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Sonntag, 22.05.2011

Es stank zum Himmel

Seit Jahren warnen Umweltschützer vor den Gefahren einer Abfallanlage im nordsächsischen Pohritzsch. Nun steht sie still, es droht ein Müllskandal.

Von Thomas Schade

Sigrid Berger ist Trauerrednerin, wohnt am Galgenberg, wo vor langer Zeit tatsächlich ein Galgen stand, und hatte auch sonst wenig zu lachen, angesichts des Verkehrs, den sie ertragen musste. Unerschrocken zählte sie dennoch die schweren Laster, die an ihrem Haus vorbeidonnerten und glitschig grauen Dreck am Straßenrand hinterließen. „Bis zu 70 Laster kamen hier täglich vorbei, erst rein, dann raus aus dem Dorf, und alles auf der schmalen Wohngebietsstraße, die dafür überhaupt nicht geeignet ist“, sagt sie.

Nun haben die Neubürger, wie die Anlieger am Galgenberg in Pohritzsch auch genannt werden, Ruhe vor den Lastern mit den schmutzigen Reifen. Doch die Ruhe ist trügerisch. Denn in der kleinen Gemeinde nahe Delitzsch, unmittelbar an der Landesgrenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt, signalisiert der ausbleibende Schwerlastverkehr auch das Ende des größten Arbeitgebers im 320-Seelen-Dorf.

Das Unternehmen liegt abseits, umgeben von Obstplantagen, Getreidefeldern und einer Kleingartenanlage. Hochsilos, Leichtbauhallen, überdachte Förderbänder, ein flaches Bürogebäude prägen das Bild der Abfallanlage. Es herrscht Betriebsruhe. „Alle in Kurzarbeit“, sagt eine Frau am Empfang. Draußen überpinselt ein Mitarbeiter gerade den Firmennamen – S.D.R. Biotec Verfahrenstechnik.

Razzia bei den Firmenchefs

An der Firma, die mal bis zu 60Mitarbeiter aus der Umgebung beschäftigte, scheiden sich seit Jahren die Geister. Treffen die Vorwürfe zu, dann hat Biotec fast 60000 Tonnen sehr giftiger Abfälle aus Müllverbrennungsanlagen angenommen und auf oberirdische Deponien weitergeleitet, ohne die enthaltenen gefährlichen Stoffe ausreichend zu stabilisieren. Für den grünen Landtagsabgeordneten Johannes Lichdi ist die Firma Tatort „für einen der größten Giftmüllskandale in Sachsen seit der Wende“. Seit drei Jahren bedrängt Lichdi die Landesregierung mit Anfragen zu Biotec. Mittlerweile ist sie Thema im Müll-Untersuchungsausschuss des Landtags. Im März durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft mit 60 Beamten die Firma und die Wohnungen der Chefs. Seither scheint das Schicksal von Biotec besiegelt.

An jenem 10. März klingelten Beamte auch bei Jörg Schmidt an der Tür. Der 67-Jährige ist so etwas wie der Hauptfeind aller Biotec-Kritiker. Für die Staatsanwaltschaft ist er einer von zwei Beschuldigten.

Dennoch öffnet der promovierte Chemiker dem Reporter sein Gartentor und gibt Auskunft. Schmidt erzählt die Geschichte ambitionierter Wissenschaftler aus der Forschung des DDR-Chemiekombinates Bitterfeld. Ihre Arbeiten seien so speziell gewesen, dass sie nicht dem Generaldirektor unterstanden, sondern direkt dem Minister für Chemieindustrie. „Wir entwickelten Verfahren, die landläufig als Biotechnologie bekannt wurden“, sagt er. „Wir hatten ein Biotechnikum, das internationale Vergleiche nicht scheuen musste.“

Die Wende beendete alles. Es blieben die Initialen dreier Chemiker: S.D.R. Das S. steht dabei für Schmidt. Das Chemiker-Trio versuchte, in der Altlastensanierung Fuß zu fassen. „Wir hatten die Verfahren, aber keine Referenzen“, sagt Schmidt. Als Gutachter und Projektentwickler für die Treuhand lief es besser. Und weil die Treuhand gut zahlte, bekamen sie das Geld zusammen, um Mitte der 1990er-Jahre das Grundstück an der Brehnaer Straße in Pohritzsch zu kaufen und dort wieder ein Technikum aufzubauen.

Mit Partnern begannen sie ein Verfahren zur sogenannten Immobilisierung von Abfällen zu entwickeln. Bei dieser Methode werden gesundheitsgefährdende Abfälle durch andere Stoffe so verfestigt und aufbereitet, dass sie oberirdisch deponiert werden können. Die wichtigste Hürde dabei: Die Schadstoffe müssen dauerhaft stabilisiert werden. Erst wenn verhindert wird, dass Gifte beispielsweise ins Grundwasser eindringen könnten, gelten Abfälle als immobilisiert. Das Geheimnis sind die sogenannten Zuschlagstoffe, deren Rezepturen jeweils den gefährlichen Stoffen im Müll angepasst werden müssen. „Wir waren nicht die Einzigen, aber mit die Ersten, die das konnten“, sagt Schmidt. Seine Kritiker allerdings glauben, dass er das zu keinem Zeitpunkt konnte.

Mief im Neubaugebiet

Dennoch genehmigte das Leipziger Regierungspräsidium diese Art der Abfallbehandlung. So entstand eine Anlage zur Abfallbearbeitung, die von Jahr zu Jahr immer größere Mengen bewältigte. „Anfangs waren es drei, vier Lkws am Tag, dann wurden es immer mehr“, erinnert sich Sigrid Berger. Von 40000 auf 160000 Tonnen stieg seit 1999 die Abfallmenge, die Biotec jährlich annahm – darunter auch Klärschlamm. Der Gestank verärgerte Anwohner. „Wir konnten den Gestank nicht verhindern und haben das dann gestoppt“, sagt Schmidt. Beschwerden über Lärm und Staub habe er stets „zeitnah bearbeitet“.

Die Beschwerden kamen hauptsächlich vom Pohritzscher Galgenberg, wo die Gemeinde in den 90er-Jahren ein Wohngebiet erschlossen hatte. Alteingesessene Pohritzscher fühlten sich weniger belästigt. Ein Containerdienst in der Nachbarschaft erhielt längere Zeit Aufträge von Biotec. Im einzigen Gasthaus des Ortes machten die Brummifahrer Rast. Nicht einmal die Obstbauern, deren Früchte strenge Lebensmittelkontrollen bestehen müssen, klagten. „Da können wir schwerlich die großen Umweltsünder gewesen sein“, sagt Schmidt.

Dennoch riefen Lärm und Staub 2006 den Bürgerverein „Sauberes Delitzscher Land“ und die Deutsche Umwelthilfe auf den Plan. Es habe Hinweise gegeben, dass bei Biotec gefährliche Abfälle nur verdünnt werden, sagt Dietmar Mieth, Landwirt und Vereinsvorsitzender. Man erstritt Akteneinsicht bei den Behörden. „Schon damals fiel auf, dass in den Unterlagen Vorteile und Unbedenklichkeiten des Verfahrens überbetont, aber Probleme und Nachteile sehr oft ausgeblendet wurden“, sagt Mieth.

Im Jahr 2009 wollte Biotec 200000 Tonnen Abfall jährlich bearbeiten. Der Antrag wurde im Januar in der Turnhalle von Pohritzsch öffentlich erörtert. Im Publikum saßen wenige Pohritzscher, aber viele Umweltschützer, die jede Menge Bedenken vorbrachten. Biotec behandelte inzwischen auch Asche aus Müllverbrennungsanlagen – feinste Filterstäube, die von anderen Konzernen wie Kali & Salz unbehandelt unter Tage deponiert werden. „Für wesentlich mehr Geld“, sagt Schmidt. „Wir hatten einen Marktanteil von sieben Prozent erreicht, weil es preiswerter war, die Asche zu immobilisieren und oberirdisch zu deponieren.“ Das sei großen Entsorgern gar nicht recht gewesen. Neben den Umweltschützern zweifelte auch die Konkurrenz an seinem Verfahren. Die Behörden genehmigten den 200000-Tonnen-Antrag von Biotec nicht. Die Stäube waren offenbar schwer beherrschbar. Denn es häuften sich die Beschwerden.

Dietmar Mieth zog los, fotografierte Staubwolken im Betrieb und verschmutzte Straßen. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und Jörg Schmidt. Mieth gab nicht klein bei, nahm Proben von der grauen Masse, die von Pohritzsch auf Deponien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gebracht wurde. Nach der Analyse alarmierte die Deutsche Umwelthilfe Anfang 2009 mit der Mitteilung: Cadmium und Blei würde Böden und Wohngebiete um die Müllanlage verseuchen.

Biotec wehrte sich, stellte eigene Analysen vor -- ohne Grenzwertüberschreitung. Auch das Landratsamt Nordsachsen erklärte, dass die Vorwürfe nicht zuträfen, ordnete aber an, dass Biotec die Lkw-Reifen zu reinigen hat und ein umschlossenes Förderband bauen muss, um die Staubentwicklung zu reduzieren. Es gebe „keine Hinweise auf das Vorliegen einer Gefahr“, erklärte Umweltminister Frank Kupfer im Mai 2009 im Landtag.

Doch das Landesamt für Umwelt und Geologie betrieb inzwischen ein Messnetz rund um Biotec und bestätigte Ende 2009, dass im Umfeld der Anlage die zulässigen Immissionswerte bei Cadmium, Blei und Nickel zum Teil deutlich überschritten werden. „Unsere Warnung, dass Biotec die Umwelt gefährdet, erwies sich als völlig berechtigt“, sagt Dietmar Mieth. Die Messergebnisse wiesen zudem darauf hin, dass Biotec die Technologie nicht beherrscht, gefährlichen Abfall in ungefährlichen Abfall umzuwandeln“, so Mieth. „Es war viel Lüge in der Luft.“

Verdacht auf Scheinverwertung

Das Landratsamt untersagte Biotec im Januar 2010, sogenannte „sehr giftige Abfälle“ anzunehmen. Der Bürgerverein stellte fast zeitgleich Strafanzeige. Untersuchungen auf der Zentraldeponie Cröbern nährten in den Behörden den Verdacht, dass Biotec nicht ordnungsgemäß entsorgt. Der Vorwurf der „Scheinverwertung“ machte die Runde bei Umweltschützern, Behörden und bei der Konkurrenz.

„Das war der Anfang vom Ende“, sagt Ex-Biotec-Chef Schmidt, der wenige Wochen vor der Razzia aus der Firma ausgeschieden war. „Wir haben nichts getan, was nicht genehmigt war“, sagt er, und ist nach wie vor überzeugt von seinem Verfahren. „Man wollte uns nicht mehr, und das hat man erreicht.“Die Zuständigen in den Ämtern hätten Biotec erst wachsen und dann sterben lassen.

Diese Wandlung will der Grüne Johannes Lichdi auch im Müll-Untersuchungsausschuss aufklären. Der Fall Biotec füllt einen ganzen Aktenschrank im Landtag. „Die Anlage hätte wohl nie genehmigt werden dürfen“, vermutet Lichdi. Träfe das zu, wären mehr als eine Million Tonnen mehr oder weniger gefährliche Abfälle vorschriftswidrig deponiert worden. In diesem Fall seien die Gefahren für die Umwelt noch gar nicht abschätzbar.

Die Leipziger Staatsanwaltschaft ermittelt zu den Ereignissen der letzten fünf Jahre. Was davor passierte, sei verjährt, sagt Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz. Noch würden die beschlagnahmten Unterlagen gesichtet. Gutachter sind tätig. Sie sollen auch feststellen, ob das bei Biotec angewendete Verfahren überhaupt zu den versprochenen Ergebnissen führen konnte. Ob es zu einer Anklage kommt, könne man derzeit noch nicht sagen, so Schulz. Aber bei Ermittlern heißt es: „Da ist schon was schiefgelaufen in Pohritzsch.“