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Samstag, 30.01.2016

Im Netz des Hörensagens

Im Chaos der digitalen Informationsflut vermischen sich Wahrheit und Lüge zu einer Suppe, die nach Gerücht schmeckt.

Von Kai-Uwe Reinhold

Psst. Weitersagen, aber ganz leise! Die Stille Post ist ein lustiges Kinderspiel und macht zugleich deutlich, wie die Gerüchtekommunikation funktioniert.
Psst. Weitersagen, aber ganz leise! Die Stille Post ist ein lustiges Kinderspiel und macht zugleich deutlich, wie die Gerüchtekommunikation funktioniert.

© Getty Images

In Piräus riskierte ein griechischer Barbier sein Leben. Warum? Weil er das weitersagte, was ein unbekannter Kunde ihm während des Schneidens der Haare erzählte. So nebenbei vermittelte der namenlose Fremde eine Nachricht von weltgeschichtlicher Bedeutung. Im sizilianischen Hafen von Syrakus sei das griechische Heer geschlagen worden. Prompt machte sich der Barbier nach Athen auf, um die Nachricht der Obrigkeit mitzuteilen. Aber anstatt Ruhm zu ernten, wurde er auf dem Rad gefoltert. Das berichtet Plutarch, der die Geschichte des Barbiers aus dem Jahre 413 v. Chr. überliefert und die Gründe für die Folter nicht schuldig bleibt. „Da er aber nicht einmal seinen Gewährsmann angeben konnte, sondern sich auf eine namenlose, unbekannte Person berief, geriet die ganze Versammlung in Zorn und rief: Fort mit dem Bösewicht! Auf die Folter mit ihm!“

Selig die Zeiten, in denen solche Methoden der Wahrheitsfindung zur Geschichte gehören. Was aber nicht heißt, dass unsere Zeiten selig sind. Der Anlass der Folter ist noch immer lebendig. Im Kern der Anekdote steht das Problem der Gerüchtekommunikation und mit ihm die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Informationen, die durch das Hörensagen weitergetragen werden. Freilich: Etablissements wie der Friseurladen, wo sich Öffentlichkeit und Privatheit zum Umschlagplatz von Tratsch und Klatsch verdichten, sind als Informationsquellen aus der Mode gekommen. Man braucht nicht mehr auf die Straße zu gehen. Der Start des Browsers genügt. Das Internet ist der größte Friseurladen der Welt. Hier kann jeder seine private Weltsicht der ganzen Welt zeigen. Und muss noch nicht einmal etwas sagen. Ein „Like“ genügt, um zweifelhafte Informationen zu verbreiten.

Egoismus der Gerüchte

Der naive Glaube der Internetpioniere, dass mit der Fortentwicklung der Kommunikationstechniken zugleich mehr Vernunft und Rationalität herrschen, sieht sich damit getäuscht. Mehr denn je erregen wilde Gerüchte die Gemüter. Vor allem in Zeiten der Krise, in denen sich Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung anbahnen. Wie durch den Flüchtlingszustrom. Immer wieder ist davon zu hören, dass die Kriminalitätsrate durch Asylsuchende gestiegen sei, dass schon wieder Frauen und Kinder sexuell belästigt wurden. Ohne dass dabei gewiss ist, ob die vermeintlichen Täter „südländischen Typs“ die Tat begangen haben. Was stimmt, kann zunächst keiner sagen, aber mitreden kann jeder.

Tauchen solche Gerüchte auf, verbreiten sie sich in Windeseile in den sozialen Netzwerken, ohne dass sie auf Tatsachen überprüft werden. Digitale Plattformen wie Facebook befördern das. Glaubte man früher noch, dass soziale Netzwerke neue Möglichkeiten zur Weltbetrachtung und Informationsbeschaffung bieten, haben amerikanische und italienische Wissenschaftler das Gegenteil herausgefunden. Nutzer sozialer Medien tendieren dazu, Inhalte zu suchen und zu teilen, die das eigene Weltbild bestätigen. Differenzierte Betrachtungen bleiben, obwohl sie ohne Weiteres möglich sind, aus. Die eigene Meinung an der Realität zu überprüfen, gehört nicht zu den Stärken derjenigen, die nur ihre Sicht der Dinge gelten lassen.

Denjenigen, die sich von Gerüchten vereinnahmen lassen, ist es indes egal. Das liegt unter anderem daran, dass das Hörensagen nicht dem Prinzip aufgeklärt-sachlicher Kommunikation folgt. Etwas als Wahrheit oder Lüge zu entlarven, ist bestenfalls ein Nebeneffekt, der sich manchmal einstellt, meistens aber nicht. Das Hörensagen ist in gewisser Weise egoistisch und narzisstisch wie diejenigen, die durch Gerüchte ihr Weltbild bestätigt sehen wollen. Nur geht es der Gerüchtekommunikation darum, immer weitere Bahnen zu ziehen, in immer mehr Ohren hinein- und aus immer mehr Mündern herauszukriechen. Das Weitergesagte ist meist ein klein wenig anders als das Gehörte.

Hier wird etwas verdreht, dort etwas hineinprojiziert; hier wird etwas weggelassen, dort etwas hinzugefügt. Oft geschehen die Weglassungen, Ausschmückungen, Inversionen und Montagen noch nicht einmal gewollt, sondern sind vielmehr Ergebnis des menschlichen Erinnerungsvermögens, das ein untreuer Gefährte der Wahrheit ist. Und so wird aus einem Verdacht schnell perfide Gewissheit. Perfide deshalb, weil die durch Gerüchte erzeugte Realität sich als tatsächliche ausgibt, aber oft nur eine scheinbare ist, die auch gezielt als Mittel zum Zweck für Propaganda instrumentalisiert werden kann. Der Fall des 13-jährigen Mädchens in Berlin, das nach russischen Medienberichten von Flüchtlingen vergewaltigt worden sei, ist bestes Beispiel dafür. Russlands Außenminister Sergej Lawrow nutzte das Gerücht, um die deutsche Flüchtlingspolitik zu torpedieren. Und zugleich, um von den eigenen Problemen abzulenken.

Der rationale Menschenverstand weiß natürlich solche Aussagen als Gerüchtekommunikation zu identifizieren. Zugegeben: Im digitalen Zeitalter ist das indes kein Leichtes. Im Sekundentakt werden neueste Informationen, neueste Kommentare, neueste Einschätzungen über Nachrichtenportale oder soziale Netzwerke verbreitet. Oft ist der Urheber dabei ungewiss. Und damit die Glaubwürdigkeit der Quelle. Nur schwer ist auseinanderzuhalten, was gesicherte Tatsache oder rhetorisch ausgeschmücktes Gerücht ist. Der Kulturhistoriker und Gerüchteforscher Hans Joachim Neugebauer hatte recht, als er in den Kindertagen der globalen Vernetzung vor fast 20 Jahren in seinem Buch „Fama – eine Geschichte des Gerüchts“ schrieb: „Das Internet ist das Hörensagen im digitalen Zustand; die große Zeit der Fama hat erst begonnen.“

Und wir sind mittendrin in der großen Zeit der Gerüchtekommunikation. Warum? Weil der im digitalen Zeitalter vereinzelte Mensch in Krisenzeiten, seien sie nun real oder herbeigeredet, weniger rational, sondern emotional handelt. Und hier, auf dem Boden der Gefühle, finden Gerüchte ihren Nährboden. Denn, so Neugebauer, „im Gerücht ist man nicht allein, das ist sein ambivalentes Versprechen. Immer hat es mit Ängsten, Hoffnungen und Erwartungen der Leute zu tun, und die wollen geteilt sein.“ Durch das „Liken“ und „Teilen“ von Gerüchten kann jeder in der Anonymität an einer Gemeinschaft teilhaben, in der man letztlich seinen Ressentiments und Vorurteilen frönen kann. Deshalb sind Gerüchte in unserer Kommunikationskultur ein Problem. Sie besitzen ein subversives Potenzial, das den gesellschaftlichen Frieden bedrohen kann.

Deshalb wurde auch der Barbier aus Piräus auf das Rad gespannt. Die Verbreitung seiner ungesicherten Nachricht hätte eine Panik in der Polis auslösen können. In der vor allem mündlichen Kommunikationskultur der Antike wusste man noch um die Macht und die Wirkung des Gerüchts. Immer wieder tauchen sie in Dichtungen als Allegorie auf. Als mythische Figur der Fama bei Vergil, der sie in der „Aeneis“ als Person zeichnet, die zunächst klein in Gestalt durch das Gerede zur scheußlichen Göttin mutiert: „Fama, ein Übel, geschwinder im Lauf als irgendein andres, (...) erwirbt sich Kräfte im Gehen, klein zunächst aus Furcht, dann wächst sie schnell in die Lüfte, schreitet am Boden einher und birgt ihr Haupt zwischen den Wolken.“ Wie soll man solch einem Monstrum begegnen?

Mehr Zweifel hilft mehr als Fakten

Unlängst lieferte Innenminister Thomas de Maizière darauf eine Antwort. Mit Zahlen zur Kriminalitätsrate von Flüchtlingen und ausländischen Mitbürgern will er den „Gerüchten den Boden entziehen“. Es ist zweifelhaft, ob das reicht. Zahlen sind statistische Fakten, deren Erhebung mehr Zeit beansprucht als ein Gerücht in den nebulösen Wolken der digitalen Welt. Nur selten wird ein Gerücht so schnell als solches entlarvt wie der angebliche Tod eines Flüchtlings in Berlin vor dem Lageso. Und nur selten gibt es einen ausgewiesenen Urheber wie den Helfer, der von dem Tod über Facebook berichtet hat und jetzt untergetaucht ist. Meist entspringen Gerüchte aus der Anonymität der Massenkommunikation.

Aber was tun, wenn den Gerüchten nicht der Boden und dem Internet nicht der Stecker gezogen werden kann? Es ist an der Zeit, sich wieder mehr Zeit zu nehmen für das, was eben Zeit beansprucht: für das Verstehen der gegenwärtigen Geschehnisse durch Vielzahl der Informationsquellen. Das kann kein Politiker leisten, sondern nur selbstverantwortlich geleistet werden. Man muss dabei nicht einer Meinung sein. Kontroversen gehören dazu. Nur gilt es, die Differenzen auszuhalten, denn das ist in der globalisierten Welt die Grundbedingung einer demokratischen Gesellschaft. Und andererseits sollten die wilden Informationen auf die Räder gespannt werden wie einst der Barbier. Was letztlich nichts anderes bedeutet, als sich Zeit zum kritischen Zweifeln zu leisten. Alles andere gießt nur Öl ins Feuer, das durch die blinde Verbreitung von Gerüchten geschürt wird.