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Samstag, 05.03.2016

Görlitzer setzen Zeichen für Menschlichkeit

Die Idee einer Lichterkette in Görlitz ist aufgegangen. Hunderte kamen, weil sie Menschlichkeit wollen. Andernorts wurde gegen die Asylpolitik demonstriert und der Hitlergruß gezeigt.

Hunderte Menschen sind am Freitagabend in Görlitz auf die Straße gegangen und bildeten entlang der Berliner Straße eine Lichterkette unter dem Motto „Licht an für Mitmenschlichkeit“.
Hunderte Menschen sind am Freitagabend in Görlitz auf die Straße gegangen und bildeten entlang der Berliner Straße eine Lichterkette unter dem Motto „Licht an für Mitmenschlichkeit“.

© Nikolai Schmidt

Görlitz. „Was ist denn das heute wieder für eine Demo – für oder gegen Asyl?“ Zwei etwa elf-, zwölfjährige Jungen wundern sich am Freitagabend, als sie in die Berliner Straße einbiegen. Da stehen Hunderte Menschen und alle haben eine Kerze in der Hand. Fast ein romantischer Anblick. Ein bewegender allemal.

Görlitzer Lichterkette für Menschlichkeit

Die Lichterkette, die die Stadt für mehr Menschlichkeit und ohne vorrangig politisch zu sein, initiiert hat, funktioniert. Sie reicht von der Frauenkirche, wo zuvor der Gottesdienst zum Weltgebetstag stattfindet, über den Postplatz, die Berliner Straße entlang, bis hoch zum Bahnhof.

Anfangs klafft auf dem oberen Teil der Berliner Straße noch eine Lücke, während es sich um den Postplatz staut. Aber die Ordner regeln und dirigieren und kurz nach sechs steht die Kette. 800 Meter lang. „Das ist einfach eine Kette für die Menschlichkeit“, sagt die Görlitzerin Anne Bartusiak. „Etwas ganz Einfaches. Ich finde es toll, dass es von der Stadt kommt. Ich bin heute da, um ein Zeichen zu setzen.“ Genau so war das gedacht: möglichst keine Politisierung, sondern Menschlichkeit zeigen.

Oberbürgermeister Siegfried Deinege schreitet die ganze Kette ab. Begrüßt die Leute, freut sich, dass seine Idee aufgegangen ist. Umgesetzt hatten sie die Evangelische Innenstadtgemeinde und der Förderverein Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec. Ihnen dankt ein sehr bewegter OB. „Ich habe das Gefühl, Ihr habt auf dieses Signal der Stadt gewartet“, sagt er in einer kurzen Ansprache nach Auflösen der Kette. „Das ist ein eindeutiges Zeichen, dass die Görlitzer Humanität wollen.“

Menschen sollten sich mit Achtung begegnen, strittige Themen zwar ansprechen, aber fair. Vor dem Hintergrund des ausgebrannten Flüchtlingsheims in Bautzen sagt Siegfried Deinege: „Brennende Häuser, das ist eine Unkultur. So etwas wird es in Görlitz nicht geben.“

Ein paar Meter weiter ähnliche Töne: „Wer Heime anzündet, weiß nicht, was er tut“, heißt es dort. Die asylkritische Initiative „Görlitz bewegt sich“ hat zu einer weiteren Kundgebung eingeladen. Wegen der Überschneidung mit der Lichterkette findet sie diesmal auf dem Demianiplatz statt. Mit etwas weniger Menschen als noch Anfang Februar auf dem Postplatz. Die Themen sind die Gleichen. Kritik gegen Merkels Politik, am sächsischen Image als rechtsextremes Bundesland, an Flüchtlingen, die nur als „Sozialschmarotzer“ nach Deutschland kommen. Wer in echter Not ist, solle Hilfe bekommen.

Wie die Polizei am Freitagabend mitteilt, verliefen sowohl die Lichterkette als auch die Kundgebung von „Görlitz bewegt sich“ ohne Störungen. Allerdings ermittelt die Polizei gegen einen 19-jährigen Teilnehmer von „Görlitz bewegt sich“ wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen. Zudem hat der Mann gegenüber Einsatzkräften den Hitlergruß gezeigt.

Eine weitere Straftat registrierte die Polizei, als Einsatzkräfte im Stadtgebiet von einem 25Jährigen beleidigt wurden.

Im Zuge des Versammlungsgeschehens kam es bis in die Abendstunden zu Verkehrseinschränkungen in der Görlitzer Innenstadt. Davon war teilweise auch der Straßenbahnverkehr betroffen. Zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung während der Versammlungen in Görlitz waren etwa 80 Polizeibeamte im Einsatz. (mit szo)