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Ist Sächsisch ein Karrierekiller?

Sein Dialekt macht den Sachsen zum Gespött der Nation. Der Leipziger Coach Thomas Necke sagt, wie man damit umgeht.

04.10.2017

isch ein Karrierekiller?
Thomas Necke (Jahrgang 1979) ist Geschäftsführer der Leipziger Firma Impulse und im Deutschen Bundesverband Coaching.

© privat

Wer sich für einen neuen Beruf bewirbt oder in Führungspositionen aufsteigen will, möchte als kompetent wahrgenommen und unter keinen Umständen belächelt werden wie etwa Wolfgang Stumphs Fernsehfiguren. Der Coach Thomas Necke berät mit seiner Leipziger Firma Impulse seit acht Jahren Menschen im Beruf und bei der Neuorientierung. Im Interview erklärt er, warum Sächsisch so einen schlechten Ruf genießt – und wie man aus dem Dialekt auch Vorteile ziehen kann.

Herr Necke, fragen Ihre Kunden auch nach dem richtigen Umgang mit dem sächsischen Dialekt?

Ich werde oft gefragt, ob es erlaubt oder gewünscht ist, im Beruf Sächsisch zu sprechen. Was selten passiert, ist, dass Leute mich bitten, mit ihnen an ihrem Sächsisch zu arbeiten. Das ist auch wahnsinnig schwierig. Dafür braucht man einen Sprachtrainer, muss jahrelang trainieren.

Von wem kommen diese Fragen?

Bei Einzelcoachings von Menschen, die sich beruflich neu orientieren wollen oder auch von Leuten, die von ihrer Firma auf eine Führungskräfteweiterbildung geschickt werden. Da wird das Thema schon ab und zu thematisiert: Steht mir das Sächsisch im Weg, wie soll ich damit umgehen?

Von welchen Erfahrungen berichten Betroffene?

Dass das Sächsische ein relativ schlechtes Image hat, und zwar immer dann, wenn ich überregional arbeite. Sprache vermittelt uns ja ein Bild von unserem Gegenüber. Jemanden, der sehr Hochdeutsch spricht, den stelle ich mir vielleicht im Anzug vor, also sehr seriös. Jemanden, der Dialekt spricht, stelle ich mir eher als Kumpeltyp vor. Und je höher die Hierarchie, desto mehr möchte ich ein seriöses Bild von mir hervorrufen.

Hat der Dialekt also tatsächlich Einfluss auf die Berufschancen?

Ich denke, da muss man differenzieren – Dialekt im Allgemeinen und Sächsisch im Speziellen. Ich würde nicht sagen, dass Dialekt die Berufschancen per se schmälert. Sächsisch wird jedoch regelmäßig zum unbeliebtesten Dialekt in Deutschland gewählt. Wenn ich außerhalb von Sachsen Sächsisch spreche, vermittle ich aus verschiedenen Gründen das Gefühl, einen niedrigen Status und nicht viel Ahnung zu haben. Außerhalb von Sachsen schmälert es wirklich ein Stück weit die Berufschancen, wenn ich stark Sächsisch spreche.

Woran liegt das?

Ich habe zwei Thesen. Einmal liegt es an dem Image. Das war übrigens mal anders, unter Luther war Sächsisch die Vorzeigesprache schlechthin. Aber das hat sich eben geändert. Der Sachse in Film und Fernsehen ist ein bisschen dümmlich, ein bisschen einfältig und braucht ein bisschen länger. Zum anderen liegt es aber auch an der Körpersprache. Wenn ich Hochdeutsch spreche, spanne ich meine Bauchmuskeln an und strecke die Brust raus. Ich habe Körperspannung. Und wenn ich Sächsisch rede, mache ich genau das Gegenteil. Ich drücke den Bauch raus, schieb den Unterkiefer vor und kann’s loofen lassen. Diese eingesunkene Körpersprache vermittelt, dass ich keinen Standpunkt und kein Rückgrat habe. Dass ich nicht weiß, wovon ich spreche.

Was raten Sie denn jetzt denen, die sächseln?

Wenn Dialekt auf Kosten der Verständlichkeit geht, wird es problematisch. Leuten, die überregional oder international arbeiten oder auf einer sehr hohen Hierarchieebene stehen, rate ich, Geld in die Hand zu nehmen und ernsthaft daran zu arbeiten. Aber wenn ich gut verständlich bin und diesen leichten regionalen Einschlag habe, kann das durchaus sympathisch wirken. Ich rate, auf Körperspannung zu achten. Ganz bewusst die Bauchmuskulatur anzuspannen, den Kopf hochzunehmen beim Sprechen. Es gibt auch Übungen. Zum Beispiel mit einer Banane oder einer Gurke im Mund sprechen. Ich artikuliere mich dann automatisch bewusster und mache den Mund weit auf. Das kann helfen, bei einem wichtigen Vortrag deutlich zu sprechen. Aber jemandem, der seinen Dialekt überhaupt nicht abstellen kann, sage ich: Mach eine Marke draus. Das Schlimmste ist, Dialekt zu sprechen und sich zu schämen.

Wo kann mir denn der sächsische Dialekt helfen?

Das ist branchenabhängig. Wenn ich in ein ursächsisches Restaurant oder eine Bar gehe, dann finde ich es gut, auf Sächsisch angesprochen zu werden. Leute, die mit regionalen Produkten zu tun haben, sollten den Dialekt nutzen. Oder ein Politiker, der Nähe kommunizieren möchte, oder ein Vorstandsvorsitzender von einem Standort in Sachsen, der ganz bewusst seinen Mitarbeitern zeigen möchte: Ich bin einer von euch. Aber der kann das höchstwahrscheinlich steuern, weil er mit anderen Kunden oder Geschäftspartnern Hochdeutsch spricht.

Also raten Sie dazu, den Dialekt situationsabhängig einzusetzen?

Genau, das ist meiner Meinung nach der Hauptgewinn – wenn man das kann. Ich würde niemandem raten, sich den Dialekt abzugewöhnen. Wenn ich es aber steuern kann und ganz bewusst in manchen Situationen den Dialekt einsetze, in anderen aber nicht, habe ich einen Riesenvorteil. Wenn mein Gegenüber sächselt, dann ist es sympathisch, wenn ich das auch tue. Und nicht etwa in einem Hannoveraner Akzent spreche und so dem anderen das Gefühl gebe, ich bin arrogant.

Wie ist es denn bei Ihnen selber als gebürtiger Sachse?

Meine Mutter spricht Hochdeutsch, mein Vater hat einen leichten sächsischen Einschlag, und ich habe den auch. Ich kann das ein Stück weit steuern. Es gibt aber gewisse Wortverbindungen, die fallen mir unglaublich schwer. Leute, die aus anderen Bundesländern kommen, merken das. Ich kriege aber die Rückmeldung, dass es als sympathisch gewertet wird. Und da ich in Mitteldeutschland arbeite und auch viel mit mitteldeutschen Firmen zu tun habe, nützt mir mein Sächsisch auch manchmal. Dann ist schnell ein Zugehörigkeitsgefühl da: Ich hebe mich nicht ab, ich bin nicht besser als ihr, sondern ich gehöre dazu. Das kann durchaus helfen. In der Beraterbranche allgemein. Und Berater kann ja auch der Sparkassenmitarbeiter sein, der einem Kunden einen Kredit gibt.

Wäre es denn nicht gut, wenn Leute offensiver mit ihrem Dialekt umgehen?

Absolut. Ich glaube, das Schlimmste, was dem Sächsischen passieren kann, ist, dass es irgendwann nicht mehr gesprochen wird. Weil die Leute sich schämen und in ihrer Familie nicht mehr Sächsisch sprechen. Da würde ein Kulturgut verloren gehen, das wäre dramatisch. Deswegen geht es darum, den Dialekt steuern zu können. Und wie schon gesagt, unter Luther diente Sächsisch als Vorzeigesprache. Sprache verändert sich. Möglicherweise sitzen wir in 40 Jahren noch einmal hier, an dem gleichen Tisch, und sind stolz darauf, dass wir Sächsisch sprechen. Gerade im norddeutschen Raum gibt es beispielsweise Plattdeutsch als Schulfach. Die lernen bewusst den Dialekt, weil er vom Aussterbenbedroht ist.

Das Gespräch führte Ronja Münch.