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Goethe auf Sächsisch

An einer Leipziger Oberschule sächseln die Kinder auf Wettbewerbsniveau – auch im Deutschunterricht.

04.10.2017
Von Andrea Schawe

f Sächsisch
Auch er wurde schon ins Sächsische „übersetzt“: Johann Wolfgang von Goethe

© Archiv

Zu gewinnen gibt es das „Gaggaudebbchen“, eine liebevoll gestaltete Tasse samt Kakao. Dafür treten mehrere Schüler der Klassen 5 bis 7 bei dem Vortragswettbewerb in Leipzig an und tragen ein Gedicht oder einen kurzen Text vor – aber bitte auf Sächsisch und mit passender Mimik und Gestik. Nur so kommt der Schalk, der das Sächsische ausmacht, auch rüber. Bei der diesjährigen 17. Ausgabe des Wettbewerbs landete mit „De Bliemchenrache“ eine Schülerin der Leipziger Lene-Voigt-Oberschule auf Platz zwei.

„Man muss gut auswendig lernen können“, sagt Sibylle Herrberg. „Und Talent fürs Sächsische muss da sein.“ Kinder, die noch Großeltern haben, die Dialekt sprechen, haben es einfacher. Herrberg leitet die Mundart-Gruppe an der Leipziger Oberschule. Seit mehr als 15 Jahren ist das Sächsische ihre Leidenschaft, sie hat selbst schon im Wettbewerb die „Gaffeeganne“ gewonnen. „Es ist schade, dass vielen der Zugang zum Dialekt fehlt.“ Das wollte sie ändern. Immer donnerstags treffen sich deshalb Schüler der 5. bis 7. Klasse, um zu sächseln. „Die älteren Jugendlichen interessieren sich für anderes, oder es wird ihnen peinlich“, sagt Herrberg.

Die Dialektpflege ist an der Lene-Voigt-Schule nicht nur ein Ganztagsangebot. Sibylle Herrberg ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte und lehrt Sächsisch im Unterricht. „Ich stelle es den Schülern frei, ob sie klassische Balladen in der goethischen oder der sächsischen Fassung lernen“, sagt die 58-Jährige. Lene Voigt, die 1891 in Leipzig geborene Mundartdichterin, hat mehrere deutsche Klassiker „übersetzt“ – zu ihren „Säk’schen Balladen“ und „Säk’schen Glassiggern“ gehört auch Goethes „Dr Erlgeenich“.

So viel Verbundenheit zur sächsischen Mundart im Unterricht ist nicht selbstverständlich. An vielen Schulen spielt die Dialektpflege keine Rolle. „Das liegt sehr am Engagement der Lehrer“, meint Herrberg. Verstehen kann sie das nicht. „Jedes Bundesland ist stolz auf seinen Dialekt, warum nicht wir?“

Früher galt Sächsisch in der Schule als verpönt. In Vorträgen und beim Rezitieren ist eine klare Aussprache gewünscht. „Wer Hochdeutsch beherrscht, darf in der Schule auch sächseln“, sagt Dirk Reelfs, Sprecher des Kultusministeriums. Schließlich fördere der Freistaat die Vielfalt der sächsischen Mundarten. Eine Richtlinie, die den Schulen empfiehlt, im Unterricht möglichst Hochdeutsch zu sprechen, gebe es nicht. „Benotet wird allerdings Hochdeutsch“, so Reelfs. Es liege in der Verantwortung der Lehrer, wie sie den Unterricht gestalten. Wichtig sei, dass die Ziele im Lehrplan eingehalten werden.

Erst kürzlich machte sich der Zwickauer Landtagsabgeordnete Gerald Otto (CDU) für eine Stärkung des sächsischen Dialekts in Schulen stark. Er verwies auf Bayern, wo Dialekte schon in der Schule vermittelt werden und sich damit auch ein gewisser Heimatstolz entwickele. Immerhin, sagt Otto, sei auch der sächsische Dialekt in seiner Vielfalt ein Kulturgut, das in den Unterricht gehöre und gefördert werden müsse.

Nach dem Lehrplan lernen schon Grundschüler in der ersten und zweiten Klasse Sprachvarietäten: Dialekt, Umgangssprache und Hochsprache. Im Wahlpflichtbereich der Klasse 3 „Der Sprache auf der Spur“ werden konkret Mundart und Dialekt als regionale Sprachen angesprochen, so das Kultusministerium. Das kann in Klassenstufe 4 weiter vertieft werden. „Im Sachunterricht ist das Thema Mundart nicht verbindlich verankert, aber die Lehrer besitzen einen gewissen Spielraum, Themen mit einzubinden“, sagt Reelfs.

„Die Auseinandersetzung mit Sprache und Identität gehört in die Schule“, sagt der Sprachwissenschaftler Beat Siebenhaar. Der Professor an der Universität Leipzig forscht auch zum Sächsischen. „Sächsisch ist nicht schlimm, sondern anders.“ Schon in jüngeren Klassen könnten die Schüler auf unterschiedliche Sprachvarietäten aufmerksam gemacht werden. Vielleicht zum Thema „Wie spricht die Oma?“, schlägt er vor. Oder mit Grammatikunterricht in höheren Klassen. „Das Sächsische hat auch Regeln, die mancher gar nicht kennt“, sagt er. Spannend könnte auch die Rolle des Dialekts in der Jugendsprache sein.