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Montag, 02.04.2018

Eine Million Unterschriften für die Vielfalt Europas

Die Europäische Bürgerinitiative „Minority SafePack“ möchte die EU auffordern, die kulturelle und sprachliche Vielfalt in der Union zu stärken. Bis 3. April kann noch abgestimmt werden. In Sachsen unterstützt die Domowina - Bund Lausitzer Sorben - die Initiative.

Von Miriam Schönbach

Sorbisch-deutsche Wegweiser in Hoyerswerda: Nach Einschätzung der Unseco ist mehr als die Hälfte der weltweit über 6000 Sprachen vom Aussterben bedroht.
Sorbisch-deutsche Wegweiser in Hoyerswerda: Nach Einschätzung der Unseco ist mehr als die Hälfte der weltweit über 6000 Sprachen vom Aussterben bedroht.

© Jens Kalaene/dpa

Bautzen. Mehr Vielfalt in Europa: Im April vergangenen Jahres hat die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) die Kampagne „Minority SafePack“ ins Leben gerufen mit der Forderung, Angehörige nationaler Minderheiten und Sprachminderheiten besser zu schützen. Eine Millionen Stimmen müssen bis 3. April gesammelt werden, damit sich die EU-Kommission mit dem Thema befasst. In Deutschland unterstützt die Domowina das Projekt. Der Bund Lausitzer Sorben setzt sich seit seiner Gründung 1912 für den Erhalt der ober- sowie niedersorbischen Sprache sowie der Traditionen des sorbischen Volkes ein. Über die Initiative sprach die Deutsche Presse-Agentur mit dem Domowina-Vorsitzenden David Statnik.

Herr Statnik, was verbirgt sich hinter der FUEN-Initiative?

Die Minority SafePack Initiative - im übertragenen Sinne ein „Minderheiten-Sicherheitspaket“ - ist ein umfassendes politisches Maßnahmenpaket für die Rechte nationaler und sprachlicher Minderheiten. Denn sie werden nicht immer respektiert, in vielen Fällen sind sogar in Europa Sprache und Kultur gefährdet. Einige stehen auch aus politischen Gründen stark unter Druck. Nach Einschätzung der Unseco ist mehr als die Hälfte der weltweit über 6000 Sprachen vom Aussterben bedroht. 200 Sprachen sind während der letzten drei Generationen ausgestorben, etwa 1700 Sprachen sind ernsthaft gefährdet, über 600 Sprachen werden kaum noch gepflegt.

Können Sie einige Beispiele besonders gefährdeter, europäischer Minderheiten nennen?

Die sorbische Sprache, besonders das Niedersorbische in Brandenburg, zählt zu den bedrohtesten Sprachen Europas. Verweisen möchte ich aber auch auf die Samen in den skandinavischen Ländern, die Okzitaner oder Bretonen in Frankreich, die deutsche Minderheit in Polen oder die Roma in osteuropäischen Ländern. Letztere leiden besonders unter der menschenunwürdigen Politik einzelner Nationalstaaten. Es ist unglaublich, doch mitten in Europa leben Menschen in Slums, haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem, zur Bildung und zum Sozialsystem.

Warum unterstützt die Domowina das Projekt?

Es ist eine der bedeutendsten solidarischen Aktionen der Minderheiten in Europa. In den 47 Staaten Europas mit 743 Millionen Menschen leben rund 340 alteingesessene Volksgruppen mit mehr als 100 Millionen Menschen. Jeder siebte Europäer ist Angehöriger einer solchen Minderheit. Es gibt in der EU neben den 24 Amtssprachen über 60 Regional- oder Minderheitensprachen, die von rund 50 Millionen Menschen gesprochen werden. Die Sorben sind wie die Friesen, Dänen oder Sinti und Roma in Deutschland Teil dessen - und wenn wir die Vielfalt Europas erhalten wollen, ist es an der Zeit, die Werte dieser Gemeinschaften im Staat anzuerkennen und zu fördern. Und davon haben nicht nur die nationalen Minderheiten in Deutschland etwas, sondern auch die deutschsprachigen Gemeinschaften in mehr als 20 europäischen Ländern.

Eine Millionen Unterschriften werden gebraucht, damit sich die EU-Kommission mit dem Thema befasst. Was versprechen Sie sich davon?

Zuerst erhalten die Organisatoren die Möglichkeit, ihre Initiative bei einer öffentlichen Anhörung im Europäischen Parlament vorzustellen. Danach veröffentlicht die Kommission eine Entscheidung, wie mit dem Antrag verfahren werden soll. Ziel ist natürlich, dass Europa bei Planungen die Regionen beachtet, in denen Minderheiten und kleine Volksgruppen leben und, dass sich ihre rechtliche Situation europaweit verbessert. Ein praktisches Beispiel liegt dabei direkt vor unserer Haustür. In der Lausitz diskutieren wir derzeit über den Strukturwandel - schrittweise weg von der Braunkohle hin zu erneuerbaren Energien. Dieser Wandel wird die Region grundlegend verändern. Auch wir Sorben sind hiervon betroffen. Ohne politische Unterstützung wird uns der Wandel nicht gelingen. Hier muss die Bundesrepublik und Europa helfen.

Zur Person: David Statnik ist seit sieben Jahren Vorsitzender des sorbischen Dachverbandes Domowina. Der 34-jährige Sorbe arbeitete bis 2013 als Bühnenmeister im Sorbischen National-Ensemble. Außerdem vertritt der dreifache Vater aus Ralbitz die Sorbische Wählervereinigung im Bautzener Kreistag. Die Sorben gelten als kleinstes slawisches Volk und sind in der Ober- und Niederlausitz zu Hause. Schätzungsweise gehören der Minderheit 60 000 Menschen in Sachsen und Brandenburg an. (dpa)