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Montag, 23.03.2015

FDP wählt Alt statt Neu

Trotz Wahlschlappe und Kritik am eigenen Führungsstil bleibt Holger Zastrow Parteichef der Liberalen und verspricht: Nun soll wirklich alles anders werden.

Von Gunnar Saft

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Darf weitermachen: Seit 1999 im Amt ist für Holger Zastrow auf dem Parteitag in Hartha noch nicht Schluss.
Darf weitermachen: Seit 1999 im Amt ist für Holger Zastrow auf dem Parteitag in Hartha noch nicht Schluss.

© dpa/Matthias Hiekel

Das Eingeständnis folgt erst nach der Entscheidung. „Ja, ich bin für das Scheitern verantwortlich“, sagt Holger Zastrow plötzlich. Da haben ihn die Delegierten des FDP-Landesparteitages aber gerade erneut zum Landesvorsitzenden gewählt und ein solcher Satz hat in der Sport-Arena von Hartha keine große Wirkung mehr. Was jetzt nur folgt ist höflicher Beifall und der übliche Strauß Blumen.

Es ist ein ungewöhnlicher Sieg, tritt der 46-Jährige doch als der großer Verlierer vor die rundum enttäuschte Parteibasis. Von der Dresdner Regierungsbank waren die Liberalen im August 2014 auch noch direkt aus dem Landtag geflogen. Der größtmögliche politische Fall, dem nun ein konsequenter Neuanfang folgen soll. Doch eben dieser Plan von Hartha bleibt für Zastrow ohne Folgen, im Gegenteil. Die vorab angekündigte Kampfkandidatur des ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Heinz-Peter Haustein aus Deutschneudorf im Erzgebirge entpuppt sich als so halbherzig, dass Mancher im Saal darin eine Absprache der zwei Kontrahenten vermutet. Mit einem lauten „Glück auf“ und ein paar kurzen Sätzen, die nichts darüber verraten, welche Pläne er für die Partei und deren Zukunft hat, empfiehlt sich der 60-jährige Haustein als Alternative. Dass er bei der folgenden Abstimmung unterliegt, ist keine Überraschung – eher schon der Umstand, dass dennoch 61 Delegierte für ihn votieren. Zastrow selbst kommt auf 145 Ja-Stimmen, während sich 43 Delegierte enthalten oder beide Kandidaten mit einem „Nein“ ablehnen. Die Liberalen entscheiden sich bei ihrem Neuanfang somit für das Alte.

„Statt Schleimer die besten Köpfe“

Dabei wird auf dem Parteitag nicht nur hinter vorgehaltener Hand geschimpft. Vor allem Uwe Geisler, FDP-Kreischef im Vogtland, wird am Rednerpult überdeutlich. Es sei ein beispielloser Vorgang, wenn die herbe Wahlniederlage keine Konsequenzen hätte. Er frage sich, woher Holger Zastrow eigentlich den Anspruch nehme, die Partei weiter führen zu wollen. „Es braucht neue Köpfe und neue Gedanken.“

Es soll nicht nur bei der Kritik bleiben. Immer wieder melden sich vor der Abstimmung über den Parteivorsitz Enttäuschte zu Wort. Carsten Biesok, Ex-Landtagsabgeordneter und seit Hartha freiwillig auch Ex-Landesschatzmeister der FDP rügt eine nur vermeintlich liberale Politik des alten Landesvorstandes. Anita Maaß, Bürgermeisterin in Lommatzsch, sieht die Kommunalpolitiker der FDP während der Zeit des Mitregierens in Sachsen sogar regelrecht ausgegrenzt. Andere wollen sich in der Parteispitze „nicht von Schleimern, sondern von den besten Köpfen“ vertreten sehen oder erklären kurzerhand: „Mich kotzt der Umgang untereinander schon lange an.“

Die Wiederwahl des langjährigen Parteichefs verhindert das nicht. Zumal auch die heftigsten Kritiker nicht sagen, wer sonst das Ruder übernehmen soll. Zastrow nimmt dagegen bereits in der Eröffnungsrede Anlauf. Im Stakkato-Takt erklärt er die Niederlage zur Riesenchance. Sachsens neue Regierung sei untätig und planlos, dem Landtag fehle die Lösungskompetenz, die dort vertretenen Parteien „stehen im süßen Gift der Berufspolitik“ und sehen nicht, dass sich viel ändern muss. Die FDP dagegen schon – der unzufriedene Bürger sei daher der neue Koalitionspartner der FDP, lockt Zastrow. 62 Prozent der Sachsen hätten keine im Parlament vertretene Partei gewählt. „Das ist eine Marktlücke.“

Alles kann anders werden, verspricht er in die Runde und schlägt den alten Generalsekretär Torsten Herbst als neuen vor. Jetzt stimmen 79 Prozent der Delegierten zu.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. artenschützer

    In der Wegwerfgesellschaft ist es natürlich nicht üblich, dass sich etwas hält, was gut gearbeitet hat. Im Gegensatz z.B. zur SPD, wo ein Vorsitzender geringe Halbwertszeiten hat und sich dann aus dem Amt schleicht wie z.B. der Millionenverschwender Beck gibt's hier Einen, der weiß, was er falsch und was er richtig gemacht hat und die Verantwortung wahrnimmt. Auch wenn es der SZ nicht passt, dass das Etikett nicht gewechselt wurde so muss man doch feststellen, dass die (Wieder-)Wahl eine demokratische Entscheidung war. Denn auch die Kritiker, die sich nicht selbst zur Wahl stellen wissen, dass so ein Amt eine Herkulesaufgabe ist und die FDP nicht über ein Heer hauptamtlicher Helfer verfügt.

  2. RiedelEbb

    Die FDP verabschiedet sich weiter aus der politischen Gesellschaft. Ohne ernsthaften kritischen Umgang mit den Fehlern in der Vergangenheit wird diese Partei in absehbarer Zeit aus der wahrnehmbaren Existenz verschwinden. Augenscheinlich sind dort ewig Gestrige am Werk, die eine Neuausrichtung und auch einen personellen Neuanfang zu verhindern wissen.

  3. Fleißiges-Lieschen

    Zastrow war/ist der einzig wählbare Kandidat, dem man diesen schweren Neuanfang der Sachsen FDP auch zutrauen kann. Mit dem Bernsteinzimmer erreicht man auch nicht mehr. Zastrow hat sich in den letzten Wochen viel Kritik anhören müssen und wenige Komplimente für das, was gut gelaufen ist. Er hat in Hartha auch ein Versprechen für Veränderungen abgelegt und in zwei Jahren sind wieder Vorstandswahlen. Da wird man dann eine Bilanz für die Veränderungen ziehen können. Dann wird man auch einen Vorstand wählen müssen, der die Partei in einen Landtagswahlkampf führen muss. Icht traue das Zastrow durchaus zu. Es wird darauf ankommen, ob es gelingt die Basis mitzunehmen und für die kommenden Monate zu motivieren. Die verschlafene jetzige Landesregierung, die glaubt sich bei den Diäten selbst bedienen zu können, kann doch dauerhaft auch keine Alternative sein. Das wirkliche sächsische Problem ist doch der CDU-Filz. Da kann man Zastrow nur Glück wünschen!

  4. FDP-Parteitagsdelegierter

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eingangs erwähnte Statement Zastrows bereits in der Eröffnungsrede erfolgte. Ganz einfach weil ich an der Stelle geklatscht habe. Nach Nachfrage bei anderen Delegierten ob die sich auch dementsprechend so erinnern bin ich mir sehr sicher. Riecht verdächtig nach unsauberer Recherche. Was bei diesem Autor allerdings nicht neu wäre. Unerwähnt bleibt auch, dass bei den Besitzern tatsächlich viele neue Gesichter dabei sind und auch der 2. Stellvertreter ein frisches Mitglied ist.

  5. Klaus

    Ja, alles soll anders werden und nach der Wahl ist vor der Wahl. Zastrow und Haustein sind nur Indikatoren dafür wie restlos leer an Personal und Persönlichkeiten diese FDP mittlerweile ist.

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