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Dienstag, 06.02.2018

Ein Luftballon verbindet Ost und West

Im Herbst 1964 überquert ein Luftballon mit einer Postkarte die innerdeutsche Grenze. Es entsteht eine Freundschaft - und ein Beziehungsgeflecht, das heute zwei deutsche Regionen verbindet. Teil 1 der abenteuerlichen Ost-West-Geschichte:

Von Tobias Wolf, Christian Bachmann, Fabian Schröder

Eine Freundschaft, die im Kalten Krieg Ost und West miteinander verband und auch heute noch Bestand hat, nahm ihren Anfang mit dem Flug eines Luftballons.
Eine Freundschaft, die im Kalten Krieg Ost und West miteinander verband und auch heute noch Bestand hat, nahm ihren Anfang mit dem Flug eines Luftballons.

© SZ

Vor 10 316 Tagen fiel die Berliner Mauer, und genauso lange hatte sie vorher gestanden. Deshalb nennt man den 5. Februar 2018 auch „Zirkeltag“. Jetzt ist die Mauer also länger weg, als sie da war. Mal wieder ein Grund zum Feiern – nicht nur für zwei alte Brieffreundinnen aus Ost und West, deren Geschichte wir in einer vierteiligen Dokumentation erzählen. Dies ist der erste Teil einer unwirklich klingenden, aber tatsächlich bis heute so andauernden Geschichte. Aus einer Brieffreundschaft zwischen zwei Mädchen ist ein Beziehungsgeflecht entstanden, das ihre Familien und ihre Gemeinden erfasst hat.

Herbst 1964: Christliche Jugendgruppen treffen sich im schwäbischen Schorndorf. Als Abschluss lassen die Teenager Luftballons mit Botschaften in den Himmel steigen. Der Junge Albrecht hat seine Adresse auf eine Postkarte geschrieben. Sein Ballon fliegt über 300 Kilometer weit, überquert dabei die streng bewachte innerdeutsche Grenze und landet auf einem Rübenacker in Drebach, mitten im Erzgebirge. Was dann passierte, davon erzählen sich heute zwei Familien, zwei Orte in Sachsen und Franken - und dieser kurze Dokumentarfilm:


Die kleine Deutsche Einheit: Episode 1

Teil 1 der Video-Dokumentation „Die kleine Deutsche Einheit“.


Auf dem Rübenfeld findet ein Bauer den Luftballon. Es ist der Vater von Brigitte Drechsler. Er sagt seiner damals zwölfjährigen Tochter, sie soll dem Absender schreiben. Nur, sie darf nicht erwähnen, dass der Vater den Brief gefunden hat, weil er zu dieser Zeit Chef der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) im Ort war, erzählt die heute 65-Jährige und berichtet von einem bedrückenden Lebensgefühl, das es so wohl nur in Diktaturen gibt. Aus Furcht vor den Behörden, denen Westkontakte ihrer Bürger ein Dorn im Auge waren, mussten alternative Fakten geschaffen werden: In der offiziellen Version findet deshalb die Mutter den Ballon.

Brigitte schickt dem schwäbischen Jungen Albrecht ein Foto von sich. In einem kurzen, 18-zeiligen Brief schreibt sie, wie erstaunlich es sei, dass es der Ballon bis ins Erzgebirge geschafft hat. Sie bittet um eine Dose Penatencreme und bietet dafür eine Gegenleistung an. Noch heute existiert das zwei Welten verbindende, auf rauem, kariertem DDR-Papier verfasste Schreiben.

Diesen Brief schrieb Brigitte Drechsler, die damals noch Friedrich hieß, zurück. Das kleine Bild zeigt sie im Herbst 1964.

Den Brief mit der mädchenhaften Schönschrift hat Ruth Kupser aufbewahrt. Denn sie antwortete auf den Brief aus dem Erzgebirge, weil Brigitte ein Mädchen im gleichen Alter war. „Wir mussten erst im Atlas schauen, wo Drebach und das Erzgebirge liegt“, sagt die 66-Jährige mit weichem schwäbischen Dialekt. „Wir waren total fasziniert, Erzgebirge ist ja Osten, und die Mauer war gerade drei Jahre gestanden.“

Zwischen Schorndorf und Drebach liegen rund 320 Kilometer Luftlinie. So weit flog der Ballon.

Ende 1964 kommt die Penatencreme in Drebach an. Brigitte und ihre Eltern schicken einen Räuchermann mit grüner Schürze und aufgemaltem Gesicht zurück, später noch einen Nussknacker. Es sollte nicht dabei bleiben. Ein reger Kontakt entsteht. In den Briefen geht es um Schule, Hobbys und Musik. Brigitte Drechsler mag Volksmusik und Schlager. Ruth Kupser, geprägt durch ihre christliche Familie, hört klassische Musik, Kantaten von Johann Sebastian Bach. Beide Mädchen sind in ihren Kirchgemeinden engagiert. Es dauerte nicht lang - und sie reiste Weihnachten 1966 nach Drebach.

Brigitte und ihre Eltern laden Ruth ein. Die Familie der jungen Schwäbin stimmt zu. Ruth Kupser muss lachen, wenn sie erzählt, dass ihre Mutter sie schon mit 15 Jahren in die DDR reisen ließ, weil der Zwangsumtausch von West- in Ost-Mark für Kinder nicht galt und auch die Bahnfahrkarte billiger war. „Die Baden-Württemberger sind ja für ihre Sparsamkeit bekannt“, sagt Ruth Kupser.

Meistens begann der Besuch von Ruth Kupser bei ihrer Brieffreundin am Chemnitzer Hauptbahnhof. So wie auf diesem Foto aus den 1970er Jahren.

„Die Fahrt in den Osten war wie ein Abenteuer.“ Morgens im Dunklen gestartet, kommt sie abends wieder im Dunklen in Karl-Marx-Stadt an, wo die Brieffreundin mit dem Vater am Bahnsteig wartet. Zwei Welten treffen aufeinander. „Wir haben uns anfangs nicht verstanden, weil ich schwäbisch gesprochen habe und Brigitte erzgebirgisch“, sagt Ruth Kupser. „Es war die Weihnachtszeit und sie hatten extra eine Gans besorgt, dabei wurde bei uns in der Familie kein Geflügel gegessen.“ Die junge Ruth weiß, dass das in der DDR der 60er Jahre etwas Besonderes ist.

Obwohl die eine im Westen und die andere im Osten lebt, verstehen sich die Mädchen immer besser. Ruth besucht regelmäßig die Freundin im Osten, guckt sich mit ihr das Erzgebirge und Karl-Marx-Stadt an. Diese lebenslange „kleine Deutsche Einheit“ zeigen diese beiden Bilder aus den 1970er Jahren und von heute.

Ruth Kupser (links) und Brigitte Drechsler in den 1970er Jahren und heute.

Dann kommt Günter Drechsler in Brigittes Leben. Zu dieser Zeit herrscht für ein paar Jahre Funkstille zwischen den Brieffreundinnen. Hochzeit, Schwangerschaft, Familie. Mit der Geburt des ersten Sohnes lebt die Freundschaft wieder auf. Die Frau aus dem Westen wird die Taufpatin. Ab 1978 bringt Ruth ihren Freund Rudolf Kupser mit. Der Sozialpädagoge trägt, ganz zeitgemäß, Vollbart und Jeans mit Schlag.

Aus der Brieffreundschaft ist eine Familiensache geworden, obwohl immer nur die einen über die Grenze dürfen. Kupsers bringen ihre Söhne mit in die DDR, erkunden das Erzgebirge und fahren bis nach Dresden. Zwei Elternpaare und fünf Kinder bewohnen in diesen Tagen Drechslers Neubauwohnung mit zweieinhalb Zimmern. Fotos zeigen den ältesten Sohn an der Dresdner Hauptstraße oder am Trümmerberg der Frauenkirche. Nach Dresden kommt Rudolf Kupser später mit einer Gruppe Neuendettelsauer Krankenpflegeschüler, die den Austausch mit dem hiesigen Diakonie-Krankenhaus pflegen.

Dabei erlebt der Westdeutsche immer wieder die kleinen Gemeinheiten des DDR-Alltags. Am Rande der Dienstreise besucht er die Freunde in Drebach. Günter bringt ihn am Abend mit dem Wartburg nach Meißen, wo Kupsers Krankenpfleger in einem Restaurant warten. Der will den Freund mit an den Tisch nehmen. Doch der Kellner stellt sich in den Weg. DDR- und BRD-Bürger an einem Tisch, das ginge nicht und werde nicht bedient. Am Ende essen die beiden Männer woanders zusammen.

Brigittes Ehemann Günter Drechsler (rechts) versteht sich auch schnell prächtig mit Rudolf (links), dem neuen Freund von Ruth (Mitte).

Günter und Brigitte Drechsler sehen auch durch die Augen der Freunde die Widersprüche, die das System DDR produzierte, die Willkür und was Propaganda mit Wirklichkeit zu tun hatte. Fast verpasst Günter Drechslers Mutter die Beerdigung ihrer Mutter im Westen. Die Behörden bauen immer neue Hürden auf. Mal stimmt ein Passfoto nicht, mal fehlt ein Stempel, dann wird die Ausreise abgelehnt. Erst der Kontakt zu einem Volkskammerabgeordneten und dessen Intervention stimmen die Behörden um. Doch dann wird Drechslers Mutter am Tag der Ausreise wegen Formalitäten von der Polizei so lange hingehalten, bis der letztmögliche Zug in Karl-Marx-Stadt abgefahren ist. Nur durch die Hilfe eines Freundes, der sie schnell mit dem Auto nach Crimmitschau fahren kann, erwischt sie dort gerade noch so den Zug.

Dann darf Günter Drechsler auf Einladung einer Tante allein in den Westen reisen. Doch dieser Familienbesuch ist nur fürs Protokoll. Stattdessen fährt er zu den Kupsers, die inzwischen im fränkischen Neuendettelsau leben. Von dieser Reise bringt er aus einem Abrisshaus mit, wofür ihn Bekannte und Verwandte im Osten sehr beneiden werden: Gebrauchtes Baumaterial, alte Heizungsthermostate und Einhebel-Wasserhähne. Davon erzählt er noch heute:

1989 darf das Paar zum ersten Mal gemeinsam in den Westen reisen. Offizieller Anlass ist diesmal der Geburtstag einer Tante von Günter, die in Wiesbaden lebt. Die Kinder und das Haus bleiben als Pfand zurück.

Doch Ruth und Rudolf Kupser haben etwas anderes vor. Sie organisieren einen Passtausch in einem Rathaus in der Nähe von Stuttgart. Eigentlich unglaublich: Aus DDR-Bürgern werden für ein paar Tage Bundesbürger. Mit dem Zug geht es in die Schweiz. Das Ziel: die Bergwelt des Wallis. Eine prägende Erfahrung. „Wir sind das erste Mal mit einem Intercity-Zug gefahren, da konnte man während der Fahrt ein Glas Sekt auf den Tisch stellen und es blieb stehen“, sagt Günter Drechsler. „Wir waren die DDR-Züge gewöhnt, die immer über die Schienenstöße ratterten.“

Während der Fahrt rauschen die weißen Gipfel der Alpen vorbei. Zum ersten Mal sehen die Drechslers 4000 Meter hohe Berge. Erinnerungen an diese Zugfahrt rühren Günter Drechsler noch heute zu Tränen. Selbst jetzt, am Zirkeltag, 28 Jahre nach dem Mauerfall, bewegen ihn noch die selben Fragen wie damals: „Warum haben die uns nicht dorthin gelassen? Mit welchem Recht haben die uns das vorenthalten?“ Eine wirkliche Chance, diese Reise legal aus eigener Kraft zu tun, gab es damals nicht. Für diese Tage im Sommer 1989 in der Schweiz ist das Paar bis heute dankbar. „Unsere Freunde haben alles für uns bezahlt.“ Zu einer Zeit, als nicht klar war, dass die Mauer nur noch ein Vierteljahr steht. Im Herbst 1989 demonstrierte er bei den Montagsdemos in Chemnitz, bis das alte System zusammenbricht. Dieses System, das den Alltag bestimmte und von dem die Freunde noch heute Dutzende Episoden zu erzählen wissen:

Freund Rudolf im Westen verpasst dagegen denkbar knapp das wohl wichtigste Ereignis des ausgehenden 20. Jahrhunderts. „Ich war auf einer Tagung in Westberlin und bin am Abend des 9. November zurück nach Nürnberg geflogen“, sagt er. „Das muss etwa zu der Zeit gewesen sein, als Günther Schabowski den wohl berühmtesten Versprecher der Geschichte machte.“ Nach der Ankunft geht er mit seiner Frau ahnungslos zum Elternabend. Der findet in einer griechischen Kneipe statt und endet erst nach 0 Uhr.

Normalerweise hört Rudolf Kupser immer um diese Zeit im Radio die Nachrichten. Aber nicht in jener Schicksalsnacht. Am Morgen kommt ein Anruf aus New York. Ein dort lebender Freund gratuliert zum Mauerfall. Seither muss Rudolf Kupser sich von seiner Frau anhören, er lebe an der Geschichte vorbei. Sie sagt das neckend, beinahe zärtlich.

Nach dem Mauerfall war so manche bürokratische Hürde keine mehr. Wollten Kupsers davor ihre Freunde in Sachsen besuchen, mussten Drechslers eine Erlaubnis bei den DDR-Behörden einholen und per Post in die BRD schicken. Beim letzten gemeinsame Silvester im Kalten Krieg war das deutlich einfacher: An einem Dezembermorgen 1989 klingelte es in Neuendettelsau an der Tür. Die Freunde aus dem Osten brachten die offizielle Einreisegenehmigung für die DDR persönlich vorbei und genossen ihre neue Bewegungsfreiheit.

Vierzig Jahre lang brauchten Deutsche in Ost und West Einreisevisa, um sich gegenseitig besuchen zu können. Mit dem Mauerfall fielen auch diese Stempel im Reisepass weg.

Schon zu DDR-Zeiten hat sich die Freundschaft der Familien auf ihre Kirchgemeinden ausgeweitet. Nach dem Mauerfall wachsen Drebach und Neuendettelsau weiter zusammen. Auch in der Schweiz waren sie noch einmal alle zusammen. Nach der Wende und völlig legal. Diese kleine Deutsche Einheit, sie wird bis zum Tod bestehen. Aber wie hat die Freundschaft so lange gehalten? „Bei uns ging es nie um materielle Dinge“, sagt Günter Drechsler. Er kenne Menschen, die zu DDR-Zeiten Kontakte in den Westen hatten, die aber einschliefen, als keine Westpakete mehr nötig waren.

Rudolf Kupser sagt: „Wir sind uns immer auf Augenhöhe begegnet.“ Für Ruth Kupser ist die spätere Wiedervereinigung immer noch ein Wunder. „Unsere Kinder können das schon gar nicht mehr hören, wie toll wir das alles finden“, sagt sie und lacht. Der Umbruch von 1989, ein Wunder im Großen wie im Kleinen. Bis heute besuchen sich die Freunde aus Ost und West regelmäßig und telefonieren noch öfter miteinander. 53 Jahre nachdem ein kleiner Luftballon über eine Grenze flog, die es nicht mehr gibt.

Freunde fürs Leben: Die Ehepaare Kupser (links) und Drechsler.

Fotos, Videos und Repro: Tobias Wolf, Christian Bachmann

Die ganze Geschichte der „kleinen Deutschen Einheit“ von Neuendettelsau, Drebach und Dresden sehen und lesen Sie in einer vierteiligen Multimedia-Serie.

Teil 1: Der Luftballon (5.2.2018)
Teil 2: Das Zusammenwachsen (12.2.2018)
Teil 3: Die Spuren (16.2.2018)
Teil 4: Die Zukunft (26.2.2018)

>> Alle Teile der Serie lesen Sie im Dossier „Die kleine Deutsche Einheit“

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