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Freitag, 04.03.2016

Dorf-Kleinkrieg vor Gericht

Ein Mann aus Wülknitz sorgte mit einer eBay-Annonce für einen Eklat. Das hat Konsequenzen.

Von Eric Weser

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Die SZ berichtete im August 2014 über die eBay-Kleinanzeige, die einen Wülknitzer jetzt vor Gericht brachte.
Die SZ berichtete im August 2014 über die eBay-Kleinanzeige, die einen Wülknitzer jetzt vor Gericht brachte.

© Screenshot SZ

Wülknitz. Möbel, Klamotten, Elektrogeräte – in der Kleinanzeigen-Sparte des Online-Auktionshauses Ebay finden sich Tausende Angebote aus ganz Deutschland, manchmal auch skurrile. Dieses aber dürfte eine Seltenheit sein: Im August 2014 verschenkte der Wülknitzer Mario Petzold das Dorf – einschließlich Bürgermeister, Amtsleiterin, Nachbarn und einem Gemeinderat. Auch „die komplette Belegschaft der SZ“, das Polizeirevier Riesa sowie eine Mitarbeiterin des Landkreises fanden sich im Anzeigentext. Was zunächst nach einer Posse klingt, hat für den Anzeigen-Ersteller anderthalb Jahre später ein juristisches Nachspiel. Vorm Riesaer Amtsgericht wurde am Mittwoch unter anderem wegen Beleidigung gegen den 35-Jährigen verhandelt.

Röderaus Bürgermeister Lothar Herklotz gehörte zu denen, die Mario Petzold wegen dieser eBay-Annonce angezeigt hatten. Als er erfuhr, dass er „zu verschenken“ sei, habe er das zunächst für einen Spaß gehalten, so Herklotz. Nachdem der langjährige Gemeindechef dann über sich lesen musste, dass er das „alte System aufrechterhalten“ will, „war das Maß voll“. „Für mich als Bürgermeister ist es politischer Rufmord“, so Herklotz. Zumal die Annonce über das Internetportal weltweit abrufbar gewesen sei.

Nach eBay-Aktion zur Polizei

Auch Kerstin Herklotz, Ehefrau des Bürgermeisters und Hauptamtsleiterin im Rathaus, ging nach der eBay-Aktion zur Polizei. Sie habe es als „geschmacklos und abwertend“ empfunden, was da über sie zu lesen war. Mit derben Worten hatte sich Petzold in der Annonce abfällig über das Äußere der „sogenannten Amtsleiterin“ geäußert. Durch ihr öffentliches Amt sei sie einiges gewohnt, so Herklotz. Auch von Mario Petzold, der sie gut ein Jahr zuvor bereits mit den Worten „Wenn du nicht gehst, hol’ ich den Baseballschläger“ bedroht haben soll. Damals habe sie sich als Amtsleiterin wegen zahlreicher Anwohnerbeschwerden auf dem Betriebsgelände umsehen wollen. Wozu es nach der Unterhaltung mit dem Eigentümer dann aber nicht kam.

Mario Petzold, der mit Landmaschinen handelt, war seit 2012 mehrfach von Anwohnern bei den Behörden angezinkt worden. Unter anderem kritisierten einige Nachbarn, dass er außerhalb der Gebäude Maschinenteile lackiere und unzulässigerweise am Wochenende arbeite. Auch die SZ hatte darüber mehrfach berichtet, nachdem der Fall auch im Gemeinderat Wellen geschlagen hatte. Mario Petzold wiederum fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und ärgert sich darüber, dass Nachbarn direkt zu den Ämtern gingen, statt zunächst mit ihm sprechen.

Neben den bei Ebay verschenkten Gemeindemitarbeitern berichteten im Gericht auch drei Nachbarn von ihren Erfahrungen mit dem Händler. Einer sagte aus, Petzold habe ihn bei der Rückkehr von einer Fahrradtour kurz vorm heimischen Grundstück vom Sattel schubsen wollen.

Zweifelhafte Entschuldigung

Ein Ehepaar, das ebenfalls zu den Kritikern Petzolds gehört, berichtete vom Drohanruf mit unterdrückter Rufnummer bei denen der Angeklagte „Halt’ doch mal die Fresse“ gesagt haben soll.

Mario Petzold sagte zu den Vorwürfen gegen ihn wenig, ließ fast gänzlich seinen Verteidiger für sich sprechen – sehr zum Unmut der Richterin, die die ausschweifenden Beiträge des Anwalts öfters unterbrach und forderte, er möge doch Fragen stellen.

Eine der zentralen Fragen im Verfahren war der Umgang mit einer Entschuldigung des Angeklagten: Noch im August 2014 hatte Mario Petzold schriftlich gegenüber sämtlichen Familien, Firmen und Ämtern die Aktion mit der von ihm geschalteten eBay-Annonce bedauert. Doch weder bei seinen Nachbarn noch in der Gemeindeverwaltung stieß er damit auf offene Ohren. Der sachliche Tonfall des Briefs passte für die Adressaten nicht zu dem sonstigen Verhalten des Landmaschinenhändlers. Nur wenige Tage nach dem Schreiben habe Petzold in der Gemeinde angerufen und wieder unflätige Bemerkungen gemacht, so Kerstin Herklotz.

In einer seiner wenigen Äußerungen im Gericht wandte sich Mario Petzold unter anderem an seine Nachbarfamilie und Gemeindechef Herklotz. Dabei erneuerte er seine Entschuldigung. Ob die Beteiligten sie ihm diesmal abnehmen? Zumindest gegenüber der SZ zeigte der 35-Jährige eine zweifelhafte Auffassung von Bedauern. Vom Gericht unbemerkt hielt er einen vorbereiteten Ausdruck in Richtung Publikum, auf der er die Riesaer Lokalredaktion dreifach als „Lügenpresse“ bezeichnete.

Wegen der vielen Anklagepunkte – der Wülknitzer soll einige Anwohner mit seinem Auto bedrängt oder zum Halten genötigt haben – und den länglichen Ausführungen seines Anwalts musste das Verfahren bis Mitte März unterbrochen werden.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Bernd

    Seit gestern würde ich auch gern einen Politiker verschenken, seinen Küchentisch gibt es gratis dazu! Ach ja und Frau Katrin Göring-Eckardt freut sich "über vielen Menschen die wir jetzt plötzlich geschenkt bekommen". Also "Schenken" ist zur Zeit wohl angesagt.

  2. Demokrat

    Werter Bernd kann Ihrer Zuschrift nur zustimmen. Unabhängig dazu aber eine ernste Bemerkung das Ebay Angebot sollte man so behandeln wie es ist eine Posse -wobei natürlich bei diesem Spass auch die Frage steht wieso bietet Ebay jedes Angebot an ? Nun so ist es einmal das sich aber unserer Justiz damit beschäftigt ist schon fragwürdig - Anklage betreff politischen Rufmord was soll dies.Einerseits ist unsere Justiz mit wichtigen Fällen überlastet u.dann beschäftig man sich mit solche einem Schwachsinn

  3. v.k.

    @Bernd Den Sie da verschenken wollen, den will keiner, selbst wenn Sie noch was drauflegen. Von solchen Pfeifen gibt's leider schon genug.

  4. Th. Schmidt

    Er Bürgermeister seine Ehefrau Hauptamtsleiterin. Was ist das denn für ein Geschmäckle? Im öffentlichen Dienst eigentlich gar nicht gern gesehen aus nachvollziehbaren Gründen. Ja und liebe SZ " Lügenpresse" würde ich nicht als Beleidigung sehen eher als Ansporn in Zukunft über alles! objektiv zu berichten.

  5. Docci

    @4. danke, dem Appell schließe ich mich auch mit der Bitte an die SZ an, in Zukunft in solchen Artikeln wie die Facebooksperre von T. Festerling zu erwähnen, dass die Mitarbeiter der Gütersloher Bertelsmann-Tochter Arvato über Sperren in Facebook frei entscheiden dürfen. Bertelsmann ist eng verzahnt mit der Politik, also alles andere als unabhängig.

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