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Freitag, 04.03.2016

Ist das der Chef der Multicar-Bande?

Ein 27-Jähriger soll hinter Dutzenden Fahrzeug-Diebstählen stecken. Besonders ein Coup hatte für Schlagzeilen gesorgt.

Libor R. auf der Anklagebank. Am Donnerstag begann in Bautzen der Prozess gegen den mutmaßlichen Chef der so genannten Multicar-Bande.
Libor R. auf der Anklagebank. Am Donnerstag begann in Bautzen der Prozess gegen den mutmaßlichen Chef der so genannten Multicar-Bande.

© Christian Essler

Bautzen. Den großen Auftritt überlässt Libor R. offenkundig gern anderen. Der 27-Jährige sitzt ruhig auf der Anklagebank, lässt sich vom Dolmetscher neben ihm die Worte des Staatsanwaltes und des Gerichts ins Tschechische übersetzen. Zumeist antwortet der junge Mann nur leise mit „ano“ für ja, oder „ne“ für nein. Eingeklemmt zwischen dem Übersetzer und seinem Anwalt wirkt der gelernte Koch am Donnerstagvormittag vor der Großen Strafkammer in Bautzen einfach nur sehr unbeholfen.

Mit dem Multicar in den Feuerlöschteich

Der Staatsanwalt benötigt eine Dreiviertelstunde, um die Vorwürfe gegen den Mann aus Šluknov, vor allem die einzelnen Taten, die er als angeblicher Kopf einer Autoschieberbande organisiert haben soll, vorzutragen. 40 Sachverhalte werden verlesen. In den allermeisten Fällen ist die Rede von Multicars oder Pkw-Anhängern, die zwischen April 2012 und Mai 2013 aus dem Oberland oder der Sächsischen Schweiz in Richtung Tschechien verschwanden. Oder zumindest um den Versuch. So wie im November 2012, als ein Coup der Multicar-Bande für besondere Schlagzeilen sorgte.

Diebestour endet im Wasser

Damals hatten sich die Autoknacker auf einem Firmengelände in Wehrsdorf an drei Multicars zu schaffen gemacht. Eines ließ sich gar nicht erst starten, mit einem weiteren stürzte einer der Männer in einen Feuerlöschteich. Schließlich fuhren die Autodiebe mit einem dritten Multicar davon. Doch auch damit kamen sie nicht weit. Nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei ging die Flucht schließlich zu Fuß weiter.

Der gescheiterte Diebstahl ist gleich der erste Punkt in der langen Liste. Libor R. verzieht keine Miene, hört nur aufmerksam zu, was der Übersetzer ihm simultan ins Ohr spricht. Beinah jeder einzelne Vorwurf der Staatsanwaltschaft beginnt damit, dass mehrere Bekannte im Auftrag von Libor R. nach Deutschland gefahren seien, um dort einen Multicar oder Anhänger zu klauen – in Cunewalde und Sohland ebenso wie in Ebersbach, Neustadt oder Bad Schandau. Der Wert der dabei erbeuteten Fahrzeuge wird mit mehr als 200 000 Euro beziffert.

Die Multicars wurden laut der Schilderung meist kurzgeschlossen, anschließend fuhren die Männer damit davon. Die Anhänger wurden indes einfach an die Autos drangehangen, mit denen die Diebe angereist waren. Der 27-jährige Libor R. habe dann an der Grenze gewartet und dort die rollende Beute übernommen und sie anschließend weiter verkauft. Für einen Multicar seien um die 1 000 Euro kassiert worden, für einen Anhänger habe es auch schon mal knapp 700 Euro gegeben. Der angebliche Chef der Autoschieberbande blieb demnach quasi stets im Hintergrund.

Komplizen als Zeugen geladen

Bei ihren Vorwürfen stützt sich die Staatsanwaltschaft auch auf die Aussagen der früheren Komplizen. Einer Sonderkommission war es bis zum Sommer 2013 gelungen, die Bande zu zerschlagen. Insgesamt vier Männern ist seitdem der Prozess gemacht worden. Drei Männer kassierten dabei Haftstrafen zwischen drei und dreieinhalb Jahren, ein weiterer erhielt zwei Jahre auf Bewährung. Zumindest einer hatte nach seiner Festnahme im Juni 2013 sofort umfassend mit den Behörden zusammengearbeitet, viele Details und die Namen von Hintermännern preisgegeben. In den Prozessen hatten die Männer übereinstimmend gegen Libor R. ausgesagt.

Warum die früheren Kompagnons den 27-Jährigen als Anführer hinstellen, will Libor R. nicht einleuchten. Vor dem Gericht weist der 27-Jährige es bislang strikt von sich, als Kopf der Bande agiert zu haben. „Vielleicht haben sie sich davon eine mildere Strafe erhofft“, übersetzt der Dolmetscher. Libor R. räumt zwar ein, bei etwa zwei Dutzend der vorgeworfenen Taten mitgemischt zu haben – allerdings habe er sich nur um den Verkauf der über die Grenze nach Tschechien gebrachten Anhänger gekümmert. Bei den Diebstählen und Verkäufen der Multicars habe er überhaupt keine Rolle gespielt, betonen zunächst sein Anwalt und später auch er selbst.

Auf mehrfache Nachfrage des Gerichts räumt er schließlich ein, das eine oder andere Mal bei den Aktionen mit seiner Beteilung an der Grenze gewesen zu sein. „Meistens war er Zuhause“, erklärt der Übersetzer. Auf die Frage, warum er selbst nie direkt bei den Diebstählen vor Ort beteiligt war, hat Libor R. eine einfache Erklärung: „Ich hatte Angst, erwischt zu werden.“

Jetzt sitzt der Mann aus Šluknov dennoch vor Gericht. Die Große Strafkammer muss nun klären, ob seine Version überzeugend ist. Dazu sollen unter anderem auch die früheren Komplizen als Zeugen vernommen werden. Die Staatsanwaltschaft hat bereits durchblicken lassen, für die dem 27-Jährigen vorgeworfenen Taten um die vier Jahre Gefängnis zu fordern.

Fortsetzung, Fr. 4. März, 9 Uhr, Landgericht Görlitz, Außenstelle Bautzen, Lessingstraße 7, Saal 222