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Sonntag, 15.11.2015

Fremdenhass im Klassenraum

Ein neues Modellvorhaben des Freistaates will Lehrern einen besseren Umgang mit rechtsextremistischen Sprüchen vermitteln.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Schulleiter Thomas Graupner diskutiert mit Schülern am Beruflichen Schulzentrum Elektrotechnik in Leipzig, wie man souverän auf rassistisches Vokabular reagiert.
Schulleiter Thomas Graupner diskutiert mit Schülern am Beruflichen Schulzentrum Elektrotechnik in Leipzig, wie man souverän auf rassistisches Vokabular reagiert.

© Ronald Bonß

Hasserfüllte Attacken, fremdenfeindliche Sprüche, rechtsextreme Entgleisungen: Was sich vielerorts auf den Straßen und in Internetforen abspielt, ist in manchen Klassenzimmern kaum anders. Um Lehrern in Konfliktsituationen mehr Sicherheit zu vermitteln, startet das Kultusministerium jetzt das Modellprojekt „Starke Lehrer, starke Schüler“. In dem drei Jahre andauernden Training soll Pädagogen von Berufsschulen Rüstzeug vermittelt werden, damit sie künftig besser mit rassistischen und menschenfeindlichen Ausfällen von fast erwachsenen Schülern umgehen können. Das Projekt wurde von einem Team der TU Dresden zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung entwickelt. Die Stiftung reicht dafür 429 000 Euro nach Sachsen, das Ministerium gibt weitere 125 000 Euro dazu.

Vorgestellt wurde das Projekt gestern am Beruflichen Schulzentrum für Elektrotechnik in Leipzig mit etwa 1 200 Schülern. Die Schule liegt im Stadtviertel nahe der Eisenbahnstraße, wo ein außerordentlich hoher Ausländeranteil herrscht, aber auch rechtsextreme Einstellungen verbreitet sind. Von der Schule nehmen jetzt ein Lehrer und ein Schulsozialarbeiter teil. „Fremdenfeindliche Äußerungen kommen oft unterschwellig. Da muss man sofort reagieren“, betont Schulleiter Thomas Graupner.

Landesweit nehmen 25 Pädagogen von neun Berufsschulen an dem Modellprojekt teil, darunter auch je ein Berufsschulzentrum in Dresden, in Freiberg und in Großenhain. Das Interesse auf Schulleiterkonferenzen im Vorfeld sei aber noch deutlich größer gewesen, betonte Rico Behrens, Projektverantwortlicher der TU Dresden. Im Unterrichtsalltag komme es durchaus vor, das die Judenverfolgung und Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg geleugnet würden oder etwa in Gesprächen über den Arbeitsmarkt fremdenfeindliche Sprüche fallen. „Wichtig ist dann erstens: Nicht ignorieren. Und zweitens: Das Gespräch suchen – entweder in Pausen oder vor der ganzen Klasse“, sagt Behrens. In dem Projekt gehe es darum, den Lehrern mehr Hintergrundwissen zur rechtsextremen Jugendkultur und ihrem Erscheinungsbild zu vermitteln, das Gespür für rassistische Argumentationen zu verbessern und Strategien für den Schulalltag zu entwickeln.

„Berufsschullehrer haben gelernt, ihre Schüler auf bestimmte Berufe vorzubereiten. Aktuelles Wissen über rechtsextreme Jugendkultur fehlt jedoch den meisten“, sagte Ottilie Bälz von der Bosch-Stiftung. Sachsen habe sich für das Vorhaben sehr offen gezeigt und sich rasch entschieden, erklärte sie die Entscheidung des Geldgebers für den Freistaat. Dennoch könne das Projekt auch in andere Bundesländer übertragen werden.

„Wer als Lehrer vor einer Klasse steht, muss bei emotional aufgeladenen Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus gut vorbereitet argumentieren können“, hob Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) hervor. „Genau hier setzen wir mit dem Projekt an.“ Der Bedarf ist indes deutlich größer als das Modellprojekt abdecken kann: Landesweit gibt es 62 Berufsschulzentren mit meist mehreren Außenstellen und etwa 5 900 Lehrer. Die Ministerin kündigte daher an, die Methoden sollten künftig nach Möglichkeit ausgebaut, an mehr Schulen angeboten und mit Landesmitteln verstetigt werden. Generell herrsche aber an Sachsens Schulen eine offene Willkommenskultur.