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Montag, 03.10.2011

Ein Geschenk fürs Leben

Peter Bandt hat seiner Frau Karin eine Niere gespendet. Das war selbstverständlich, sagt der Kirschauer. Doch nach der Operation wurde es erst mal kritisch.

Von Jana Ulbrich

Ich schenke Dir eine Niere!“ Karin Bandt hat sofort gemerkt, dass ihr Mann diesen Satz nicht einfach so dahingesagt hat. „Nein“, hat sie ihm geantwortet, „das kann ich nicht annehmen.“ Es ist ihr 47. Geburtstag, und Karin Bandt ist körperlich am Ende an diesem Novembermorgen 2009.

Die sonst so sportliche Frau ist müde und schlapp. Es kann passieren, dass sie sich mitten am Tag irgendwo hinsetzt und einschläft. Und Schmerzen hat sie, oft so unerträglich, dass sie nachts nicht schlafen kann. Die Ärzte hatten schlechte Nierenwerte diagnostiziert. In fünf bis zehn Jahren, hatten sie ihr prophezeit, würde sie wohl an die Dialyse kommen. Es dauerte nur ein paar Wochen, bis jeden Montag, jeden Mittwoch und jeden Freitag die Maschinen im Bautzener Nierenzentrum ihr Blut waschen müssen. Ihre Nieren können es nicht mehr. Sie werden es nie mehr können.

Das Nichts-tun-können, das hilflose Mitansehen-müssen – auch das ist unerträglich, sagt Peter Bandt. Der Mann aus Kirschau bei Bautzen hat nicht lange überlegt. Er hat es einfach für sich entschieden. „Das war ganz selbstverständlich für mich“, sagt der 51-Jährige heute. „Ich hatte weder Angst, noch hatte ich Bedenken, dass es nicht funktionieren könnte.“

Aber Karin Bandt hat Bedenken. „Was ist, wenn es schiefgeht? Wenn du dann auch noch krank wirst?“ Sie vermeidet, das Thema anzusprechen. Monate später tut es ein Arzt im Transplantationszentrum an der Uniklinik Dresden. Und Karin Bandt, hin und her gerissen, willigt ein.

Für das Ehepaar beginnt ein Marathon zu Ärzten und Psychologen. Zuerst muss Karin Bandt auf die Transplantationsliste der internationalen Vermittlungsstelle für Organspenden in den Niederlanden. Zehn verschiedene Ärzte untersuchen sie und geben ihr Urteil ab. Im April 2010 steht ihr Name endlich auf der Liste, gehört Karin Bandt offiziell zu den Tausenden, die auf eine Organspende warten. Peter Bandt ist inzwischen ein Fachmann auf diesem Gebiet. Theoretisch weiß er jetzt fast alles über Lebendspenden. Wie so etwas abläuft, mit welchen Folgen und Risiken man rechnen muss. So intensiv, sagt er, hat er sich wohl noch nie mit einem Thema beschäftigt.

Keine passende Blutgruppe

Freunde und Verwandte machen den beiden Kirschauern Mut. Ihre Kinder, beide Mitte 20, finden toll, was ihre Eltern vorhaben, und versprechen jede Unterstützung. Die Kollegen zollen dem Polizeibeamten Peter Bandt Respekt. Auch das sagt er, ist gar nicht so selbstverständlich. Er hat sogar Leute in seiner Situation kennengelernt, die deswegen von ihrem Arbeitgeber gekündigt wurden.

Die letzte große Hürde nehmen die Bandts im September 2010. Da sitzen beide – in getrennten Gesprächen – vor der Ethikkommission der Ärztekammer. Die prüft genau, aus welchen Motiven ein Mensch einem anderen ein Organ spenden will. Bei Peter Bandt ist es eindeutig Liebe. Und das zählt.

Dass die Blutgruppen des Ehepaars überhaupt nicht zusammenpassen – sie hat Blutgruppe 0, er A – ist heute gar kein Problem mehr, versichern die Ärzte. Karin Bandt bekommt tagelang Antikörper aus ihrem Körper gewaschen. Im Januar wird die Niere transplantiert.

Peter geht es gut danach. Aber Karins Körper will das fremde Organ nicht annehmen. Eine hochgradige Abstoßung! Die Chancen stehen 50:50. Karin Bandt kämpft, vor allem auch ihrem Mann zuliebe – und gewinnt. Sie kämpft mit den Tränen, wenn sie das heute erzählt.

Glücklich sitzt das Paar im Garten hinterm Eigenheim. Karin Bandt muss nicht mehr an die Dialyse. Sie muss jetzt jeden Tag eine ganze Menge Tabletten schlucken, die ihr Immunsystem lahmlegen. Sie muss aufpassen, was sie isst und wo sie hingeht. Sie darf sich nicht mit irgendetwas anstecken. „Aber was ist das schon gegen das, was vorher war“, sagt sie. Peter Bandt geht wieder arbeiten. „Ich habe meine Entscheidung noch keine einzige Sekunde bereut“, sagt er und legt seiner Frau eine Hand auf die Schulter. „Ich hätte sie auch dann nicht bereut, wenn Karins Körper die Niere wieder abgestoßen hätte.“ Davon ist er überzeugt. Er hätte es wenigstens versucht.

Der Fall der Bandts ist noch immer eine Ausnahme. Lebendspenden sind selten. Die von Peter Bandt ist die siebente im Betreuungsbereich des Bautzener Nierenzentrums, seit es die Möglichkeit gibt.