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Dienstag, 21.02.2017

Jeder fünfte Sachse von Armut bedroht

Mehr als 700 000 Menschen gelten als „armutsgefährdet“. Doch was heißt das eigentlich?

Von Thilo Alexe

© dpa (Symbolfoto)

Dresden. Wer arm ist, schläft nicht zwingend im Freien: Auch Menschen, die in einer Wohnung leben, können arm oder zumindest von Armut bedroht sein. In Sachsen gilt das für rund 749 000 Menschen. Doch was bedeutet das genau?

Der Linken-Abgeordnete André Schollbach, der die für das Jahr 2015 geltenden Daten per Anfrage an die Staatsregierung ermittelt hat, legt eine Übersicht vor, die die Prozentwerte in Euro überträgt. Demnach liegt die „Gefährdungsschwelle“ für Armut für einen Einpersonenhaushalt in Sachsen bei monatlich 834 Euro. Eine Familie – angenommen wird dabei ein Zweipersonenhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren – gilt als armutsgefährdet, wenn sie monatlich maximal 1 752 Euro zur Verfügung hat.

Wissenschaftliche und statistische Definitionen von Armut sind aber komplex und streitbar. Als armutsgefährdet gilt nach EU-Standards vereinfacht gesagt derjenige, der weniger als 60 Prozent des regionalen Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Der Wert wird auf Basis des Haushaltsnettoeinkommens berechnet.

Im Vergleich zur Bundesrepublik ist in Sachsen der Anteil der von Armut Bedrohten höher. Die Gefährdungsquote lag 2015 ähnlich wie in den Jahren zuvor bei 18,6 Prozent. Die deutschlandweite Quote betrug 15,7 Prozent. Am stärksten sind die Einwohner des Stadtstaates Bremen von Armut betroffen. Dort lag die Quote bei 24,8 Prozent.

„Für die Betroffenen stellt diese Situation häufig eine große Belastung dar. Am Ende des Monats ist die Haushaltskasse meistens leer. Urlaube oder größere Anschaffungen sind kaum drin“ sagt Schollbach. Fast jeder fünfte Sachse und damit ein „nicht unerheblicher Teil unserer Gesellschaft“ sei unmittelbar mit dieser Situation konfrontiert. Vermögen und Einkommen sind nach Einschätzung des Politikers in Deutschland höchst ungerecht verteilt: „Es gibt viele Menschen, die nichts haben und wenige, die enormen Reichtum anhäufen konnten.“ Der Abgeordnete kritisierte, es würden „Gewinne aus Aktienspekulationen recht zurückhaltend besteuert, während der Staat bei der Besteuerung von Arbeitseinkommen kräftig zulangt“.

Über die Entwicklung von Reichtum, die Schollbach ebenfalls abfragte, liegen für Sachsen nur vage Daten vor. Konkretere Angaben hat jedoch die Stadt Dresden, die vor drei Jahren eine Umfrage unter ihren Bürgern durchführte. Demnach lebten 2014 rund 34 300 Menschen „in Haushalten, die als einkommensreich gelten können“. Das sind etwa sechs Prozent der Dresdner. Als einkommensreich gilt, wer mindestens 200 Prozent über dem durchschnittlichen Einkommen liegt.