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Freitag, 25.03.2016

Er dreht am Zeiger

In der Nacht zum Ostersonntag werden die Uhren eine Stunde vorgestellt. In Kurort Hartha kennt man sich damit aus.

Von Franz Werfel

In der Uhrentechnischen Lehrschau Hennig, die Harald Steuer als Vereinsvorsitzender betreut, findet sich auch dieses alte Ziffernblatt. Es hing einst in Kurort Hartha. Zeiger muss Harald Steuer hier nicht mehr verstellen.
In der Uhrentechnischen Lehrschau Hennig, die Harald Steuer als Vereinsvorsitzender betreut, findet sich auch dieses alte Ziffernblatt. Es hing einst in Kurort Hartha. Zeiger muss Harald Steuer hier nicht mehr verstellen.

© Andreas Weihs

Das mit den Funkuhren ist so eine Sache. Denn auch die können sich irren. Harald Steuer, der Vorsitzende des Vereins Uhrentechnische Lehrschau Hennig in Kurort Hartha, hat das mehrmals selbst erfahren. „Es ist schon vorgekommen, dass die Glocke auf dem Kurpark uns kurz nach Mitternacht geweckt hat“, so Steuer.

Er hatte sich bei der letzten Sanierung dafür eingesetzt, keine Funkuhr einzubauen. „Die können auch ungenau sein“, sagt er. Und zwar immer dann, wenn das zentrale Funksignal aussetzt. „Ich war damals für den klassischen Pendelregulator.“

Damit kennt sich der studierte Maschinenbauingenieur aus. Seit fast 20 Jahren beschäftigt er sich ehrenamtlich mit der Feinmechanik. Wie die Zeit seit 1850 gemessen wird, kann man in der Lehrschau, die seit 2008 im ehemaligen Harthaer Rathaus untergebracht ist, nachvollziehen. Im Foyer begrüßt das großformatige Porträt eines Uhrmachers. „Die Maschine wird ihn nie ersetzen!“ steht darunter. Betritt man die Ausstellung, schallt dem Besucher ein vielstimmiges Ticken entgegen. Pendeluhren, Kuckucksuhren, Schachuhren und Wecker finden sich hier ebenso wie Metronome, ältere Kameraobjektive mit zeitgeschalteten Auslösern – und Zeitzündern deutscher Produktion aus den 30er-Jahren.

Die Zifferblätter, an denen man die Zeit abliest, spielen dabei eine untergeordnete Rolle. „Mit unserer Lehrschau wollen wir vor allem zeigen, was sich im Inneren der Uhren abspielt“, erklärt Harald Steuer. Die meisten Gehäuse zeigen sich nackt, sie sind aufgeschraubt und geben ihr inneres Geheimnis preis. Etwa das, wie Buffet-Uhren, die ab der Jahrhundertwende im Jugendstil in der Bürgerschaft zunehmend beliebter wurden, funktionieren. „Um so flache Gehäuse zu ermöglichen, musste man einen neuen Mechanismus finden. Damit das Pendel nicht mehr senkrecht, sondern waagerecht ausschlägt“, erklärt Harald Steuer. Die Uhrenhersteller machten das mit Gegengewichten möglich.

Die interessante Buffet-Uhr der Lehrschau wurde um 1928 in Deutschland gefertigt – allerdings nach einem englischen Vorbild. Alle Viertelstunde erklingt eine andere Tonfolge. Im Gehäuse ist ein Westminster-Schlagwerk verbaut. So holte man sich das Glockenspiel des Londoner Westminster-Palastes, in dem sich das britische Parlament und die berühmte Glocke Big Ben befinden, in die deutschen Stuben.

Den Verein zur Uhrentechnischen Lehrschau gibt es seit 1997. Harald Steuer weiß noch genau, wie stolz die Vereinsmitglieder waren, als die Lehrschau des Harthaers Johannes Hennig im Jahr 2000 erstmals komplett öffentlich ausgestellt werden konnte. Das war in der Harthaer Schule. Ende 2008 zog die Schau in das ehemalige Rathaus des Kurortes um. Hier gibt es nun rund 1 000 Objekte zu sehen, jährlich besuchen etwa 300 Gäste die Schau. Darunter auch Experten aus Glashütte – und natürlich Schulkinder aus der Umgebung.

Wirklich viele Uhren muss Harald Steuer zur Sommerzeit aber nicht umstellen. „Wenn keiner die Schau besucht, halten wir unsere Uhrwerke an“, sagt er. Zu hoch sei der Aufwand, alle ständig in Bewegung zu halten, zu teuer das teils sehr alte Material. „Wir könnten dringend Nachwuchs bei der Wartung und Betreuung der Objekte gebrauchen“, sagt Steuer. Enthusiasten, die die Schau erhalten und weiterentwickeln. Eine Idee dafür hat Harald Steuer schon. „Ich wünsche mir, dass wir die Lehrschau ins digitale Zeitalter holen. Dadurch könnte sie auch interaktiver werden.“ Er würde gern ein Programm für Smartphones nutzen. Dann könnte jeder Besucher selbst entscheiden, wie intensiv er sich mit einzelnen Ausstellungsstücken auseinandersetzen möchte und zu welchem Objekt er gern weitere Informationen hätte.

Wenn man sich so viel mit Zeit und ihrem mechanischen, unaufhaltsamen Vergehen beschäftigt, blickt man dann anders auf dieses Phänomen? „Ich habe mir angewöhnt, gelassener mit der Zeit umzugehen. Der Beschleunigungswahn in der Moderne ist ja nicht mehr normal.“ Gelassenheit. Die wünscht er sich auch für seine Mitmenschen. Nicht nur zur Sommerzeit.

Die Lehrschau öffnet an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat, jeweils von 14 bis 16 Uhr. Wer einen Termin vereinbart, den führt Harald Steuer auch zu anderen Zeiten durch die Ausstellung.

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