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Samstag, 26.08.2017

Getrieben von Ausländerhass

Nach den Plädoyers im Prozess um rassistische Übergriffe in Polenz äußert sich der Hauptangeklagte plötzlich.

Von Alexander Schneider

Für Sebastian K. (stehend mit schwarzer Basecap) geht es um versuchten Mord. Er sitzt seit Juni vergangenen Jahres in Untersuchungshaft und wird daher in Handschellen von Wachtmeistern in den Gerichtssaal geführt. Seine Mitangeklagten Maik R. (l.) und Sebstian S. (r.) müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Für Sebastian K. (stehend mit schwarzer Basecap) geht es um versuchten Mord. Er sitzt seit Juni vergangenen Jahres in Untersuchungshaft und wird daher in Handschellen von Wachtmeistern in den Gerichtssaal geführt. Seine Mitangeklagten Maik R. (l.) und Sebstian S. (r.) müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

© Paul Sander

Am Ende eines langen Sitzungstages bricht der Hauptangeklagte Sebastian K. unerwartet sein Schweigen. „Es tut mir leid“, sagt der Mann kaum hörbar. Er bittet „alle“ um Entschuldigung und nennt auch explizit den Bierkrug. Das „letzte Wort“ des 33-Jährigen ist echte Überraschung, denn bislang hatte sich der Umzugshelfer aus Bad Schandau nicht zu den massiven Vorwürfen geäußert.

Schon seit April läuft der Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Dresden. K. wird versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und das Zeigen des Hitlergrußes vorgeworfen, seinen beiden Mitangeklagten Sebastian S. (24) und Maik R. (39) gefährliche Körperverletzung und versuchte Strafvereitelung.

Getrieben von Ausländerhass habe K. laut Anklage auf dem Sonnenwendfest des Polenzer Schalmeienorchesters am 18. Juni vergangenen Jahres spätabends zwei Bulgaren (41, 30) niedergeschlagen und einem dabei mehrfach mit einem Bierkrug auf den Schädel geschlagen, auch als der 30-Jährige wehrlos am Boden lag. Er wurde lebensbedrohlich verletzt. Etwa eine Stunde später sollen alle drei Angeklagten einen 28-Jährigen aus dem Nachbarort brutal zusammengeschlagen haben, weil sie ihn irrtümlich für einen Ausländer hielten.

K.s letztes Wort lässt sich als Geständnis verstehen. Ein Geständnis, mit dem wohl niemand mehr gerechnet hatte. Der 33-Jährige hätte dem Gericht und zahlreichen Zeugen viel Arbeit und einige peinliche Situationen erspart, hätte er sich früher zu dem Bierkrug bekannt. Denn die Beweisaufnahme war zäh. Viele Zeugen – Festveranstalter wie Besucher – konnten oder wollten sich nicht mehr erinnern, was sie in der Tatnacht beobachtet und in ihren Vernehmungen ausgesagt hatten. Die Plädoyers fanden daher erst an diesem 15. Sitzungstag statt. Staatsanwältin Sandra David sprach von einer „fehlenden Bereitschaft der Bevölkerung, an der Aufklärung mitzuwirken“ und „bedenklichen Aussagen“. Sie sagte, es sei gelungen, K. alle Vorwürfe nachzuweisen – neben Zeugenaussagen nennt sie auch K.s Jacke, an der DNA-Spuren von ihm und seinen Opfern sichergestellt wurden.

K. sei mit S. und R. und weiteren Rechtsgesinnten auf dem Fest gewesen und habe viel Alkohol getrunken. K.s Ziel sei es gewesen, Ausländer gezielt von dem Fest zu verjagen. Er und weitere Rechtsextreme – wer genau, das habe nicht geklärt werden können – hätten die Bulgaren verfolgt und provoziert. Mit den Bierkrug-Schlägen auf den Kopf habe K. den Tod des 30-jährigen Iveylo D. in Kauf genommen. Als Mordmerkmal nannte sie niedere Beweggründe – Ausländerhass. Anschließend habe er mit den Mitangeklagten auch einen 28-Jährigen beleidigt und zusammengeschlagen. Sie beleidigten ihn mit „Islamistensau“ und „dein Allah hilft dir jetzt nicht“, sagten Sätze wie „wenn Merkel die ins Land holt, müssen wir sie wieder hinausprügeln“. Erst im Prozess kam heraus, dass der 28-Jährige deutsche Großeltern hat, schon vor 20 Jahren zog er aus Rumänien nach Neustadt/Sachsen. Die Staatsanwältin fordert für K. eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren. Für die Mitangeklagten plädierte sie auf Freiheitsstrafen von deutlich über zwei Jahren.

K.s Verteidiger Matthias Ketzer sagte, einen Mordversuch sehe er nicht. Er sprach von einer längeren Auseinandersetzung zwischen K. und D. Insgesamt halte er eine maximal sechs Jahren für angemessen. Die Verteidiger der Mitangeklagten forderten ebenfalls deutlich niedrigere Strafen. Thorsten Hahn betonte etwa, dass der Prozess auch die Mängel der polizeilichen Ermittlungen sichtbar gemacht habe.

Das Urteil des Schwurgerichts soll am kommenden Freitag gesprochen werden.