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Montag, 08.02.2016

Ein Meißner namens Mohamad

Das erste Baby, das in einer sächsischen Erstaufnahme geboren wurde, lebt in Meißen. Seine Familie floh vor dem IS.

Von Dominique Bielmeier

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Die Geburtshelfer Uta Herzschuch, Hassan Messlem und Anja Boldt mit dem jüngsten Campbewohner.
Die Geburtshelfer Uta Herzschuch, Hassan Messlem und Anja Boldt mit dem jüngsten Campbewohner.
  • Die Geburtshelfer Uta Herzschuch, Hassan Messlem und Anja Boldt mit dem jüngsten Campbewohner.
    Die Geburtshelfer Uta Herzschuch, Hassan Messlem und Anja Boldt mit dem jüngsten Campbewohner.
  • Familie Akraoy – Vater Said, Mutter Shaema, Tochter Asmaa, Sohn Abas und der neugeborene Mohamad – mit Campleiterin Sarah Schenke und einem Mitarbeiter des Medpoints
    Familie Akraoy – Vater Said, Mutter Shaema, Tochter Asmaa, Sohn Abas und der neugeborene Mohamad – mit Campleiterin Sarah Schenke und einem Mitarbeiter des Medpoints

Eine fünfköpfige Familie zusammenzutrommeln, ist gar nicht so leicht: Ibrahim Akraoy, der 13-jährige Sohn, ist gerade in der Schule, er fällt also schon einmal raus. Said und Shaema, seine Eltern, sind mit ihren drei anderen Kindern in ihrer kleinen Wohnung. Diese besteht aus zwei einander gegenüberliegenden Zimmern, in denen noch vor ein paar Monaten Studenten der Fachhochschule der sächsischen Verwaltung lebten.

Es dauert einen Moment, bis sie startklar sind für das Treffen mit der Presse. So ist es ausgerechnet der Jüngste der Familie, Mohamad Akraoy, der als Erster in den Besprechungsraum der Erstaufnahmeeinrichtung in Meißen kommt – oder besser: getragen wird.

Eingewickelt in ein weißes Tuch – eine deutsche Hebamme würde diese Technik, die einen Säugling beruhigen soll, „Pucken“ nennen – liegt das Baby im Arm von Anja Boldt. Die 35-jährige DRK-Mitarbeiterin kann den Blick kaum von dem leise quengelnden Kind abwenden. Genau einen Monat wird es heute alt – und Anja Boldt war bei seinem allerersten Atemzug dabei.

Zusammen mit ihrer Kollegin Uta Herzschuch wurde die DRK-Mitarbeiterin am Morgen des 4. Januar spontan zur Geburtshelferin des ersten Babys, das in einer sächsischen Erstaufnahmeeinrichtung zur Welt kam. Inzwischen ist auch der Rest von Mohamads Familie – Mutter Shaema Mohamad (36), Vater Said Akraoy (37), Bruder Abas (12) und Schwester Asmaa (5) – dazugekommen. DRK-Dolmetscher Hassan Messlem übersetzt aus dem Arabischen für die irakische Familie. Noch hat er aber nichts zu tun, denn erst mal erzählt die unfreiwillige Hebamme.

Der Onkel wurde hingerichtet

Am 4. Januar wurde sie gleich morgens von Said Akraoy in die Wohnung der Familie gerufen. Bis Anja Boldt ihre Handschuhe suchen konnte, stand die werdende Mutter schon mit Wehen im Haus. Dann platzte die Fruchtblase. Der gerufene Arzt und Notdienst schafften es nicht rechtzeitig nach Bohnitzsch. So kam Mohamad mithilfe der beiden DRK-Frauen und des Übersetzers Hassan Messlem im „Medpoint“ des Heimes auf die Welt, dort wo die medizinische Versorgung der Flüchtlinge koordiniert wird.

„Yes, yes“ sagt der Vater, während Anja Boldt erzählt, und strahlt, als hätte er jedes Wort verstanden. Doch um zu erzählen, wie die Familie nach Deutschland kam, und warum sie hier ist, benötigt er Messlem. Der 30-Jährige übersetzt, dass die Familie aus dem irakischen Mossul kommt, einer Hochburg des sogenannten Islamischen Staates. Daesh nennt der Vater die Dschihadisten, die ihn und mehr als eine halbe Million anderer Menschen, so schätzt die Internationale Organisation für Migration (IOM), aus der Region um die zweitgrößte irakische Stadt vertrieben haben. Seinen Onkel hätten sie mit dem Messer hingerichtet, erzählt er Hassan Messlem, und der macht zur Verdeutlichung eine Handbewegung, als würde ihm die Kehle durchgeschnitten.

Aus seinem Geldbeutel zieht Said Akraoy ein sorgfältig gefaltetes Dokument in arabischer Schrift: die Sterbeurkunde seines Onkels. In Mossul arbeitete Shaema Mohamad als Erzieherin, ihr Mann war Verkäufer in einem Laden. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich sind sie nach Deutschland geflohen. „I love you, Germany“, sagt der Familienvater in gebrochenem Englisch und strahlt wieder. Er hätte schon vor 15 Jahren kommen sollen, erzählt er mit etwas Wehmut. So war es immerhin die Schwangerschaft seiner Frau, die der Familie die elftägige Flucht etwas vereinfacht hat: An den Grenzen wurden sie bevorzugt behandelt.

Die Familie hofft auf eine Wohnung

Seit drei Monaten leben die Akraoys schon in der Erstaufnahme in Bohnitzsch. Jeden Tag könnte es nun so weit sein, dass sie in eine Wohnung umziehen dürfen – irgendwo in Sachsen, das erfahren sie erst kurz vorher. Wohin sie kommen, ist ihnen auch egal. Für die Zukunft ihrer Kinder haben sie nur einen Wunsch: Sie sollen in Frieden hier leben können, zur Schule gehen, vielleicht studieren. Abas und Ibrahim, die beiden Söhne, hätten wegen des Krieges bereits ein ganzes Schuljahr verloren. Mohamad soll das nicht passieren.