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Samstag, 02.01.2016

Ein gelenkiger Geist

Christian Voigt feilt an der Leipziger Uni-Klinik an künstlichen Hüften. Zu Hause tüftelt er an Alltagsproblemen.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Christian Voigt ist Projektleiter am „ZESBO“, dem Zentrum zur Erforschung der Stütz- und Bewegungsorgane an der Medizinischen Fakultät.
Christian Voigt ist Projektleiter am „ZESBO“, dem Zentrum zur Erforschung der Stütz- und Bewegungsorgane an der Medizinischen Fakultät.

© Sebastian Willnow

Zum Forschen geht Christian Voigt am liebsten in den Keller. Eine breite Steintreppe hinab, einen langen Flur entlang, dann durch die große Stahltür. Im Untergeschoss der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie der Universität Leipzig stehen die Apparaturen, an denen der Diplom-Ingenieur seine Geistesblitze testen kann. Ein Prüflabor für Implantate. Der Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit ist ein lachsfarbener künstlicher Hüftknochen. Der ist mit Sensoren gespickt und in einen Versuchsstand eingehängt, der jede noch so kleine Bewegung und Veränderung registriert.

Voigt, 40, ist ein offener Mann mit kurzem Vollbart und wachem Blick hinter der fast rahmenlosen Brille. Der Leipziger ist Projektleiter am „ZESBO“, dem Zentrum zur Erforschung der Stütz- und Bewegungsorgane an der Medizinischen Fakultät, und er ist, wie er von sich selbst sagt, ein Erfinder aus Leidenschaft. „Seit meiner Kindheit habe ich kreative Schübe“, erzählt er. Sein Vater, früher Forschungs-Ingenieur an der Universität Leipzig und Erfinder neuartiger Melkmaschinen, werkelte viel mit dem Jungen. Schüler Christian baute ab der 4. Klasse in einer AG Flugzeugmodelle, gestaltete mit dem Stabilbaukasten technische Denkmale wie den Frohnauer Hammer nach, konstruierte bald sein eigenes BMX-Rad und beteiligte sich am DDR-Jugendwettbewerb „Messe der Meister von Morgen“.

Bis heute kommen ihm ständig neue Ideen. Er hat eine Mappe mit über 100 Lösungen für verschiedenste Alltagsdinge: Neuartige Zwillings-Kinderwagen etwa, Sitzmöbel, Fahrradsättel, Lastenräder. „Alles was mich nervt, weil es besser funktionieren könnte, reizt mich“, sagt Voigt. „Ich hab immer Zettel und Stift bei mir, um meine Gedanken zu notieren. Wenn ich gerad Fahrrad fahre, halte ich extra an, um alles aufzuschreiben.“ Diese Akribie mache einen Erfinder aus, findet Voigt: „Viele Menschen haben Einfälle. Aber ich habe mir angewöhnt, sie auch festzuhalten und zu skizzieren.“

Für sein Team im medizinischen Forschungslabor dürfte der kreative Kollege ein Segen sein. Nach seinem Diplom an der Hochschule für Technik und Wirtschaft hat er das medizinisch-technische Labor auf dem Gelände der Uni-Klinik mit aufgebaut. Acht Jahre lang, bis 2014, war er technischer Laborleiter, jetzt lenkt er Forschungsprojekte, betreut junge Nachwuchs-Ingenieure aus der Physik, der Elektrotechnik und dem Maschinenbau. Voigt geht in die Tiefen von Hüftgelenken und Beckenknochen. Er forscht daran, wie man einen Gelenkersatz noch besser machen kann, damit er länger hält. Voigt kann dazu auf hochrangige wissenschaftliche Aufsätze verweisen, in denen er als Autor neben dem Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft Reimund Neugebauer und der Wettiner-Nachfahrin Sandra von Sachsen steht.

Jährlich werden in Deutschland etwa 200 000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Vieles ist Routine. Doch es gibt komplizierte Fälle, die ausgefeiltere Lösungen brauchen – meist bei der zweiten, dritten oder vierten Operation. Bei Patienten mit komplizierten Knochen kommen Chirurgen der Uni-Klinik zu den Forschern und bitten sie um Hilfe. Voigt und sein Team erforschen vor allem, an welchen Stellen welche Belastungen und welcher Druck auftreten, um den Verschleiß und den Abrieb zu verringern. Oft laufen dazu auch Kooperationen mit Partnern aus der Industrie. „Ich bin Dienst-Erfinder“, sagt Voigt.

Zu seinem derzeit größten Coup gehört ein dreidimensionales Mess-System, das die Stabilität der Verankerung eines Implantates im Beckenknochen bestimmen kann. Das Prüfsystem arbeitet optisch, ohne jede Berührung und stellt feinste Bewegungen im Mikrometerbereich fest. Es ist wichtig für die Zulassung neuer künstlicher Gelenke. Für die Sensoren hat Voigts Team zwei Patente angemeldet. Es werden wohl nicht die letzten gewesen sein.

Der Arbeitsplatz bietet dem Spezialisten die Chance, seine Ideen in die Praxis umzusetzen. Und wenn Voigt nicht an der Uni ist, bastelt er zu Hause an seinen Erfindungen, fertigt dreidimensionale Zeichnungen am Computer und probiert seine Ideen aus. Er träumt von einem Einfall, der vielen Menschen das Leben erleichtert – und der sein persönlicher Lotto-Gewinn wird. Allzu ernst versucht er die Sache mit den Eingebungen trotzdem nicht zu nehmen – der Familienvater kann auch über sich selbst lachen. Manchmal, wenn er abends nach Hause komme, sage er zu seiner Frau: Schatz, heute hatte ich wieder die Millionen-Dollar-Idee! Die trockene Antwort der Gattin schwankt meist zwischen Ungeduld und Milde: „Und was habe ich davon?“ Denn, auch das gibt Voigt offen zu: Der große Durchbruch war noch nicht dabei in seiner dicken Skizzenmappe.

In der Serie „Patente Sachsen“ stellt die Sächsische Zeitung Erfinder aus dem Freistaat vor, die ihre genialen und verrückten Ideen auf ganz verschiedene Weise verwirklichen. In der nächsten Folge: Konrad Freudemann hat den Rasenmäher erfunden, der auch Schnee fegen kann.

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