erweiterte Suche
Samstag, 18.04.2009

Die soliden Banken dürfen jetzt nicht die Dummen sein

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essaysund Analysen. Texte, die aus Autorensicht zur Diskussion anregen sollen. Heute: Claus Friedrich Holtmann, Chef des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, über Ursachen und Auswirkungen der Finanzkrise. Auch in Deutschland sei es Ziel gewesen, das althergebrachte Hausbankprinzip zugunsten von Aktienbanken abzuschaffen. Holtmann kritisiert jetzt Wettbewerbsverzerrungen infolge staatlicher Eingriffe.

Von Claus Friedrich Holtmann

Als US-Präsident Barack Obama im Februar in seiner Grundsatzrede vor beiden Häusern des Kongresses die Ursachen der Finanzmarktkrise analysierte, betonte er, dass zu oft der kurzfristige Profit höher geschätzt wurde als der langfristige Wohlstand, dass nicht weiter als bis zum kommenden Quartal geblickt wurde.

Tatsächlich hatten in den vergangenen 20 Jahren Wirtschaftsvorstellungen Konjunktur, die Gedanken der Nachhaltigkeit, der regionalen Verbundenheit von Unternehmen, ihrer Verantwortung für die dort Beschäftigten und für das Gemeinwesen zunehmend verdrängten. Internationale Großbanken verabschiedeten sich von der Kreditierung der Realwirtschaft zugunsten des Investmentbankings und schließlich zugunsten von Finanzmarkt-Wetten auf abstrakte Konstrukte. Als leuchtende Vorbilder galten jene anglo-amerikanischen Häuser, die Eigenkapitalrenditen von 30 und mehr Prozent erwirtschafteten. Kaum jemand fragte, wie auf Dauer Bankenrenditen erwirtschaftet werden können, die um ein Vielfaches höher als die Renditen der Realwirtschaft liegen.

Zugleich war der Glaube verbreitet, dass man alle die Wirtschaft regulierenden Bindungen über Bord werfen könne. Unter dem Schlachtruf der Globalisierung wurden nicht nur soziale Bindungen ohne Ersatz gesprengt, sondern es wurde eben auch versäumt, Spielregeln für den weltweiten Umgang mit den neu entstehenden Produktklassen der Finanzwelt einzuführen. Paradox daran: Dies geschah zeitgleich mit dem massiven Ausbau der Regulierung des klassischen Bankgeschäfts. So manche kleine Sparkasse mit überschaubarem Risiko wurde bis ins Mark überwacht, während Hedge-Fonds und außerbilanziell geführte Vehikel der Aufsicht weitgehend entzogen waren.

Der Zeitgeist forderte gar, dass die auf das althergebrachte Hausbankprinzip setzenden Staaten wie Deutschland, sich schnellstmöglich anzupassen hätten. Insbesondere seien deutsche Sparkassen überflüssig, weil sie nach den Kriterien von Börseninvestoren für unprofitabel gehalten wurden, ja nicht einmal käuflich waren und sind.

Die Aufgabe von Sparkassen – geschaffen und existent, um wirtschaftliche und soziale Stabilität in konkret definierten Regionen mit zu schaffen und zu erhalten – wurde nicht gesehen. In verschiedenen Staaten wurden sie daraufhin abgeschafft, meist im Zusammenhang mit nationalen Problemlagen im Bankensektor.

Scharfe Kritik am IWF

Als eine der letzten Bastionen des Sparkassenwesens wurde die deutsche Sparkassenorganisation national von ihren Wettbewerbern und international von Institutionen wie dem IWF angegriffen und einem ideologischen und juristischen Dauerfeuer ausgesetzt. Entsprechende Lobbyarbeit im politischen Bereich inklusive. Ziel war es, auch in Deutschland Strukturen so zu verändern, dass nur Aktienbanken übrig bleiben. Dass dies nicht gelang, ist vor allem den Kunden der Sparkassen, privaten wie mittelständischen, den Kammern und Verbänden der Wirtschaft und der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik zu verdanken. Sie widersetzten sich jahrelang energisch allen Anläufen zur Abschaffung oder Schwächung von Sparkassen.

Die Finanzkrise hat die Welt verändert. Sie hat eine globale Dimension erreicht und ist in eine Wirtschaftskrise gemündet. Dabei zeigt sich, dass besonders Banken mit starker internationaler Geschäftsverflechtung und mit vergleichsweise geringer Kundenbasis und solche mit einem Geschäftsmodell, das auf das sogenannte Kreditersatzgeschäft setzt (Geldanlagen im Finanzbereich, statt in Form von Kredit an die Realwirtschaft) wenig krisenresistent sind. Allein von Januar bis Ende März brachen in den USA 20 Banken zusammen und wurden nicht gerettet. Gestützt werden rund 450 weitere Banken. In geringerem Umfang sehen wir ein ähnliches Bild in anderen Staaten. Damit geht in der Regel eine Kreditklemme für die Wirtschaft einher, insbesondere dort, wo es an regionalen Kreditinstituten mangelt.

Interessanterweise ist Deutschland bisher trotz so öffentlichkeitswirksamer Fälle wie der IKB, der Hypo Real Estate, der Dresdner Bank und den Problemlagen bei mehreren Landesbanken gut durch die Krise gekommen. Es gibt im Mittelstand keine Kreditklemme, kein Bürger braucht sich um sein Erspartes Sorgen zu machen, das Banksystem ist insgesamt stabil.

Weitgehende Einigkeit besteht bei Experten und politisch Verantwortlichen darüber, dass uns die Existenz von Sparkassen und Genossenschaftsbanken, sprich des gesamten Drei-Säulen-Modells in der Kreditwirtschaft, vor schlimmeren Auswirkungen bewahrt. Es ist stabil, weil die beiden genannten Gruppen regionale Geldkreisläufe aufrechterhalten, weil sie ihre Geschäftspolitik auf nachhaltige Ergebnisse ausrichten.

Sparkassen weniger betroffen

Es wurde schnell klar, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken wegen ihres regionalen und dezentralen Geschäftsmodells von den Wirrungen der Finanzkrise weniger betroffen sind als internationale Häuser. Die unterschiedliche Geschäftspolitik in den Säulen des deutschen Bankengewerbes hat weitgehend verhindert, dass alle Kreditinstitute der gleichen Herde hinterherliefen. Sie fielen nicht in solch ein Loch. So brachten die ostdeutschen Sparkassen gerade 2008, im Jahr der Zuspitzung, positive Geschäftszahlen. Fraglos waren auch sie vom Kursverfall bei Wertpapieren betroffen. Bedingt durch konservative Anlagepolitik aber nicht ernsthaft bedroht. Nötige Wertberichtigungen konnten sie ohne Hilfe stemmen undReserven für die Zukunft bilden.

Gerade darum, und bei aller Unterstützung von Stützungsmaßnahmen für Banken, die derzeit zu schwach sind, um eigenständig zu überleben, fehlt es den Sparkassen jedoch am Verständnis dafür, dass infolge staatlicher Stützungen erhebliche Wettbewerbsverzerrungen entstanden sind. Es darf nicht sein, dass die, die solide wirtschaften und ohne Hilfe auskommen, gegenüber solchen, die staatlich unterstützt am Leben gehalten werden, benachteiligt sind. Es darf nicht akzeptiert werden, dass gestützte Banken die Hilfe für Dumpingkonditionen nutzen. Das setzt falsche Anreize. Für Banken wie für Kunden, die das Bewusstsein für den Zusammenhang von Risiko und Ertragschancen verlieren, wenn der Staat jeden marktfernen Zinssatz nachträglich absichert.