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Sonntag, 05.03.2017

Die Radikalen von nebenan

Sie standen mitten im Leben. Fast alle hatten Arbeit. Dann kam der Hass. Und nun sollen sie Rechtsterroristen sein. Am Dienstag beginnt in Dresden der Prozess gegen die Gruppe Freital. Eine Spurensuche.

Von Ulrich Wolf

Freital in der Nacht vom 20. auf den 21. September 2015: Vor dem Büro der Linken in Freital gibt es eine Explosion. Kriminaltechniker und Sprengstoffspezialisten des Landeskriminalamtes untersuchen den Tatort. Auch dieser Anschlag soll auf das Konto der Gruppe Freital gehen.
Freital in der Nacht vom 20. auf den 21. September 2015: Vor dem Büro der Linken in Freital gibt es eine Explosion. Kriminaltechniker und Sprengstoffspezialisten des Landeskriminalamtes untersuchen den Tatort. Auch dieser Anschlag soll auf das Konto der Gruppe Freital gehen.

© SZ

Das also ist die Endstation. Die Dresdner Gröbelstraße liegt direkt neben dem Einkaufszentrum Löbtau-Passage. Wer mit der Buslinie A aus Freital kommt, muss hier aussteigen. Ein Fahrer macht Pause, liest Zeitung. „Ja“, sagt er, „die beiden habe ich flüchtig gekannt. Der eine ist so ein lauter Typ, unsympathisch, einer, der alles gleich besser weiß. Der andere, der kleine Dicke, der ist ein Mitläufer.“

Der Busfahrer spricht von zwei Kollegen, die er schon lange nicht mehr gesehen hat. Von Timo S., 28, und Philipp W., 30. Beide sitzen seit 16 Monaten in Untersuchungshaft. Kein Geringer als der Generalbundesanwalt in Karlsruhe wirft den Männern vor, Mitglieder einer rechtsterroristischen Vereinigung zu sein: der Gruppe Freital. Eine Clique, die vorsätzlich und organisiert Sprengstoffanschläge auf Flüchtlingswohnungen, auf das Auto eines Lokalpolitikers, auf ein Parteibüro und ein autonomes Wohnprojekt verübt haben soll.


Auto des Linken-Stadtrats Michael Richter nach einem Anschlag | Foto: Ronald Bonß

Die Anklage lautet auf versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung. Vermutetes Motiv: Hass auf Ausländer und politisch Andersdenkende. Am kommenden Dienstag beginnt der Prozess vor dem Oberlandesgericht Dresden.

Außer den zwei Busfahrern sollen der Gruppe sechs weitere Personen im Alter von 19 bis 39 Jahren angehören: ein Lagerist, ein Gleisbauer, ein Altenpfleger, ein Mechaniker, ein Caterer und eine Arbeitslose (hierzu sz-online.de vom 26.04.2016: "Wie der Terror nach Freital kam"). Zwei von ihnen sind gebürtige Freitaler, zwei sind Dresdner. Die anderen stammen aus Hamburg, Berlin, Prenzlau und dem rheinländischen Erkelenz; aber auch sie wohnen in Freital oder Dresden. Nur einer von ihnen war zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Drei von ihnen sitzen seit November 2015 im Gefängnis, die anderen fünf seit April 2016.


In einem eigentlich als Erstaufnahmeeinrichtung vorgesehenen Gebäude in Dresden findet Prozess gegen die Mitglieder der Gruppe Freital statt. | Foto: Robert Michael

Bis zu ihren Festnahmen durch Elitepolizisten lebten sie unauffällig. In Ein- oder Mehrfamilienhäusern, in Plattenbauten. Die meisten waren liiert, einer ist Vater. Zwar sind es Menschen, die nicht unbedingt das große Los gezogen haben. Aber auch keine Niete.

Patrick F. zum Beispiel. Der 25-Jährige soll einer der beiden Rädelsführer sein. Er traf sich mit seinen Kumpels gern an der Hem-Tankstelle in der Tharandter Straße, die parallel zur Route der Buslinie A verläuft. „Wann und wo ist morgen Treff?“, fragt einer seiner Facebook-Freunde. „Ich schätze mal um acht an der Hem“, lautet die Antwort. „Komme etwas später“, teilt Patrick F. mit.


Treffpunkt Hem-Tankstelle, Tharandter Straße | Foto: Ulrich Wolf

Eine Tankstellenmitarbeiterin erkennt ihn auf einem Foto wieder. „Ja, der war öfter hier. Mit ein paar anderen. Die haben abends ihr Bierchen getrunken und einmal eine Verwarnung gekriegt, weil sie die Zapfsäulen zugeparkt hatten. Ist aber schon länger her.“ Bei Facebook fährt Patrick F. auf Autos ab, vor allem auf getunte Audis und BMW. Statussymbole als Kompensation für einen vermeintlich Zukurzgekommenen?

Nur fünf Minuten zu Fuß braucht Patrick F., um von seiner Wohnung in Dresden-Gittersee auf Arbeit zu kommen. Er ist Schichtarbeiter, verdient sein Geld als Lagerist bei einem Hygieneartikelhändler. Dort heißt es, man habe Herrn F. „als hilfsbereit und fleißig erlebt“. Er sei nicht aufgefallen. „Wir waren völlig perplex, als die Polizei seinen Spind durchsuchte.“

So ähnlich klingt es auch im Bekanntenkreis. Seine Freunde nennen ihn „Keks“ oder „Festi“. Es heißt, er sei „ein richtig netter Kerl“. „Ein Kumpeltyp.“ Gar von einem „ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden“ ist die Rede. Mit seinem Vater lebe er zusammen, der habe ihn geprägt. In den letzten zwei, drei Jahren aber habe sich Patrick F. isoliert, unter anderem durch rechtsextreme Äußerungen. Er sei auch nicht mehr zum sommerlichen Gartenfest erschienen.


Nur wenige Minuten Fußweg trennen das Wohnhaus (links) und den Arbeitplatz von Patrick F.. | Fotos: Ulrich Wolf

Ein guter Bekannter vermutet, dass Patrick F. „sich angesprochen fühlte zu handeln“. Gegen was? „Na, gegen all die Flüchtlinge und Linken.“ Warum? „Vielleicht, weil Pegida ihn heißgemacht hat. Und der Hass in sozialen Netzwerken. Und einen Hang zum Militärischen hatte er auch.“

Auf Facebook findet Patrick F. Pegida „spitze“ und gibt an, deren ehemalige Frontfrau Tatjana Festerling als Oberbürgermeisterin gewählt zu haben. Sein Profilbild zeigt ihn als Paintballer, ein Mannschaftssport, bei dem sich die Spieler mit Farbkugeln beschießen. Er trägt eine Uniform, einen Helm und ein Headset. Ein Youtube-Video zeigt ihn bei einem Paintballwettbewerb in einer Ruine im brandenburgischen Plessa. Als letzte Facebook-Aktivität vor seiner Verhaftung lud er ein neues Titelbild hoch. Darauf ist ein Vermummter zu sehen, Pyrotechnik erhellt die Szenerie. Dazu die Inschrift: „Es beginnt. Holen wir uns unser Land zurück.“

Ein Land, das sich seit dem Spätsommer 2015 vor allem im Osten mit ungewohnt vielen Fremden konfrontiert sah. Und die sich auch Pizza liefern ließen. Das war der Zweitjob von Patrick F. Der Pizzaservice liegt ebenfalls in der Tharandter Straße, nahe der Hem-Tankstelle. Der Serviceleiter dort sagt, „arbeitstechnisch hat er sein Ding gemacht“. Ansonsten gebe es zu Patrick nichts zu sagen. Man möchte wissen, was dran ist an dem Gerücht, der Pizzaservice beliefere Kunden mit bestimmten Nationalitäten nicht. „Was glauben Sie, was los wäre, würde ich das bejahen“, lautet die Antwort. Dann wird man sehr bestimmt gebeten, den Verkaufsraum zu verlassen.

Viel besser haben sich Patrick F. und Timo S. verstanden. Sie hätten häufig über den Smartphone-Kurznachrichtendienst Kakaotalk kommuniziert, heißt es in Ermittlerkreisen. Mindestens seit dem Herbst 2015. Bekannte vermuten Pegida und Facebook als weitere Bindeglieder. Die Ankläger halten Timo S. für den zweiten Rädelsführer der Gruppe Freital.Der 28-Jährige wuchs in Hamburg auf, machte seinen Hauptschulabschluss im Arbeiterviertel Allermöhe. 2009 lief der HSV-Fan bei einer Nazidemonstration mit. Weitere Demos folgten. Linke sind für ihn nur „Dreck“. Schon in Hamburg arbeitete er als Busfahrer.

Wahrscheinlich im Herbst 2014 zieht er nach Freital zu seiner Freundin in ein Mehrfamilienhaus mit hübschem Garten. Als sich im August ’14 der Berliner NPD-Chef in Dresden aufhält, fragt Timo S. via Facebook: „Seid ihr die Nacht noch in Dresden? Bin ab 23 Uhr auch dort. Hab gehört, man trinkt noch einen.“ Die Antwort folgt prompt. „Ja Timo (...), sind wir, wäre schön, dich dann heute noch zu sehen. Rest dann bitte via PN.“ PN steht für Privatnachricht.


Mehrfamilienhaus mit Garten: Hier wohnte Timo S., seit er nach Freital kam. | Foto: Ulrich Wolf

Beim neuen Arbeitgeber in Sachsen findet Timo S. mit seinem Gedankengut Gehör bei einem Kollegen: bei Philipp W. Freunde nennen ihn „Philli“ oder „Zigeunerphilli“. Der heute 30-Jährige machte eine Lehre als Abwassertechniker bei den Stadtwerken Freital, ein Zeitungsfoto vom Januar 2006 zeigt ihn als Auszubildenden im Abwasserpumpwerk Kleinnaundorf.

Doch er wurde Busfahrer. Auf der Linie A. Nahezu täglich passiert er dabei seine Wohnung, ein Gründerzeithaus in der Dresdner Straße, in dem er mit seiner Freundin lebt. Um die Ecke liegt der Platz des Friedens. 2015 war das ein beliebter Demonstrationsstandort für Asylgegner.

Es ist Philipp W., der die erste Protestaktion vor dem damals als Flüchtlingsheim genutzten Leonardo-Hotel in Freital anmeldet. Ebenso wie Timo S. geht er zu Pegida und gehört zur „Bürgerinitiative Freital wehrt sich“. In der Kleinstadt sind zudem der Pegida-Klon Frigida und der Widerstand Freital aktiv. Nach einem Zwischenfall mit zwei Marokkanern in der Buslinie 360 kommt die Bürgerwehr FTL/360 hinzu. Ihre Mitglieder sollen in Bussen patrouillieren und für Ordnung sorgen.

Alle gemeinsam geben im April 2015 auf Facebook bekannt, sich „künftig in allen Aktionen gegenseitig unterstützen“ zu wollen. „Gemeinsam für Freital, gemeinsam für Deutschland.“ Das Bild dazu zeigt zwölf Vermummte, zwei tragen Pyrofackeln, in der Mitte ein schwarzes Transparent, auf dem in Runenschrift „Freital“ geschrieben steht. Es entstand am Aussichtspunkt auf dem Windberg, im Hintergrund leuchten die Lichter von Freital in der Tiefe. In Ermittlerkreisen heißt es, dieser Schulterschluss könnte die Keimzelle für die Gruppe Freital gewesen sein.


Zusammenschluss auf dem Windberg mit Pyrofackeln und einem Banner mit Runenschrift. | Foto: FB

In der Folgezeit zwischen April und November 2015 registriert die Polizei 16 gravierende rechtsmotivierte Gewalttaten in Freital: Angriffe mit Leuchtraketen, Böllern, Brandsätzen, Pfefferspray, Baseballschlägern. Der Ort wird zu einem Synonym für Ausländerhass in Sachsen.

Bei politisch motivierten Straftaten in der Kleinstadt stoßen die für die Aufklärung zuständigen Polizeibeamten des Operativen Abwehrzentrums Sachsen auf wiederkehrende Namen: Patrick F. ist darunter, Timo S., Philipp W. und auch ein Rico K. Der 39-Jährige ist seit dem vergangenen April im oberfränkischen Hof inhaftiert.

Seine Wohnung befindet sich im Osten des Dresdner Plattenbauviertels Gorbitz, in einem Sechsgeschosser hinter einer Schallschutzmauer der Bundesstraße 173.


Plattenbau im Dresdner Osten - hier wohnte Rico K. | Foto: Ulrich Wolf

Ein Nachbar, der ihn seit vielen Jahren kennt, erinnert sich an die Festnahme: „Das gab damals einen Riesenknall. Um vier Uhr früh. Die haben die Tür aufgebrochen und bei uns sogar den Türspion zugeklebt. Vor dem Haus standen Polizeiautos mit Bonner und Leipziger Kennzeichen.“ Er und seine Frau seien total geschockt gewesen, sagt der Nachbar. „Der Rico? Wahnsinn!“ Drei Kinder gebe es da, das seien „ganz solide Leute, eine nette Familie“.

Rico K. arbeitete als Caterer. Er schnitzte Fantasiefiguren, Musikinstrumente, Blumen und reale Personen aus Obst und Gemüse. So gut, dass er auch beim Gogelmosch-Menü im März 2016 im Tom-Pauls-Theater in Pirna auftrat. Oder zusammen mit Starkoch Kai Kochan in der Löbtau-Passage. Manchmal hüpfte K. zudem im Auftrag einer Werbeagentur als verkleideter Osterhase oder Frosch für Firmen und Sportvereine herum.

Viel Geld machte er damit offenbar nicht. 2008 berichtet die Bild-Zeitung über ihn. Es geht um einen Prozess, in dem er sich als Hartz-IV-Empfänger gegen einen Sozialbetrugsvorwurf der Arbeitsagentur wehrt. Erfolgreich. Anfang 2016 beklagt er sich auf Facebook über die neuen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. „Am Ende bleibt mir weniger als ein Hartz-IV-Empfänger. Irgendwas stimmt in diesem deutschen System nicht.“ Er suche deshalb dringend einen Job zur Festanstellung.

Aus seiner Facebook-Seite geht auch hervor, dass Rico K. ebenfalls Pegida besuchte. Im Oktober 2015 sei seine Tochter von „vermummten Linksradikalen“ angegriffen worden, behauptet er. Über diesen „drecksversifften Antifa“ schreibt er da: „Bei mir gibt es keine Pflegestufe mehr. Der ist dann tot!“ Darunter kommentiert Busfahrer Timo S.: „Jaaaa ausrasten!“

Anfang 2016 organisiert Rico K. einen Spontanprotest vor einem Dresdner Hallenbad. Er wolle „ein Zeichen gegen Kindesmissbrauch/Vergewaltigung“ setzen, schreibt er und fordert ein „Hausverbot für Flüchtlinge“. Anfang dieses Monats taucht sein Name im Internet auf einer Liste von 215 Hooligans und Neonazis auf, die im Januar 2016 das Leipziger Szeneviertel Connewitz überfallen haben sollen. „Das kann ich alles nicht glauben“, sagt sein Nachbar.

Dieser Satz passt in das Bild, das sich inzwischen auch das Operative Abwehrzentrum zu eigen gemacht hat, wenn es um Straftaten im Zusammenhang mit dem Thema Asyl geht. Demnach handelt es sich bei den bisherigen Tatverdächtigen nicht nur zu 93 Prozent um Männer, sondern zu über drei Vierteln auch um Personen, die zuvor noch nie polizeilich in Erscheinung getreten waren. Eine Art Zäsur in der Ermittlungsarbeit. Ihr Beginn stimmt zeitlich ziemlich genau mit dem Aufkommen von Pegida und dem Hass auf Facebook überein. Die Hetzrhetorik scheint bislang Unbedarften den Verstand geraubt zu haben.

So sagt der Bekannte von Lagerist und Pizzalieferant Patrick F., dessen Intellekt reiche vermutlich nicht aus, „um sich aus dieser Hasswelt zu befreien“. Und sogar in der spontan gegründeten Facebook-Gruppe „Freiheit unseren Kameraden Timo, Philipp und Patrick“ wird dieses Manko diskutiert. Ein Mitglied schreibt: „Schade, dass ihr es nie begreifen werdet. Aber das liegt wohl an der mangelnden Bildung. (...) Wie dämlich muss man sein, um das Leben von fremden Menschen und sein eigenes aufs Spiel zu setzen, um was zu verändern? (...) Wenn euch wirklich was an Timo liegt, dann (...) steht ihm bei als Freund und nicht als sogenannte Kameraden.“