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Donnerstag, 12.12.2013

Drama am Pferdehof

Bei einem schlimmen Unfall in Diera-Zehren bei Meißen werden zwei Menschen schwer verletzt. Neun Pferde sterben.

Von Anna Hoben

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Die Feuerwehr reinigt die chaotische Unfallstelle an der Bundesstraße 6.
Die Feuerwehr reinigt die chaotische Unfallstelle an der Bundesstraße 6.

© Roland Halkasch

  • Die Feuerwehr reinigt die chaotische Unfallstelle an der Bundesstraße 6.
    Die Feuerwehr reinigt die chaotische Unfallstelle an der Bundesstraße 6.
  • Der Fahrer dieses Passats...
    Der Fahrer dieses Passats...
  • ...und die Mazda-Fahrerin hatten in der Dunkelheit keine Chance, den Tieren auszuweichen.
    ...und die Mazda-Fahrerin hatten in der Dunkelheit keine Chance, den Tieren auszuweichen.
  • Bergungs- und Reinigungsarbeiten waren erst spät in der Nacht beendet: 2.30 Uhr wurde die Sperrung der B 6 aufgehoben.
    Bergungs- und Reinigungsarbeiten waren erst spät in der Nacht beendet: 2.30 Uhr wurde die Sperrung der B 6 aufgehoben.

Auch am Tag danach kann er es kaum fassen. „Was haben wir verbrochen, dass so etwas passiert?“, fragt Peter Kunath. Gerade ist die Polizei wieder bei ihm zu Hause gewesen. Sie rekonstruiert den schrecklichen Unfall, der sich am Abend zuvor ereignet hat. Gegen 23.30 Uhr waren am Dienstagabend auf der Bundesstraße 6 in Diera-Zehren drei Autos in eine Herde Pferde gefahren. Eine 39-jährige Frau und ein 24-jähriger Mann kamen schwer verletzt ins Krankenhaus. Neun Pferde starben. Einige waren so schwer verletzt, dass sie von ihrem Leiden erlöst und mit einer Maschinenpistole erschossen werden mussten.

Rückblende: Dienstagabend, 22.45 Uhr. Peter Kunath will gerade ein Bad nehmen. Da steht plötzlich eine Frau vor der Tür des Kirschberghofes im Diera-Zehrener Ortsteil Mischwitz. Ob das seine Pferde seien, fragt sie Kunath. Eine Herde sei von der Koppel unten an der Elbe ausgebrochen.

23 Uhr. Im Nu sind Peter Kunath und seine Frau unten an der Straße. Als sie ankommen, ist die Polizei schon da. Bei Keilbusch fangen sie die Pferde ein. Anschließend führen sie sie die B6 entlang, um sie über einen abgekürzten Weg zum Gestüt zu bringen. Der Hof liegt oberhalb der Straße in Mischwitz. Kunath geht vorneweg mit einem Wallach, dem Leittier der Herde. Die restlichen Pferde folgen; hintendrein, mit etwas Abstand, geht eine Polizistin. „Sie reitet selber und kennt sich sehr gut mit Pferden aus“, sagt Kunath. Alles scheint gut zu gehen, der Zug ist schon ein paar Hundert Meter weit gekommen. Plötzlich springt der Wallach herum, etwas hat ihn erschrocken. Das scheucht die anderen elf Pferde auf, sie rennen los, nach unten Richtung Bundesstraße. Immer wieder wird Peter Kunath später die Schuld bei sich suchen, überlegen, was er falsch gemacht hat. Als die Pferde jedoch erneut los sind, ist es zu spät.

Die Polizistin versucht laut Kunath noch, mit einer Lampe mögliche Autofahrer auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Doch dann geht an der Stelle unweit des Gasthauses Güldene Aue alles ganz schnell. Gleich drei Autos fahren heran, zwei aus Richtung Zehren, eines aus Richtung Meißen. Sie haben keine Chance.

Mittwochmittag, 12.30 Uhr. An der B6 sichern drei Polizeibeamte Spuren. „Im Auftrag des Unfalldienstes Dresden“, sagen sie. Auf dem Hof der Kunaths oben in Mischwitz ist es indes gespenstisch still. Die Pferde in den Ställen sind ruhig, fast so, als würden sie trauern. Im Sommer haben die Kunaths während der Flut 50 Tonnen Futter verloren. Sie hätten Anträge geschrieben, sagt Peter Kunath, aber bis heute keine Entschädigung erhalten. Ein herber Verlust – doch kein Vergleich zu dem jetzigen Unglück. Alle Tiere, die getötet wurden, waren angehende Reitpferde, knapp zwei Jahre alt. Darunter auch Trakehner aus der eigenen Zucht. In ein paar Jahren hätten sie verkauft werden sollen. Insgesamt hat die Familie knapp 60 Pferde. Aus der Herde von der Koppel sind ihnen nur drei geblieben. Zwei sind verletzt, für sie kam nachts noch der Tierarzt. „Das wird zum Glück wieder“, sagt Kunath.

Weshalb die Pferde von der Koppel ausgebrochen sind, ist für Peter Kunath ein Rätsel. „Das haben sie noch nie gemacht“, sagt er. Jeden Tag überprüfe er Draht und Strom am Zaun. Auch nach der Gesundheit der zwölf Pferde habe er täglich geschaut.

Der Besitzer eines anderen Gestüts äußerte gegenüber der Sächsischen Zeitung die Vermutung, Wölfe könnten die Pferde aufgescheucht haben. Der Kreisjägermeister Karsten Schlüter zieht diese Möglichkeit ebenfalls in Betracht.

Für Kunath und seine Familie ist der Verlust der neun Pferde ein harter Schlag. Wirtschaftlich war es in letzter Zeit ohnehin schwer. Jetzt müssen sie abwarten, wie viel die Betriebshaftpflichtversicherung zahlt. Eine Lebensversicherung für die Pferde sei viel zu teuer. In der Nacht nach dem Unfall seien ihm und seiner Frau Gedanken ans Aufhören gekommen. „Aber dann würden wir unser ganzes Leben wegwerfen.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 26 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Aniko

    Die Frage warum Autofahrer bei Nacht so schnell fahren, dass sie soviel große Tiere totfahren, also nicht schnell genug reagieren können, stellt hier wohl niemand. Wir haben uns an den täglichen Wahnsinn wohl gewöhnt. Ein falscher Schritt eines Kindes an der Ampel, ein Tier welches flieht, ein Mensch der einen kurzen Moment nicht aufpasst wird sofort mit Schmerz und Tod bestraft. Die einzigen die Fehler machen dürfen sind die Autofahrer. Eventuell kann ja der Pferdehof auf Entschädigung hoffen, falls sich rausstellen sollte, dass die Pkw zu schnell unterwegs waren.

  2. Ralf Loto

    Ach, die armen Tiere und die armen und leidgeprüften Pferdebesitzer. Gottseidank denkt keiner an die schwerverletzten Autofahrer, an deren Angehörigen. Liegen diese auf der Intensivstation? Sind bleibende Schäden wahrscheinlich, gar eine Behinderung? Sie sind aus dem Leben heraus gerissen, vielleicht dauerhaft traumatisiert.

  3. Robert

    Es ist leider nicht das erste Mal das so etwas passiert. Es brechen doch regelmäßig Tiere von Weiden aus, und laufen dann quer Feld ein oder eben auf die Straße. Das wird auch immer wieder passieren. Vielleicht müssen Pferde aber auch nicht unbedingt Nachts allein auf abgelegenen Weiden stehen, wo sie keiner unter Kontrolle hat. Es hätte ja auch noch viel schlimmer kommen können.

  4. Robert

    Ohja, die armen rasenden Autofahrer! Wie wäre es mal mit Fuß vom Gas....?!

  5. Realist

    @Aniko: Lassen Sie doch einfach mal die Vorverurteilungen. Wenn einem die Tiere unmittelbar vor das Auto rennen, dann haben Sie auch mit 50km/h keine Chance mehr, den Zusammenstoß zu verhindern. Ich weiß nicht, ob es auf der B6 an dieser Stelle eine Geschwindigkeitsbegrenzung gab, wenn nicht gilt 100.

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