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Dienstag, 24.10.2017

Jede Sprache hat etwas Besonderes

Sorbisch lernen in nur einer Woche? Zwei britische Sprachwissenschaftler machen es vor.

Von Miriam Schönbach

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„Polyglotbros“, zu deutsch mehrsprachige Brüder, – für Matthew und Michael Youlden trifft das zu. Zehn Sprachen beherrschen sie fließend. Jetzt haben sie Sorbisch gelernt.
„Polyglotbros“, zu deutsch mehrsprachige Brüder, – für Matthew und Michael Youlden trifft das zu. Zehn Sprachen beherrschen sie fließend. Jetzt haben sie Sorbisch gelernt.

© dpa

Bautzen. Für Stern-TV haben sie in einer Woche Türkisch gelernt. Die Herausforderung einer ZDF-Wissenschaftssendung, Plattdeutsch und Maltesisch innerhalb von sieben Tagen zu sprechen, nahmen Matthew und Michael Youlden ebenfalls an. Die britischen Zwillingsbrüder beherrschen mehr als zehn Sprachen fließend. Seltene Sprachen wie Kornish oder Papiamentu schüchtern sie nicht ein. Jetzt ist noch sorbisch dazugekommen. Eine Woche lang sagen die Wahl-Berliner: „Recimy serbsce“ (Wir sprechen sorbisch).

Die Aufgabe, die Sprache der Minderheit in Deutschland zu lernen, haben Matthew und Michael Youlden vom Digitalsender „Deutschlandfunk Nova“ bekommen. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt“, sagt Matthew Youlden. Umso überraschter waren die Sprachwissenschaftler bei ihren Hausaufgaben. Ihr erster Blick danach ging auf eine Deutschlandkarte. Dabei sehen sie, dass die Sorben mit gut 90 Minuten Zugfahrt Richtung brandenburgisch-sächsische Lausitz fast vor ihrer Berliner Haustür leben. Ihre Sprachleidenschaft begleitet die Zwillinge – selbst nennen sie sich „Polyglotbros“ – seit ihrer Kindheit. Zu Hause in Manchester werden sie mit Englisch und Gälisch groß. Wenn die Familie in den Urlaub verreist, pauken die Söhne vorher Vokabeln. „Schließlich bietet jede neue Sprache die Möglichkeit, eine neue Kultur kennenzulernen und eine neue Sichtweise auf die Welt“, sagt Michael Youlden. Er studiert Sprachwissenschaft in England, sein Bruder kommt 2003 für sein Studium nach Deutschland. Inzwischen leben die Multisprachler in Berlin. Sie sagen über sich: „Alles, was wir machen, dreht sich um die Sprache.“

Um den richtigen Dreh für das Obersorbische zu finden, verwandelten sie ihre Wohnung in „Klein-Oberlausitz“. „Wir sind große Freunde der Klebezettel. Viele Begriffe haben wir aufgeschrieben und an den dazugehörigen Platz geheftet“, sagt Matthew Youlden. Auf der Zuckerdose stand „cokor“, auf der Kaffeekanne „kofej“. Die Milchtüte bekam den Zettel „mloko“ und der Tisch die Aufschrift „blido“. Zu einer festen Uhrzeit jeden Tag lernten sie Grammatik und analysierten Zeitformen. Ihr Lehrmaterial holten sie sich aus Bibliotheken: Kinderbücher, Zeitschriften, Arbeitsbücher und Romane auf Sorbisch.

Als Belohnung nutzen die Youlden-Brüder beim Sprachenlernen gern Originalsendungen in Rundfunk und Fernsehen. „So kann man viel passiv und fast nebenbei aufnehmen“, sagt Matthew Youlden. Allerdings sei das Angebot auf Obersorbisch sehr klein. Neben dem täglichen Radio-Frühprogramm im MDR gibt es lediglich einmal im Monat eine halbstündige Fernsehsendung sowie das „Sandmännchen“ auf Obersorbisch. „Schön für das Lernen wäre es zum Beispiel gewesen, wenn es die Lindenstraße oder eine andere Soap auf Sorbisch gebe“, bedauern die Brüder.

Prüfung per Liveschaltung

Doch auch ohne die Hilfe der Endlosserien sind Matthew und Michael Youlden jeden Tag tiefer in die obersorbische Sprache eingetaucht. „Besonders beeindruckt hat uns jedoch die Begeisterung der Sorben während unserer Mission. Da gibt es Menschen, die sich jeden Tag für den Erhalt der Minderheitensprache einsetzen. Wunderbar“, sagt Matthew Youlden. Dabei sei für ihn Minderheit immer eine Frage der Perspektive. Ober- und Niedersorbisch stehen aufgrund sinkender Sprecherzahlen längst auf der Liste der bedrohten Sprachen. Nach offiziellen Schätzungen bilden etwa 60 000 Menschen heute das sorbische Volk in der sächsischen Oberlausitz und der brandenburgischen Niederlausitz. Besonders im sorbischen Städtedreieck Bautzen – Hoyerswerda – Kamenz ist das Projekt der Briten auf besonders viel Resonanz gestoßen, weiß Jan Budar, Direktor der Stiftung für das sorbische Volk. Der Sorbe hat den „Polyglotbros“ via einer Liveschaltung die Sorbisch-Prüfung abgenommen. „Ihre Offenheit und Selbstverständlichkeit mit der sorbischen Sprache umzugehen, hat viele Sorben beeindruckt“, sagt Budar. Doch wie steht es nun mit den Sprachkenntnissen? „Grandios“, sagt Budar. „Sie haben ein breites Vokabular, Small Talk ist kein Problem. Selbst im grammatischen System sind sie sattelfest. Besonders fasziniert hat mich, wie originalgetreu sie gesprochen haben.“

Beim Lernen aus der Ferne soll es nicht bleiben. Die beiden Briten sind am 25. November zur Schadzowanka, dem Treffen sorbischer Studierender, eingeladen. Nur eine Fernsehshow könnte den Besuch in der Oberlausitz derzeit noch verhindern. „Unser Interesse ist geweckt. Wenn wir es schaffen, kommen wir vorbei“, sagen Matthew und Michael Youlden. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Insider

    Toll, was die beiden machen. Und gute Tips für andere Sprachenlerner. Allerdings ist "Sprache lernen in nur einer Woche" oder "im Schlaf" ein schöner Wunschtraum. Wie man auch bei den beiden sieht, wenn man den ganzen Artikel liest, steckt eine Menge Mühe dahinter. Eine Sprache innerhalb einer Woche "perfekt" (-was ist perfekt?) zu sprechen geht nicht, man schafft maximal ein paar Wendungen. Aber Muttersprachler werden das auf jeden Fall zu schätzen wissen. Denn man erschließt sich wirklich oft das Herz der Einheimischen und lernt die Kultur eines anderen Landes viel besser und intensiver kennen.

  2. Max

    Eine Weisheit der Dakota-Indianer besagt: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!”. - Sorbisch ist mehr als tot, nicht mal die Sorben sprechen es noch sauber, wie man auf den Dörfern deutlich hören kann. Da wird oft mal ein "a" oder "watsch" an deutsche Wörter gehangen und fertig: Leberwursta holwatsch - das versteht auch jeder Deutsche.

  3. Ernst

    Eine neue Sprache innerhalb einer Woche erlernen? Das wäre doch etwas für unsere zugezogenen Facharbeiter. Da hapert es noch mächtig!

  4. boblinger

    @ Max: Móžeš mi na pec lezc!

  5. Max

    @ boblinger: Nein danke, kein Bedarf.

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