sz-online.de | Sachsen im Netz

Ein Dialekt als provoziertes Missverständnis

Tom Pauls über das Sächsische, Demütigung, Protest und die Veränderung der sächsischen Sprache.

04.10.2017

kt als provoziertes Missverständnis
Tom Pauls spielt seit 1990 das sächsische Original Ilse Bähnert. Der Schauspieler begründete die Ilse-Bähnert-Stiftung zur Förderung der sächsischen Sprache und Kultur. 2008 initiierte die Stiftung die Aktion zur Suche des „Sächsischen Wortes des Jahres“. Immer am Tag der Deutschen Einheit werden die Wörter gekürt.

© Robert Michael

Herr Pauls, ist der Dialekt der Sachsen mal wieder Sinnbild für ein Volk, das vor allem Protest wählt?

Das kommt ganz auf die Perspektive an, mit der man das betrachtet. Ich sehe das eher als provoziertes Missverständnis.

Wie meinen Sie das?

Der sächsische Dialekt und somit der Sachse ist nicht immer einfach zu verstehen. Nehmen wir zum Beispiel das kleine Wörtchen „nu“, das so gern in Dresden gesprochen wird. Viele Deutsche hören es und denken, warum muss dieser Sachse immer alles negieren, warum sagt er immer: Nein!? Der Dresdner schüttelt den Kopf, denn er meint doch: Ja.

Sie meinen also, der Sachse wird immer nur missverstanden?

Nein, ich meine, man muss ihm richtig zuhören. Dialekt beschreibt den Kulturzustand eines Volkes, damit kann man sein Denken erkennen. Und der Sachse denkt eben oft um die Ecke herum. Viele seiner Worte sind doppelbödig. Mundart ist auch dazu da, mit speziellen Vokabeln Dinge auszusprechen, die man auf Hochdeutsch nicht sagen kann. Um zum Beispiel Muschebubu zu erklären, benötigen sie einen langen Satz. Der Sachse braucht nur ein Wort.

Das ist doch kein sächsisches Phänomen. Hat nicht jede Mundart seine speziellen Vokabeln?

Ja, das sage ich doch: Dialekt ist Heimat. Nur das Sächsische ist die einzige Mundart, die als ostdeutsch identifizierbar ist. Und wer den Osten kennzeichnen oder disqualifizieren will, der bedient sich immer des Sächsischen. Man hört den Sachsen raus, im Positiven wie im Negativen. Er ist einmalig und somit unverwechselbar.

Gemeinhin gilt das Sächsische als gemütlich, jetzt wird es oft als rüde, fast schon bösartig beschrieben. Warum?

Ja, der Sachse ist gemütlich. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad. Schon Erich Kästner sagte: „Mir sind nicht so gemütlich, wie mir sprechen. Mir haben, wenn’s sein muss, Dynamit im Blut. Da können se Gift drauf nähmen, dass mir uns rächen. Na, ihr Gesichte merkt sich ja ganz gut. Mir werden ihnen schon noch mal die Knochen brechen – nur Mut.“

Bestätigen Sie damit nicht nur alle Vorurteile über den Sachsen?

Wer genau zuhört, der erfährt durch den Dialekt seine Doppelbödigkeit. Aus der scheinbaren Defensive heraus agiert der Sachse. Er betrachtet die Welt aus der Froschperspektive, nicht von oben, sondern von unten, neugierig, er kann abtauchen, ist aber auch zum Sprung bereit. Er spricht, wie er spricht, und ist, wie er ist. Und er hinterfragt sich immer wieder, ob er wirklich so merkwürdig daherkommt, wie alle sagen.

Das klingt sehr allgemein. Was drängt den Sachsen denn zum Sprung oder zum rüden Ton?

Es sind viele Kleinigkeiten, die sich ansammeln, bis er richtig aus sich herausgeht. Nur mal einige Beispiele: Seit 1990 sind viele Lebensläufe von Sachsen zerstört worden, immer wieder erfuhren einige keine Anerkennung ihrer bisherigen Biografie, sondern Demütigung. Zweitens erlebten viele Regionen einen Abbau von Orten der Kommunikation, Schule und Betriebe schlossen genau wie Theater, Kulturhäuser oder Kneipen. Oder denken Sie an den Kampf um den Eintrittspreis im Park Pillnitz. Kein Anwohner wollte das, dennoch wurde es gegen ihren Willen durchgesetzt. Ich erinnere an den Umgang mit der Meissner Manufaktur, die meisten Sachsen wollten keine Luxusfabrik à la Gucci, weil sie wussten, dass das der falsche Weg ist. Dennoch wurde es rigoros durchgezogen und führte zum Misserfolg. Letztes Beispiel ist die Kunst, die in Sachsen in der DDR-Zeit entstand und jetzt aus den Staatlichen Kunstsammlungen verschwinden soll.

Dialektale Ausdrücke sind Ihrer Meinung nach also auch eine Art Notwehr?

Sie drücken Protest aus, weil sonst offensichtlich keiner zuhört. Wie oft zum Beispiel wurde in den vergangenen Jahren angemahnt, dass in Sachsens Schulen Lehrer fehlen, dass Unterrichtsstunden ausfallen, dass eines der besten Bildungssysteme Deutschlands in Gefahr ist – wie oft? Aber die Regierung reagiert nicht oder nur mit Flickschusterei. Der Sachse aber will wahrgenommen werden in seiner Identität, seiner Kultur und Geschichte. Was ihn wütend macht, ist Ignoranz. Er will doch das Beste für sein Land. Das manifestiert sich in der Sprache, aber es geht nicht nur dem Sachsen, sondern auch dem Thüringer oder dem Griechen so. Die kulturelle Vielfalt, der Unterschied der Traditionen ist doch eher die Stärke eines Landes oder Europas. Sämtliche Gleichmacherei, ob ideologisch oder ökonomisch, führt nur dazu, dass sich ein Volk wehrt.

Wie hat sich die Sprache seit dem Fall der Mauer verändert?

Als Schüler und Student in der DDR spielte Sächsisch für mich keine Rolle, da wurde ich immer zum Hochdeutschen animiert. Auch auf der Bühne wurde Hochdeutsch gesprochen, denn Sächsisch war damals eher die Sprache der Funktionäre oder auch der Volkspolizei und Grenzsoldaten. Davon wollte ich mich absetzen. Mit dem Mauerfall kam die Neugier auf das sächsische Land. Nicht nur ich wollte den Dialekt wieder entdecken und ergründen. Dabei ging es nie um Heimattümelei, sondern um Identität.

Hat die Vergabe der Sächsischen Wörter des Jahres dazu beigetragen?

Dass Sachsen überhaupt ihren Dialekt mit einer Kür ihrer Lieblingswörter feiern, finde ich schon mal bemerkenswert. Als wir vor zehn Jahren damit begannen, war ja nicht ausgemacht, dass das funktioniert. Aber die Sachsen senden nach wie vor jedes Jahr Tausende Vokabeln ein. Dies bedeutet für mich, dass die Mundart gelebt wird, dass es nach wie vor ein gutes Gefühl für die Heimat und eine Zusammengehörigkeit gibt. In diesem Jahr spielte bei der Sachsen-Gala zum Beispiel der Oberlichtenauer Spielmannszug, lauter junge Leute aus der Lausitz, die sich einerseits mit ihrer Heimat verbunden fühlen und andererseits mit ihrer Musikfertigkeit in Holland bei der Weltmeisterschaft ihres Genres den Siegertitel holten. Da wurden Sachsen Weltmeister. Ich finde, man sollte Vertrauen in die Fähigkeit der Sachsen haben und ihnen nicht mit Misstrauen begegnen.

Interview: Peter Ufer