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Donnerstag, 05.10.2017

Jadens Traum

Sylvia Askoul aus Freital kämpft darum, dass ihr Sohn wieder gesund wird – und ringt mit den Behörden.

Von Carina Brestrich

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Der sechsjährige Jaden aus Freital ist schwer an Krebs erkrankt. Seine Mutter Sylvia Askoul kämpft darum, dass er wieder vollständig gesund wird.
Der sechsjährige Jaden aus Freital ist schwer an Krebs erkrankt. Seine Mutter Sylvia Askoul kämpft darum, dass er wieder vollständig gesund wird.

© andreas weihs

Freital. Mit Freunden spielen, in die Schule gehen, Fahrrad fahren – all das darf Jaden nicht. Auf keinen Fall darf sich der Sechsjährige aus Freital mit einem Infekt anstecken. Denn Jadens Körper muss gerade ohnehin kämpfen. Der Junge ist an Krebs erkrankt. Ein Tumor hat sich in seiner Lunge breitgemacht. Obwohl Jaden sehr tapfer ist, sind die Prognosen schlecht. Denn eine Operation ist unmöglich. Und ob die Chemotherapie mit Bestrahlung anschlägt, ist noch ungewiss. Seine Mutter Sylvia Askoul ist verzweifelt: „Wir müssen uns auf alles einstellen, auch auf das Schlimmste.“

Jadens Krankengeschichte beginnt schon vor vier Jahren. Wegen eines Tumors muss Jadens rechte Niere entfernt werden. Zwei Jahre ist Ruhe, dann stellen die Ärzte bei einer Nachsorgeuntersuchung Metastasen in der Lunge fest. Der Tumor wird entfernt, Jaden erholt sich gut. Doch im Juli dann der erneute Schock: Der Krebs ist nachgewachsen. Diesmal ist er so mit der Lungenwand verwachsen, dass er nicht vollständig entfernt werden kann. „Die Ärzte bemühen sich, dass zumindest das Wachstum des Tumors gestoppt werden kann“, schildert Sylvia Askoul.

Für die Familie ist die Erkrankung des Jungen eine harte Probe: „Natürlich dreht sich alles um Jaden“, sagt Sylvia Askoul. Gern wäre sie mehr für seine zwei großen Brüder und die ältere Schwester da. „Sie haben großes Verständnis für ihren kleinen Bruder“, sagt Sylvia Askoul. Dennoch ist die Anspannung groß. Eine Familienkur, die bereits genehmigt war und für alle etwas Erholung versprach, musste wegen der jüngsten Diagnose abgesagt werden. „Nun ist nicht mal ein Tagesausflug für uns alle drin“, sagt Sylvia Askoul.

Denn Jadens Krankheit ist nicht die einzige Sorge, die die vierfache Mutter belastet. Als Alleinerziehende ist die Rettungsassistentin auf Hilfe von den Ämtern angewiesen. Doch die will nicht so richtig fließen. Diverse Anträge laufen zwar. Doch die Bearbeitung dauert. Ständig werden neue Nachweise verlangt, der Schriftverkehr zieht sich hin, immer wieder muss Sylvia Askoul nachhaken. Die 43-Jährige kostet das nicht nur viel Zeit und Nerven. Inzwischen ist es sogar so schlimm, dass der Familie eine finanzielle Schieflage droht. „Man hat das Gefühl, ein Bettler zu sein. Obwohl einem die Leistungen zustehen“, sagt sie. Die Ämter dagegen erklären, dass sie eventuelle Rückforderungen und damit zusätzliche finanzielle Belastungen für Empfänger wie Sylvia Askoul vermeiden wollen. „Eine gewissenhafte Antragsbearbeitung ist für eine fundierte Entscheidung unabdingbar“, erklärt etwa der Sprecher der Familienkasse Sachsen, Heiko Wendrock.

Ähnlich äußert sich das Landratsamt, bei dem Sylvia Askoul für Jaden das sogenannte Landesblindengeld beantragt hat. Dieses steht schwerstbehinderten Kindern mit einem Behindertengrad von 100 Prozent und beläuft sich auf monatlich 77 Euro. Bereits voriges Jahr im Herbst hat Sylvia Askoul die Formulare eingereicht. Doch weil das Landratsamt seinen Behindertengrad nach der Entfernung des ersten Lungen-Tumors geringer eingestuft hat, ging Sylvia Askoul sofort in Widerspruch. Getan hat sich danach aber nichts. Sylvia Askoul ist enttäuscht über die Entscheidung des Sozialamtes. Auch gegenüber der SZ beruft sich das Amt auf die Gesetze, wonach Jadens Zustand damals für einen hundertprozentigen Behindertengrad nicht ausreichte. „Andere Kinder, die mit Jaden in der Klinik lagen und ähnliche Diagnosen hatten, haben das Geld ohne Mühe bekommen“, sagt Sylvia Askoul.

Das aber ist nicht das einzige Behördenproblem, mit dem die Freitalerin kämpft. Auch beim Unterhaltsvorschuss klemmt es. Nach einer Gesetzesänderung steht dieser Sylvia Askoul für drei ihrer vier Kinder rückwirkend zum 1. Juli zu. Obwohl sie die Anträge fristgerecht noch im Juli eingereicht hat, sind sie bis heute nicht bearbeitet. „Aufgrund dieser Neuregelungen ist die Zahl der Anträge enorm gestiegen“, erklärt das Jugend- und Bildungsamt des Landkreises. Da das Gesetz aber erst im August wirksam wurde, konnten die Anträge zuvor nicht bearbeitet werden. „Diese werden nunmehr zeitnah abgearbeitet“, heißt es vom Jugendamt.

Sylvia Askoul hofft, dass sie bald positive Bescheide von den Ämtern bekommt. Der ständige Papierkrieg mit den Ämtern raubt Zeit. „Die Zeit möchte ich lieber für meinen Sohn haben“, sagt sie. Zumindest beim Blindendgeld sieht es inzwischen gut aus. Nachdem Sylvia Askoul die Behörde im Juli über Jadens Neuerkrankung informiert hat, bewegt sich etwas. „Der Bescheid wird umgehend erteilt“, erklärt das Sozialamt. Sylvia Askoul müsse dafür nur noch ein paar Angaben nachreichen. Dann kann das Geld bewilligt werden und Familie Askoul vielleicht das machen, was sich Jaden schon lange wünscht: eine Dampferfahrt auf der Elbe. „Das wäre sein Traum.“

Wer Kontakt zur Familie Askoul aufnehmen möchte: Sylvia Askoul führt auf der Facebook-Seite „Krebs, wenn plötzlich alles anders ist“ Tagebuch über Jadens Schicksal.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Sören Göhler, Dresden

    Die Behörden, die rechtswidrig und mutwillig rechtlich garantierte Zahlungen verweigern oder verzögern, müssen zur Kasse gebeten werden. Auch das soll der Steuerzahler finanzieren? Mitnichten, die Behördenmitarbeiter werden bis zum Selbstbehalt bis in die obersten Ebenen gepfändet und zwar ausnahmslos jeder, der an solchen rechtswidrigen und teils nachweislich "von oben" angeordneten Verzögerungstaktiken beteiligt ist. Es gibt Fälle, wo aufgrund von solch bürgerfeindlichen Verhaltens der Behörden oder behördenartigen Agenturen Menschen ihre Wohnung verlieren. Solange sich Deutschland Auslandseinsätze der Bundeswehr oder eine mehrere Milliarden Euro teure Geheimdienstzentrale in Berlin leisten kann, gibt absolut keinen triftigen Gund für widerrechtliche Zahlungsverweigerungen des Staates gegenüber bedürftigen Bürgern. Ich kann auch nicht sagen: "Tut mir leid, ich habe zu große Ausgaben und zahle erstmal keine Steuern ... oder GEZ..."

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