinbrecher macht.

Von Andrea Schawe

© Symbolbild: Stephan Klingbeil

Freital. Die Taten wollen nicht so recht zum Angeklagten passen. „Als ich die Akte gelesen habe, dachte ich: Der Junge ist für die Gesellschaft verloren“, sagt der Staatsanwalt. „Er ist ein Intensivtäter, obdachlos, drogenabhängig.“ Die Akte füllt drei dicke Ordner, insgesamt acht Taten wirft die Staatsanwaltschaft David S. vor: Wohnungseinbruchsdiebstahl, besonders schweren Diebstahl und Betrug.

Er soll im Oktober und November 2014 in vier Häuser in Freital eingebrochen sein und dort unter anderem Schmuck, Kameras, mehrere Münzsammlungen und Tablet-Computer geklaut haben. Gleich an zwei Tagen hintereinander ist er in Reihenhäuser in der Straße Leisnitz in Freital eingestiegen. Die Polizei bat damals um erhöhte Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft. Dazu kommt der Diebstahl eines Beamers, einer Stereoanlage und mehrerer Modelleisenbahnloks aus dem Gartenhaus seines Pflegevaters in Kurort Hartha. Der Schaden beläuft sich insgesamt auf etwa 15 000 bis 20 000 Euro.

Mit einer Sparbüchse fing alles an

Doch David S. scheint nicht verloren. Der 20-Jährige, der auf der Anklagebank neben seinem Pflichtverteidiger sitzt, ist gut gekleidet, freundlich, offen, intelligent und ein bisschen angespannt. Vor der Verhandlung am Amtsgericht Dippoldiswalde konnte er nichts essen, weil er so aufgeregt war. Nachdem die Anklage verlesen wurde, sagt der Freitaler mit ruhiger, fester Stimme: „Ja, ich habe all diese Taten begangen. Aber ich würde da gern noch Einiges richtigstellen.“ Dann zählt er detailliert auf, wo die Anklage fehlerhaft ist. „In dem Gartenhaus habe ich keinen Beamer gesehen“, sagt er. In das Wohnhaus auf der Wigardstraße in Freital sei er nicht über ein aufgehebeltes Kellerfenster, sondern über ein angekipptes Fenster im Erdgeschoss eingestiegen. „Das Haus gehört meiner Pflegefamilie“, sagt er. Dort habe er neben Schmuck nur eine Uhr und nicht drei geklaut und auch keine Silbermünzen. „Ich habe die Kassette schon im Haus aufgemacht und geprüft, ob es echtes Gold und nicht graviert ist.“ Aus einem der Reihenhäuser in der Straße Leisnitz ließ er nicht zwei Münzsammlungen mitgehen, sondern drei – allerdings keine Videokamera. „Woher wissen Sie das noch so genau?“, fragt Xaver Seitz, der Vorsitzende des Jugendschöffengerichts. „Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf“, sagt David S. „Ich weiß noch, was ich wollte.“

„Wie kommt jemand dazu?“, fragt der Richter. David S. erzählt, dass die finanziellen Schwierigkeiten anfingen, als er im Februar 2014 sein Abitur abbricht. Er habe 1000 Euro aus der Sparbüchse des Bruders gestohlen, um die Handykosten zu zahlen – die Pflegeeltern setzen ihn dafür auf die Straße. Nach ein paar Wochen bei Freunden lebt er im Wald hinter dem Stadion des Friedens an der Burgker Straße. „Ich hatte keine Ahnung von Sozialleistungen oder einem Obdachlosenheim.“ Am Anfang will er nur Lebensmittel aus dem Haus der Pflegeeltern holen. „Es war Not am Mann. Ich brauchte Essen und Trinken.“ Zu der Zeit habe er auch regelmäßig Alkohol und Crystal konsumiert. Als das funktioniert, fängt er an, auch Wertgegenstände mitzunehmen und fremde Häuser auszuspähen.

Mit einem Rucksack fliegt alles auf

Erwischt wird David S. im November 2014, weil jemand sieht, wie er in ein Haus einsteigt und die Polizei ruft. Er versteckt sich stundenlang im Keller des Hauses, flüchtet erst, als es dunkel wird, muss aber seinen Rucksack zurücklassen. „Dann machte ich einen dummen Fehler“, sagt der 20-Jährige vor Gericht. Er geht zur Polizei und gibt an, sein Rucksack sei ihm aus dem Lager im Wald gestohlen worden. Die Beamten werden stutzig. „Glücklicherweise“, sagt sein Anwalt. Seitdem lebt David S. im Obdachlosenheim in Zauckerode, er bekommt Hartz-IV, hat eine Betreuerin, macht ein berufsvorbereitendes Jahr, im Februar zieht er in eine eigene Wohnung und im August will er eine Ausbildung in der Hotelbranche anfangen.

„Dass es zu so einem Tatgeschehen kommt, ist eigentlich nicht vorstellbar“, sagt Richter Seitz. Der Rauschmiss sei ein Einschnitt im Leben des Angeklagten gewesen. „Es ist aber nicht verständlich, dass Sie nicht in der Lage waren, sich in Hilfeleistungen zu integrieren.“ Es zeuge auch von gewisser krimineller Energie, in die Wohnungen anderer einzubrechen. „Einbrüche in den geschützten Bereich sind ein traumatisierendes Erlebnis“, sagt der Richter. „Das ist nicht Pillepalle.“ Genauso wie die Anzahl der Taten und die Summe des Schadens. „Es hat auch eine besondere Schäbigkeit, die eigene Familie zu bestehlen.“ Er verurteilte David S. zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung. Er muss außerdem eine Schulden- und Suchtberatung aufsuchen und gemeinnützige Arbeit leisten.