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Dienstag, 17.04.2018

Dilemma der verlängerten Werkbank

Görlitz will weiter um seine Großunternehmen kämpfen und sich gleichzeitig breiter aufstellen. Dazu gibt es schon Ideen, aber auch eine ganz natürliche Barriere.

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Siemensmitarbeiter aus Görlitz demonstrierten im Januar vor Beginn der Hauptversammlung in München gegen den geplanten Stellenabbau.
Siemensmitarbeiter aus Görlitz demonstrierten im Januar vor Beginn der Hauptversammlung in München gegen den geplanten Stellenabbau.

© Sven Hoppe / dpa

Görlitz. Görlitz will von den beiden dort ansässigen Großbetrieben Bombardier und Siemens nicht zu deren verlängerten Werkbank degradiert werden. Vielmehr gehe es darum, die Kernkompetenzen der Unternehmen in der Neißestadt zu erhalten, sagte Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos) am Dienstag. Die Mutterkonzerne hatten einschneidende Veränderungen angekündigt, selbst die Schließung stand schon im Raum.

Deinege sieht Anzeichen dafür, dass Siemens-Manager Willi Meixner einseitig ein „Industriezentrum Oberlausitz“ verfolgt, das Görlitz nur zur verlängerten Werkbank machen würde. Dies würde aus seiner Sicht den Verkauf von Flächen, eine Umwandlung der Produktion und das Aus für die Dampfturbine bedeuten - diese habe aber einen Markt. Die Aufträge seien da, auch die Margen stimmten. Man müsse nur den Willen besitzen, Konzepte zu entwickeln.

„Verlängerte Werkbank können wir immer“, sagte Deinege. So gebe es schon bis zu 50 Angebote für Ansiedlungen. Darunter seien vier bis fünf, die man ernsthaft prüfen könne. „Aber es muss auch geprüft werden, wie man mit einer so schlagkräftigen Einheit umgeht im Dampfturbinen-Geschäft.“ Das Stadtoberhaupt warnte davor, dass in der verstreichenden Zeit Tatsachen geschaffen werden. Bei Siemens etwa müsse es jemanden geben, der bei Zukunftskonzepten die Waage halte. Görlitz werde das sehr aufmerksam beobachten und entsprechend medienwirksam reagieren.

Auch zu Bombardier äußerte sich Deinege kritisch. Er sei sich mit der IG Metall einig, dass das vorliegende Ergebnis nicht das Ende sein könne. Der Schienenfahrzeughersteller hatte angekündigt, dass Görlitz Kompetenzzentrum für den Rohwagenbau bleiben und künftig auch den Wagenkastenbau für Straßenbahnen übernehmen solle.

Laut IG-Metall sind derzeit inklusive Leiharbeiter noch etwa 1 100 Beschäftigte in dem Betrieb. Technologisch gehe das in Richtung Manufaktur, monierte Deinege. Die „Highlights“ wie das Punkt- und Laserschweißen, die Görlitz immer ausgezeichnet hätten, würden dagegen abwandern.

„Görlitz ist mit dieser Strategie kein Gewinner“, meinte Deinege, der früher selbst Bombardier-Manager in Görlitz war. Für die Neißestadt gehe es darum, künftig besser das kreative Potenzial der Kommune zu nutzen. Er erwähnte in diesem Zusammenhang die ortsansässige Hochschule, die IT-Branche und den Tourismus. „Wir haben ein Entwicklungsthema für die Zukunft zu stemmen.“

Allerdings sind die räumlichen Möglichkeiten für alle Ideen in Görlitz begrenzt. Die Stadt hat kaum noch Flächen für Gewerbe- und Industriegebiete und will das Problem nun gemeinsam mit anliegenden Gemeinden lösen. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. S.T.

    Der Osten IST eine verlängerte Werkbank, leider. Dies ist einer der vielen Fehler nach der Wiedervereinigung. Sagen selbst hochrangige Manager und Politiker die damals dabei waren. Z.B. hat kein einziger DAX-Konzern seine Zentrale im Osten, auch aus der "zweiten" Liga nicht. Wir können nur froh sein, dass es trotz Millionen Abwanderer viele gute Mittelständler gibt, die hier das Rad am laufen halten, auch wenn die "Brötchen" etwas kleiner sind als in Baden Württemberg. Den Görlitzern drücke ich die Daumen.

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