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Dienstag, 19.01.2016

Flüchtlings-Familie lässt sich taufen

Eine fünfköpfige Familie aus Tunesien kommt mit der neuen Heimat gut zurecht und lebt die Integration. Das hat jetzt sogar himmlische Folgen.

Von Marcus Herrmann

Die Oueslatis sind Ende 2013 wegen der politischen Zustände aus ihrer Heimatstadt Tunis geflüchtet. Ihr Lachen haben Ahmed, Lina, Hamsa, Ilhem und Molk (v.l.) in einer Wohnung in Meißen wiedergefunden, auch weil sie selbst viel für ihre Integration tun. Dennoch wissen sie nicht, ob sie endgültig in Deutschland bleiben dürfen.
Die Oueslatis sind Ende 2013 wegen der politischen Zustände aus ihrer Heimatstadt Tunis geflüchtet. Ihr Lachen haben Ahmed, Lina, Hamsa, Ilhem und Molk (v.l.) in einer Wohnung in Meißen wiedergefunden, auch weil sie selbst viel für ihre Integration tun. Dennoch wissen sie nicht, ob sie endgültig in Deutschland bleiben dürfen.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Der 25. Oktober 2015 ist für Familie Oueslati aus der tunesischen Hauptstadt Tunis ein besonderer: „An diesem Tag sind wir zu Christen geworden, haben uns in der Trinitatiskirche taufen lassen“, sagt der 36-jährige Ahmed Oueslati auf Deutsch.

Fünfmal in der Woche lernt er die Sprache jeweils fünf Stunden in der Euro-Schule in Meißen, seine Frau Ilhem fährt mehrmals wöchentlich in die Volkshochschule nach Radebeul zum Unterricht. Vermittelt hat ihr diesen der Meißner Pfarrer Gerold Heinke von der Evangelischen Trinitatiskirchgemeinde. Das Verhältnis zwischen ihm und den Oueslatis ist außergewöhnlich. So sehr, dass der Schritt zur Taufe nicht lange abgewägt werden musste, wie Ahmed Oueslati bekräftigt. Fünf Monate lang habe Pfarrer Heinke ihn und seine Frau über das Christentum unterrichtet. „Das Interesse der Oueslatis an der Bibel ist genauso bemerkenswert wie die Vehemenz mit der sich die Familie zu integrieren versucht, eifrig Deutsch lernt und unsere Werte achtet“, sagt Heinke.

Der christliche Glaube habe alle in der Familie überzeugt, berichten Ahmed und Ilhem, die vorher keiner Religion angehörten, jetzt aber jeden Sonntag in die Kirche gehen. „Wir kennen viele Muslime und auch die Inhalte des Koran. Anders als hier dürfen Glaubensinhalte bei den Christen hinterfragt, über nicht mehr zeitgemäße Dogmen diskutiert werden“, begründet Ilhem die Entscheidung für die Taufe. Trotzdem blicke die Familie noch häufig traurig zurück – auf jene Nächte, die ihr Leben in der Heimat verändert hätten.

Als die arabische Revolution Anfang 2011 in Tunesien mit Aufständen und Unruhen einer wirtschaftlich am Boden liegenden Nation beginnt, hoffen Millionen Menschen auf bessere soziale Strukturen. Doch längst nicht alle profitieren. Besonders Regierungsbeamte, die dem damaligen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali unterstehen, müssen teilweise um ihr Leben fürchten. „In dieser Zeit parkten jede Nacht Autos vor unserer Tür. Leute stiegen aus, füllten Kisten mit Pistolen und Maschinengewehren, tauschten sie untereinander aus. Manchmal fielen in der Nähe Schüsse“, sagt der 36-jährige Familienvater Ahmed.

Kinder öffentlich angefeindet

Er ist ausgebildeter Polizist, wohnt damals mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in einem Einfamilienhaus in einem gehobenen Viertel der Hauptstadt. Finanziell geht es der Familie gut. Doch sicher fühlen sie sich schon bald nicht mehr. Weil Ahmed die Vorgänge in seiner Umgebung anzeigt, wird er kurz darauf bedroht. Radikale Islamisten unterwandern die Polizeibehörden, setzen Andersgläubige oder Atheisten unter Druck. Als auch die Kinder der Oueslatis öffentlich angefeindet werden, weil ihre Eltern nicht an Allah glauben, sieht die Familie keinen Ausweg mehr. „Wir mussten raus aus diesem Wahnsinn. Das ständige Gefühl der Angst hat mich und meinen Mann gelähmt“, erzählt die 34-jährige Ilhem.

Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist es jetzt her, dass sie per Visum nach Deutschland gekommen sind und umgehend Asyl beantragt haben. Zunächst wohnte die Familie fünf Monate mit anderen Tunesiern in Gröditz, bevor der Umzug in eine Drei-Raum-Wohnung am Meißner Stadtrand folgte. Hier leben die Eltern, die neunjährige Molk, die sechs Jahre alte Lina und Hamsa, vier Jahre, auf etwa 70 Quadratmetern. Mit 1 200 Euro muss die Familie monatlich auskommen. Das sei kein Problem, aber es reiche eben nur zum Überleben.

Rückkehr ist so gut wie ausgeschlossen

„Wir würden gerne arbeiten und Steuern zahlen, richtige Bürger sein, sagt Ahmed. Wann der Asylantrag genehmigt oder abgelehnt wird, könne ihm niemand sagen. Die Frage, warum er mit seinen Kindern – die alle in Meißen zur Schule oder in die Kita gehen – und seiner Frau Deutschland ausgewählt habe, beantwortet er so: „Weil hier Gesetze geachtet, Frauen respektiert werden und Freiheit und Menschenrechte noch zählen.“ Die Oueslatis wissen, dass eine Rückkehr nach Tunesien so gut wie ausgeschlossen ist. „Unter den jetzigen Umständen würden sie uns Christen dort wie Insekten behandeln, die es auszumerzen gilt“, erzählt Ahmed. Er wünscht sich deshalb nur eines: „Ich möchte in Deutschland bleiben, hier arbeiten und meinen Kindern ein Leben mit einer echten Perspektive ermöglichen.“