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Donnerstag, 05.10.2017

Ernten oder pokern?

Kaum ist die Sonne wieder draußen, wollen die Winzer die Reife ausreizen. Doch nicht jeder traut sich.

Von Peter Redlich

Riesling-Ernte im Weingut des Radebeuler Winzers Friedrich Aust. Winzerlehrling Christoph Hünecke muss im Weinberg Hoffmannsberg den richtigen Blick für die reifen Trauben haben.
Riesling-Ernte im Weingut des Radebeuler Winzers Friedrich Aust. Winzerlehrling Christoph Hünecke muss im Weinberg Hoffmannsberg den richtigen Blick für die reifen Trauben haben.

© Norbert Millauer

Im August und Anfang September sprachen alle von der frühesten Weinlese seit Jahren im Elbtal. Der Spruch ist gegessen. Die Regenfälle der letzten Wochen haben das alles über den Haufen geworfen. Erst jetzt, in den gerade wieder eingesetzten Sonnentagen, sind die Winzer und Helfer mit den Traubenscheren wieder im Weinberg. Doch bei der Ernte zeigen sich ganz unterschiedliche Ansichten und Zwänge.

Voll mit guter Laune geladen ist Friedrich Aust. Der Radebeuler Winzer mit seinen 26 000 Rebstöcken auf 6,5 Hektar zieht mit den Mitarbeitern durch die Reihen am Goldenen Wagen. „Unsere Topweine wie Spätburgunder und Riesling hängen noch. Warme Tage und kühle Nächte, wie in den letzten Tagen, sind das Beste, was wir kriegen können“, sagt Aust. Dann bekomme der Wein noch mal richtig Aroma.

Deshalb will der Radebeuler die Ernte auch so weit wie möglich hinauszögern. Etwa ein Drittel der Trauben ist bei ihm vom Stock. Die Weißburgunderlese war schon dran.

Während Friedrich Aust seinen Traminer vom Goldenen Wagen schon in die Presse gebracht hat, sieht das Matthias Schuh in Sörnewitz ganz anders. Bis Ende Oktober will er – etwa beim Traminer – die Lese rausziehen. Schuh, der wiederholt als bester Jungwinzer deutschlandweit ausgezeichnet wurde, sagt: „Wir haben alte, sehr gesunde Weinstöcke. Düngen wenig, setzen auf Handarbeit und lassen den Trauben viel Luft zum Abtrocknen.“ So habe die Fäulnis an nassen Tagen wenig Angriffsfläche zwischen den Reihen.

Erst ein Fünftel der gut 20 000 Rebstöcke, die auf den fünf Hektar stehen, ist abgeerntet. Dieser Tage waren Schuh und seine Mitstreiter im Elbling, vorher schon ernteten sie den Dunkelfelder, einen kräftigen Rotwein. „Es handelt sich hierbei um den Wein, den wir in den Nächten zum 19. und 20. April mit 100 Feuerstellen vor Frost geschützt haben“, sagt Schuh. „Obwohl es mit gut minus zwei Grad Celsius damals ziemlich knapp gewesen ist, hatten die Reben keinerlei Frostschäden erlitten.“ Mit der erfolgreichen Lese sei der Beweis erbracht, dass sich die Mühe mit den vielen kleinen Feuern gelohnt hat.

Große Mühe, ihre Ernte mit wenig Ausfall reinzubekommen, machen sich die Winzer auf dem Weingut Matyas in Coswig. „Bei uns hat die Fäulnis nach den Regenfällen im August und September stark eingesetzt“, sagt Ingeborg Probocskai. Etwa die Hälfte des Weins von den 6,8 Hektar mit rund 28 000 Rebstöcken sei geerntet. Dazu gehören der Müller-Thurgau und der Bacchus. Die Weißburgundertrauben werden gerade abgeschnitten. Ingeborg Probocskai: „Wir hätten den Wein gerne noch 14 Tage länger hängengelassen, aber die Sorge um den Befall lässt das nicht zu.“

Auf knapp fünf Hektar und an etwa 20 000 Stöcken wächst der vielfach ausgezeichnete Wein vom Gut Drei Herren. Weinbergsleiter und Kellermeister Jacob Oehler sagt, dass ein Drittel der Ernte rein ist – Riesling, Spätburgunder, Scheurebe betreffe das. Am Berg in Sörnewitz will Oehler aber den Auslese-Riesling noch bis Mitte Oktober stehenlassen. Der habe sich prächtig entwickelt, sagt er.

Im Staatsweingut Schloss Wackerbarth muss von 104 Hektar Rebfläche der Wein reingeholt werden. Die größte Anbaufläche in Sachsen. Am 21. August haben die Wackerbarth-Winzer schon begonnen, allerdings damals nur für den Federweißen mit der frühreifen Sorte Solaris. Knapp zwei Wochen Reifevorsprung registrierten die Wackerbarth-Winzer im August.

Die Flächen des Staatsweingutes gehören zu jenen in Sachsen, die schon am weitesten abgeerntet sind. „Zwei Drittel der Weinlese haben wir abgeschlossen“, sagt Martin Junge vom Weingut. Derzeit werden die Rebsorten Grau- und Weißburgunder sowie Kerner gelesen.

Aus den Trauben der Wackerbarth-Reben entstehen Sekt und Wein. „Die Lese unserer Sektgrundweine auf der Lage Seußlitzer Heinrichsburg schließen wir in den nächsten zwei Wochen ab, so Junge. Auf den Rebflächen in Laubach reifen derzeit noch unsere Rotweine der Rebsorten Blaufränkisch und Spätburgunder. In den Steillagen und Terrassenweinbergen in Radebeul – wie dem Wackerbarthberg, dem Paradies oberhalb vom Lößnitzgrund oder dem Goldenen Wagen neben der Spitzhaustreppe – hängen Riesling sowie die Trauben für die Traminer Spätlese. Die Mannschaft von Wackerbarth geht von einer Erntezeit bis Ende Oktober aus.

„Es ist ein Poker mit dem Wetter“, sagt auch Felix Hößelbarth, Kellermeister des Radebeuler Stadtweingutes Hoflößnitz. Etwa die Hälfte der elf Hektar Fläche mit etwa 50 000 Rebstöcken ist geerntet. Aber beim Riesling und dem Traminer wolle er die Ernte schon noch bis Mitte Oktober hinausziehen. Hößelbarth: „Probleme bereiten uns die immer wieder einsetzenden Regenschauer. Die Fäulnis schreitet voran und wir müssen genau abwägen, was mehr nützt – mehr Reife oder mehr Verlust.“ Poker eben.

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