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Donnerstag, 12.10.2017

Gewaltexzess in der Zelle

Brutale Schläge und sexuelle Gewalt - in der JVA Leipzig ist ein Häftling stundenlang misshandelt worden. Täter sollen zwei Zellengenossen gewesen sein. Nun stehen die Männer vor Gericht und müssen sich den entsetzlichen Vorwürfen stellen.

Von Violetta Kuhn

Zwei 26 Jahre alte Männer sind in Leipzig wegen besonders schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, ein 36-Jähriger wegen unterlassener Hilfeleistung.
Zwei 26 Jahre alte Männer sind in Leipzig wegen besonders schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, ein 36-Jähriger wegen unterlassener Hilfeleistung.

© dpa

Leipzig. Hinter Leipziger Gefängnismauern muss sich an diesem Winterabend eine wahre Gewaltorgie abgespielt haben. Zwei Gefangene der JVA sollen im Januar in einer Gemeinschaftszelle einen Mithäftling stundenlang gequält haben - auf brutalste und erniedrigendste Art und Weise.

Von Donnerstag an müssen sich die beiden 26 Jahre alten Männer vor dem Leipziger Landgericht verantworten - wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung. Ein vierter Insasse der gemeinsamen Zelle soll die Taten gesehen haben. Weil er nichts unternommen haben soll, um dem Gequälten zu helfen, ist der 36-Jährige wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

Die Tatvorwürfe beinhalten verstörende Details. Am Abend des 14. Januar 2017 schlagen demnach die beiden Hauptangeklagten ihren Mithäftling in der gemeinsamen Zelle erst brutal zusammen, brechen ihm Nase, Jochbein und Brustbein.

Anschließend zwingen sie ihn, nackt herumzukriechen wie ein Hund und sich eine Toilettenbürste in den Anus zu stecken. Sie schneiden und stechen ihm in den Penis, zwingen ihn Kot zu essen.

Der Mitangeklagte ist dabei und unternimmt nichts, um dem Gequälten zu helfen.

Vier Stunden dauert das Martyrium bereits, als die Beschuldigten sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft entschließen, die Tat zu vertuschen. Sie wollen einen Selbstmord vortäuschen. Ihr Opfer zwingen sie, mit einer Schlinge um den Hals von einer Fensterbank zu springen. Der Verletzte verliert das Bewusstsein.

Bekamen die mutmaßlichen Täter daraufhin plötzlich Gewissensbisse? Oder wird ihnen jetzt erst bewusst, dass der Mann tatsächlich sterben könnte? Wie auch immer: Sie machen den Mann los und wählen den Notruf. Als Begründung für die Tat habe einer der Beschuldigten später angegeben, das Opfer habe einst seinen neun Jahre alten Stiefsohn geschlagen.

Das Gericht wird wohl nicht nur zu klären haben, was die mutmaßlichen Gewalttäter zu ihren Taten trieb. Die 6. Strafkammer wird auch ergründen müssen, wie in einem Gefängnis über mehrere Stunden derartige Grausamkeiten unentdeckt bleiben konnten. Zuletzt war die JVA Leipzig im Oktober 2016 in die Schlagzeilen geraten, weil sich der Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr dort in einem unbeobachteten Moment erhängt hatte.

Gewaltexzesse wie der jetzt vor Gericht zu verhandelnde seien im Justizvollzug sehr selten geworden, erklärt ein Sprecher. Das liege unter anderem daran, dass immer weniger Gefangene gemeinsam untergebracht würden.

Dass in diesem Fall vier Häftlinge gemeinsam eine Zelle bewohnten, sei außergewöhnlich und der hohen Auslastung der JVA Leipzig geschuldet gewesen, sagte der Sprecher. Während der Nacht seien die Gefangenen grundsätzlich unbeobachtet - auch in Gemeinschaftszellen.

Um Gewalt vorzubeugen, achteten Gefängnisbedienstete immer sehr genau darauf, dass gemeinsam untergebrachte Häftlinge sich verstehen, betont der Sprecher. Im vorliegenden Fall habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass es zwischen den Insassen Konflikte gegeben habe. Was die Ursache für die Eskalation gewesen sei, bleibe noch zu klären.

In den vergangenen beiden Jahren wurden in den Gefängnissen Sachsens nach Ministeriumsangaben jeweils 83 Übergriffe unter Gefangenen zur Anzeige gebracht. Im ersten Halbjahr 2017 waren es demnach bereits 53. Die Aufklärung sei oft schwierig, weil die Opfer aus Angst nicht aussagen wollten, erklärt der Sprecher. Mitarbeiter der Gefängnisse würden speziell geschult, um Gewalt zu verhindern. Jeder von ihnen müsse Vorkommnisse melden. Gewalttäter könnten in spezielle Wohngruppen gebracht oder im Notfall isoliert werden.

Die beiden Hauptangeklagten sind mittlerweile in anderen sächsischen Gefängnissen untergebracht. Der dritte von ihnen sitzt noch immer in der JVA Leipzig. (dpa)