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Freitag, 01.07.2016

Fakten gegen Gerüchte

Warum die Sächsische Zeitung künftig die Nationalität von Straftätern immer nennen wird. Egal, ob es sich um Deutsche oder um Ausländer handelt.

Von Oliver Reinhard

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© Symbolfoto: dpa

Was ist Wahrheit? Das, was in der Zeitung steht? Nun: Auch Journalisten sind weder weise noch allwissend. Aber sie geben sich in der Regel größte Mühe, mit Ihrer Arbeit der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. Auch unbequemen, unschönen oder schlimmen Wahrheiten, über die man weder gerne schreibt noch liest. Das gehört zu den höchsten Tugenden des Journalismus, zum Berufsethos.

Aber: Viele Menschen zweifeln daran, dass Journalisten sich wirklich um einen möglichst hohen Wahrheitsgehalt bemühen. Sie glauben vielmehr, Journalisten würden Wahrheiten manipulieren, halbieren und unterdrücken. Gerade seit der Flüchtlingskrise ist viel die Rede vom sinkenden Vertrauen in Medien. Tatsächlich aber belegen Untersuchungen, dass sich an Grad und Verhältnis von Misstrauen und Vertrauen der Menschen in die Presse seit Jahrzehnten nichts geändert hat.

Wir wollten es noch genauer wissen. Deshalb haben wir Professor Lutz Hagen vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden im Frühjahr dieses Jahres um eine repräsentative Umfrage unter unseren Abonnenten gebeten. Darüber, welche Meinung sie über die Berichterstattung der Sächsischen Zeitung haben.

Das Ergebnis hat uns sehr gefreut. 56 Prozent gaben unserer Arbeit die Note Gut, 34 Prozent ein Befriedigend, sechs Prozent sogar ein Sehr Gut. 72 Prozent der Abonnenten sagten darüber hinaus, an ihrem Vertrauen in die Sächsische Zeitung habe sich seit Beginn der Flüchtlingskrise nichts geändert.

Natürlich sind diese Erkenntnisse kein Anlass für uns, nun mit allem zufrieden zu sein und einfach so weiterzumachen. Schließlich gehört auch das Bemühen um Qualität und Vertrauen bei den Lesern zu den stetigen und alltäglichen Aufgaben der Redaktion. Und da wir wissen, dass gerade das Thema Ausländerkriminalität eine besonders sensible Leser-Vertrauensfrage ist, haben wir uns damit gesondert auseinandergesetzt. Es ist ja kein Geheimnis, dass etliche Deutsche glauben, die Medien würden in ihrer Berichterstattung die Herkunft ausländischer Straftäter aus Rücksicht auf diese verschweigen. Von unseren befragten Abonnenten ist zwar die Mehrheit von 53 Prozent nicht dieser Meinung, sagen weitere 15 Prozent „ich weiß nicht“. Aber immerhin 25 Prozent denken so.

Unser Ziel: Minderheiten schützen

Die Wahrheit ist: Fast alle Medien, darunter die Sächsische Zeitung, halten sich beim Thema Ausländerkriminalität an die Richtlinie 12.1 des Pressekodex, erstellt vom Deutschen Presserat. Der empfiehlt: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachzusammenhang besteht.“ Das gilt etwa für eine Straftat aus religiösen Motiven. Nicht aber für Diebstahl aus Habgier oder Armut.

Weiter lautet die Richtlinie: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Und eine solche Stigmatisierung – oder Schlimmeres – von Minderheiten ist seit geraumer Zeit tatsächlich verstärkt zu beobachten. Auch und gerade in Sachsen

Es liegt uns sehr am Herzen, die überwiegende Mehrheit der nicht kriminellen Flüchtlinge in Dresden und den anderen Gemeinden unseres Verbreitungsgebiets zu schützen und sie vor Diskriminierung zu bewahren. Dennoch haben wir uns gefragt: Trägt die Richtlinie des Pressekodex in der gegenwärtigen Situation in Dresden und Sachsen auch wirklich zum Schutz von Minderheiten bei?

Viele SZ-Mitarbeiter sind im Gegenteil überzeugt davon: Gerade das Nichtnennen der Nationalität von Straftätern und Verdächtigen kann Raum für Gerüchte schaffen, die häufig genau denen schaden, die wir doch schützen möchten. Wie die meisten unserer Kollegen halten auch vier von fünf SZ-Abonnenten die Nennung der Nationalität von Tätern nicht für diskriminierend und plädieren ebenfalls dafür, die Nationalität zu nennen.

Deshalb haben wir nach durchaus kontroversen Diskussionen beschlossen, uns bei der Berichterstattung über Ausländerkriminalität ab heute nicht mehr an die Richtlinie des Deutschen Presserates zu halten. Stattdessen werden wir künftig die Herkunft von Straftätern oder Verdächtigen in jedem Fall angeben. Egal, ob es sich dabei um Deutsche handelt, was die Regel ist, oder um Ausländer.

Allerdings können wir auch weiterhin nur Straftaten vermelden, von denen uns die Polizeibehörden auch in Kenntnis setzen, was mit Bagatellfällen wie kleineren Diebstählen oder Schwarzfahren für gewöhnlich nicht geschieht. Und wenn die Polizei die Herkunft der Täter und Verdächtigen bei schwereren Vergehen nicht nennt, können wir es ebensowenig. Tut sie es doch, werden wir auch diese Information nicht verschweigen.

Ein wichtiges Motiv für unsere Entscheidung waren ebenfalls Erkenntnisse aus der Abonnentenbefragung vom Frühjahr. Obwohl die SZ die Täterherkunft bisher eher selten nannte – meist nur, wenn sie in direktem Zusammenhang mit der Tat stand –, schätzen viele Leser die Zahl krimineller Flüchtlinge in Sachsen erheblich höher ein, als sie ist. Dieses Überschätzen von Ausländerkriminalität ist bundesweit ein gravierendes Problem, denn es kann rassistische Vorurteile befördern.

Ausländer sind nicht krimineller

Wir sind uns dessen bewusst: Wie so viele Mediennutzer – und mancher Journalist – nehmen auch einige SZ-Leser Informationen aus der Presse sehr selektiv auf. Manchen geht es weniger darum, sich mithilfe möglichst vieler Fakten der Wahrheit zu nähern. Sie suchen lediglich nach Bestätigung der eigenen Vorurteile. Oder nach der scheinbaren Bestätigung eines Gerüchts, von dem man gerne glauben möchte, dass es der Wahrheit entspricht. Deshalb konzentrieren sich viele Mediennutzer mit Vorliebe auf Meldungen über ausländische Täter und nehmen Nachrichten über deutsche Täter allenfalls nebenbei wahr.

Doch wir werden dem uns entgegengebrachten Vertrauen nur gerecht, wenn wir es auch zurückgeben. Und die wahrheitsgemäße Überzeugung der meisten Abonnenten, dass Ausländer eben nicht krimineller sind als Deutsche (65 Prozent, plus 13 Prozent „weiß nicht“), hat uns in unserer Entscheidung für die Nennung der Nationalität von Straftätern bestärkt.

Denn auch das eint die Journalisten der SZ mit der großen Mehrheit ihrer Leser: Es geht uns um die Wahrheit. Wir wollen ihr gemeinsam so nahe wie möglich kommen.