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Dienstag, 03.02.2009

Die seltsamen Wandlungen des Mario Hans Maximilian M.

Bei den Leipziger Linken sorgt ein Aktivist für Turbulenzen, der sich zuvor schon als Rechtsextremer engagierte. Ein Agent des Verfassungsschutzes?

Von Thomas Schade

Er heiße Mario Hans Maximilian, sagt der 45-Jährige und betont, „für die, die es ganz genau wissen wollen“. Er hat nur eine Bitte: Seinen Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung lesen, es soll bei M. bleiben. „Da ich mich gerade beruflich umorientiere“, wie er sagt. Der Mann legt auf Akkuratesse und einen adretten Auftritt. Er sagt: „Ich habe nichts zu verbergen.“

Das war nicht immer so. Denn erst seit wenigen Tagen wissen die Genossen der Linkspartei in Leipzig – wo die Partei ihren größten Stadtverband hat–,wer da eigentlich 2006 bei ihnen aufgetaucht ist und bis zum Sommer 2008 für viel Wirbel gesorgt hat. Grund waren zwei Bilderaus dem Internet, die noch einmal aufgetaucht sind, obwohl die Seiten schon gelöscht waren. Sie zeigen einen Mann namens Mario M. als Kandidat der „Vereinigten Rechten“ im Stuttgarter Kommunalwahlkampf des Jahres 1999–an der Seite des Kandidaten der rechtsextremen NPD. Motto: „Gemeinsam für Stuttgart“.

Nur nach vorn geschaut

Im Leipziger Karl-Liebknecht-Haus hatte sich derselbe Mann im November 2006 als Dr. Maximilian M. vorgestellt und erzählt, dass er aus dem schweizerischen Basel stamme, so erinnert sich ein Linker aus dem Stadtvorstand. Max, wie ihn einige bald nannten, war mit anderen Aktivisten von der Wahlalternative Arbeit soziale Gerechtigkeit (WASG) gekommen. Dass er zuvor innerhalb weniger Jahre schon bei der PDS, bei der DKP und bei der KPD angeheuert hatte, sorgt erst viel später für Überraschung. In jenen Tagen, als PDS und WASG die Linkspartei aus der Taufe hoben, waren Mitstreiter wie der redegewandte Maximilian willkommen. „Damals schauten wir nach vorn, nicht zurück“, so Leipzigs Linken-Chef Volker Külow.

Das sollte sich rächen. Maximilian M. stieg auf in den Landesrat der Linken. Er war bald kein Unbekannter, aber ein streitbarer Weggefährte. So gründete er mit anderen die Arbeitsgruppe Soziale Gerechtigkeit (ASG), ein Grüppchen im großen Stadtverband der Linken. Im Herbst 2007 forderte er für jeden Harz-IV-Empfänger in Leipzig 150Euro Weihnachtsgeld aus dem Stadtsäckel und sorgte damit für Furore. Das Ansinnen ging sogar den Linken-Stadträten zu weit. Als „völlig unrealistisch“ lehnte es der Stadtvorstand ab. In den folgenden Monaten knistert es immer mehr zwischen Maximilian M. und seiner ASG auf der einen Seite und den ehemaligen PDSlern im Stadtvorstand der Linken auf der anderen. Als der streitbare Max dann auch noch eine satte Quote an Mandaten für die vormaligen WASGler auf der Liste zur Landtagswahl 2009 forderte, kam es im vorigen Sommer zum Zerwürfnis.

In jenen Tagen geht im Karl-Liebknecht-Haus eine E-Mail von den Genossen aus dem sauerländischen Arnsberg ein: „Betreff: Dr. Maximilian M.“. Die Leipziger erfahren, dass ihr streitbarer Genosse von 2004 bis 2005 als Aktivist im PDS-Kreisverband Soest-Hochsauerland „federführend“ bei den Montagsdemos war, dass er aber auch eine „Vorgeschichte“ hat und plötzlich nach Köln gezogen sei. Erst als er schon weg war, hätten die PDSler erfahren, dass Maximilian M. nicht sein richtiger Name gewesen sei und dass er verurteilt ist, weil er unerlaubt einen Doktortitel geführt hatte. Dass der Genosse früher in einer rechtsextremen Organisation tätig war, wussten die Sauerländer: Maximilian M. habe das damit erklärt, dass er am Verfassungsschutz angebunden gewesen sei.

„Wenn solche Neuigkeiten auftauchen, da wird man doch mal nachfragen dürfen“, sagt Leipzigs Linken-Chef Külow. Offiziell stellte er dem Genossen Max vier Fragen, um die Sache aufzuklären. Doch statt zu antworten, meldet sich M. wenige Stunden später per E-Mail aus dem Stadtverband der Linkspartei einfach ab. Das wird wohl als Schuldeingeständnis bewertet. Denn schon am nächsten Tag schicken die Genossen aus dem Karl-Liebknecht-Haus die Meldung in die Welt: „Leipziger Linke enttarnt mutmaßlichen V-Mann des Verfassungsschutzes.“ Anfragen an das Dresdner Innenministerium ergeben allerdings, dass Mario M. jedenfalls für den sächsischen Verfassungsschutz nicht gearbeitet hat.

Seltsamer Ausstieg

Maximilian M. spricht heute von einem „Standgericht“, das gegen ihn abgehalten werden sollte und ergänzt süffisant: „ausgerechnet von einem Stasi-Spitzel“. Der so geschmähte Volker Külow hatte im Sommer 2008 gerade selbst reichlich Ärger überstanden, weil er sich zu seiner Zusammenarbeit mit der DDR-Staatssicherheit bekannt hatte. Ausgerechnet ihm, einem Opfer der Stasi, werde nun so etwas angedichtet, schimpft M.

Mario Hans Maximilian M. stammt nämlich nicht aus Basel, wie er seinen Leipziger Genossen erzählte, sondern aus Brandenburg, wie er nun sagt. In Basel sei er nur getauft worden. Wie er mit seinen Eltern in den 80er-Jahren zurück in die DDR kam, wisse er selbst nicht mehr so genau. Dass er Theologie an einer christlichen Hochschule und an der Humboldt Universität Berlin studiert habe, sei aber Fakt. Als Vikar habe er mit anderen zusammen versucht, „über die Tschechoslowakei abzuhauen“. Von bundesdeutschem Boden hätten ihn die Tschechen zurückgeholt. Nach zehn Monaten Haft sei er von der Bundesrepublik im August 1989 freigekauft worden. Über Gießen, Raststadt und Schonach habe ihn sein Weg nach Stuttgart geführt– in die Justizvollzugsanstalt Stammheim, als Gefängniswärter. Vom Umgang mit den Häftlingen habe er aber Depressionen bekommen, sagt er, und deshalb den Justizdienst quittiert.

Dafür versuchte es Mario M., wie er sich damals nannte, bei den rechtsextremen Republikanern in Stuttgart. 1992 kandidierte er für die Partei für den Landtag. „Eine nationale liberale Alternative war mein Ziel“, sagt er, ohne näher zu bestimmen, was er damit meint. Nachdem es aber weder bei den Republikanern noch bei der NPD mit einer politischen Karriere richtig klappte, gründete er mit anderen die Vereinigte Rechte, ein Sammelbecken unzufriedener Rechter. Eines Tages durchsuchte die Polizei seine Wohnung, „weil ich mit dem Hamburger Worch auf einer Rednerliste stand“. Christian Worch gilt als einer der Köpfe der Neonaziszene in Deutschland. Dieses Erlebnis habe ihn dazu bewogen auszusteigen –„mithilfe der Bundesregierung“, wie er sagt. Beim Umzug sei ihm geholfen worden und auch bei der Suche nach einer Arbeit. So konnte er ein Volontariat beim Hörfunk absolvieren, bei der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur (ADNA) in Leipzig sei er sogar kurze Zeit Chef gewesen. Auch ein Praktikum bei der PDS im Bundestag steht in seinem Lebenslauf.

„Eine tragische Figur“

Ein Aussteigerprogramm der Bundesregierung gab es 2000/2001 tatsächlich, weiß Rechtsextremismusexperte Bernd Wagner, der selbst vielen Neonazis geholfen hat, aus der Szene rauszukommen. Doch organisiert habe es das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Mario Hans Maximilian M. bestreitet bis heute heftig, jemals Spitzel des Verfassungsschutzes gewesen zu sein. Erst vor wenigen Tagen habe er im Kölner Bundesamt angerufen, um sich das von dort bestätigen zu lassen. „Die haben am Telefon nur gelacht“, sagt er.

Seinen Vornamen hat er 2006 selbst geändert. „Mario fand ich blöd.“ Dass er einen Doktor-Titel zu Unrecht führte, bezeichnet er als Bagatelle. „Ich musste doch nur 200Euro Strafe zahlen.“ Im Übrigen habe er ihn ja nur in der PDS „eingesetzt“. Gegenüber seinen alten Mitstreitern in der ASG „bedauert“ Maximilian M., wie er sich heute nennt, dass er ihr Vertrauen missbraucht habe. Der Tausch seines Vornamens sollte nur „ein sichtbares Zeichen“ sein, für den „Ausstieg aus dem rechten Lager“. Glauben will ihm das kaum einer. Zu sehr habe er sich in Legenden verstrickt, heißt es im Karl- Liebknecht-Haus. Dort halten ihn viele für eine „tragische, aber nicht ungefährliche Figur“.