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Die mit den Tigern lebt

Die Dompteurin wohnt am Stadtrand von Leipzig. Jetzt wurde sie zu einem internationalen Zirkusfestival eingeladen.

07.10.2017
Von Sven Heitkamp, Leipzig

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en Tigern lebt
Ungewöhnliche Wohngemeinschaft: Carmen Zander hält in Dölzig bei Leipzig Tiger, mit denen sie täglich für Auftritte probt.

© Sebastian Willnow

An einer Ausfallstraße zwischen Leipzig und dem Einkaufszentrum Nova Eventis liegt ein unscheinbares, graues Gewerbegebiet mit sehr exotischen Mietern. Neben ein paar alten Werkshallen, in einer Wagenburg aus riesigen Sattelzügen und kapitalen Wohnwagen, leben ein halbes Dutzend Tiger. Carmen Zander, die als eine der besten Dompteurinnen Deutschlands gilt, hat hier Zuflucht gefunden, für sich und ihre Raubtiere, mit denen sie seit mehr als zehn Jahren zusammenlebt. Doch das etwas triste Areal macht deutlich: Wer Tiger hält, ist meist nur in der Glitzerwelt von Galas beliebt – nicht aber im Alltag einer Großstadt.

Auf dem Areal im kleinen Dölzig steht ein großes rundes Freigehege, in dem sich die weiße Amur-Tigerin Saphira und vier Bengaltiger-Damen tummeln. Die fast zwölf Jahre alten, in Deutschland geborenen Weibchen heißen Kiara, Face, Aschanti und Imani, sie baden in großen Wasserbehältern und spielen mit Bällen und Ästen, mal dösen sie auch oder springen herum. Ihr Bruder Gandhi ist Ende Februar an einer Krebserkrankung gestorben. Dafür kam im Frühjahr der quirlige Sandokan zur Gruppe, ein acht Monate alter Bengaltiger aus Italien. Er guckt sich zurzeit viel von den älteren Tieren ab und klettert tapsig über Metallpodeste und Leitern.

Carmen Zander, 44 Jahre alt und im heutigen Chemnitz geboren, sitzt neben dem Gehege auf einer Holzbank und behält die Tiger immer im Auge. Wenn sie nicht mit den Tieren auf Tournee ist, lädt sie dort zum Tiger-Streicheln ein und veranstaltet noch bis 19. November Sonntagnachmittags kleine Shows. Doch Zander träumt davon, eines Tages einen fest etablierten, europaweit bekannten „Tigerpark“ zu eröffnen, mit Außenanlagen, großem Pool und einer Eventhalle für ihre Dressur-Vorführungen. Das Konzept stehe, allein es fehle das geeignete Grundstück und das nötige Geld. Sie hofft deshalb auf einen Sponsor, der ihr für die Tiere ein passendes Zuhause anbieten könne. „Wir brauchen einen geschützten Raum.“ Schließlich stellen nicht nur Tiger eine potenzielle Gefahr dar – umgekehrt machen ihr Tierschützer das Leben schwer.

Wer verstehen will, was die zarte, athletische Frau mit den Tigern umtreibt, muss ihre Geschichte kennen. Als junges Mädchen in der DDR kommt Carmen Zander zum Hochleistungssport, Rhythmische Sportgymnastik. Sie wird mehrfache DDR-Meisterin, gewinnt Pokale und Spartakiaden. Doch verletzungsbedingt muss sie mit 15 die Karriere beenden. „Es war mein Leben“, sagt sie. „Aber mein Körper leidet bis heute unter den Spätfolgen des Drills.“ 1989 geht sie auf die Artistenschule in Ost-Berlin und bringt die Ausbildung 1993 zu Ende. Danach lässt sie sich von namhaften Dompteuren wie Marcel Peters und René Strickler ausbilden. Parallel tritt sie europaweit in Varietés, Galas und Zirkusnummern wie „Der Tiger von Eschnapur“ auf.

Immer wieder muss sie neue Dressuren trainieren, sich anderen Raubtieren nähern und irgendwann wieder von ihnen verabschieden. 2006 ergreift sie dann die Chance, die ihr Leben endgültig verändern sollte: Ein Muttertier im Safaripark Stukenbrock in Nordrhein-Westfalen hat ihre fünf Jungen nicht angenommen. Das komme beim ersten Wurf manchmal vor. Doch Carmen Zander nahm die Tigerbabys auf. „Manche Menschen haben mich für verrückt erklärt: eine zarte junge Frau mit fünf Tigern!“ erzählt sie. „Sie hatten wahrscheinlich recht. Aber für mich war es ein Geschenk des Himmels.“

Jeder darf die Tiger streicheln

Damals Anfang 30, zieht sie die Jungtiere mit der Flasche auf, übt schon früh die ersten Nummern und geht bald mit ihnen auf Tournee. „Für die Tiere sind Ortswechsel eine willkommene Abwechslung – und kein Stress“, entgegnet sie Kritikern. „Wenn es Stress wäre, würde ich die Tiere verlieren.“ Das tägliche Training absolviert die Fachfrau für Großraubkatzen trotz aller Vertrautheit immer mit zwei langen Bambusstäben als verlängerte Arme und um sich größer machen zu können.

„Auch wenn wir uns Küsschen geben – die Tiger bleiben unberechenbare Raubkatzen und reagieren immer instinktiv“, sagt sie. „Jede Sekunde ist gefährlich.“ Dennoch hat sie mit den Tieren ein breites Repertoire erarbeitet.

Zander ist schon in vielen großen Shows in Europa aufgetreten, im Münchner Festbau des Zirkus’ Krone ebenso wie auf der Tournee des Pariser Cirque d’Hiver Bouglione wie auch 2015/2016 beim Weihnachtszirkus in Dresden. Zurzeit bereitet sich die mit Preisen ausgezeichnete Dompteurin auf eine weitere Krönung ihrer Laufbahn vor: Auf das internationale Zirkusfestival in Monte Carlo im Januar 2018. Bei dem legendären Treffen wetteifern die besten Artisten und Tierlehrer der Welt um begehrte Auszeichnungen. „Dazu wird man vom Fürstenhaus eingeladen – da darf man nicht absagen“, erzählt Zander. „Dabei bräuchte ich viel mehr Zeit, um den jungen Sandokan und die kamerascheue Imani vorzubereiten.“

Finanziell über Wasser hält sich die Freiberuflerin zurzeit vor allem mit dem Angebot für Fans, ihre Tiger zu streicheln. Menschen aus ganz Deutschland und aus Nachbarländern würden dazu anreisen, um sich einen alten Wunsch zu erfüllen. Die Gäste dürften sich in einen mannshohen Käfig innerhalb des Freigeheges stellen, auf den Saphira, Face und Aschanti hinaufklettern und sich den Bauch kraulen lassen, erzählt sie. Unterstützung bekommt Zander zudem vom Verein „Rettet die Tiger e. V.“, der seit Jahresbeginn offiziell anerkannt ist und etwa 30 Mitglieder hat, wie Organisatorin Gabriele Salbach erzählt. Ziel des Vereins sei es vor allem, Sponsoren etwa für Futter oder Arztkosten zu gewinnen.

Doch Zander hat nicht nur Fans. Immer wieder werde sie von Tierschützern für die Haltung und Dressur der Wildtiere angegriffen. Zander fühlt sich dann zu Unrecht kritisiert: „Bei mir werden alle Vorgaben mehr als erfüllt“, sagt sie. Hinzu kämen ständige, strenge Veterinärkontrollen. Die Tiere bekämen geistige und körperliche Beschäftigung, reichlich Auslauf, kiloweise Frischfleisch und viel Abwechslung. „Selbst eine Auswilderung würde ich unterstützen“, sagt sie. „Aber das ist mit diesen Tieren, die nie die Freiheit kannten, eine naive Illusion.“

www.carmen-zander.de