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Dienstag, 08.03.2016

Die Millionen-Blitzer

Nach einem Jahr machen Radebeul und Coswig die erste Abrechnung für ihre modernen Blitzer. Die Einnahmen sind siebenstellig, die Behörden überrascht. Wo die gefährlichsten Stellen sind.

Von Peter Redlich

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Die graue Säule auf der Meißner Straße nahe Wackerbarth in Radebeul. Der Blitzer gehört zu den ergiebigsten, sagt die Statistik der Verkehrsbehörde.
Die graue Säule auf der Meißner Straße nahe Wackerbarth in Radebeul. Der Blitzer gehört zu den ergiebigsten, sagt die Statistik der Verkehrsbehörde.

© Norbert Millauer

Radebeul/Coswig. Jetzt liegt die Blitzer-Abrechnung vor. Zum ersten Mal werden nach einem kompletten Jahr im Radebeuler und Coswiger Rathaus die Einnahmen zusammengezählt. „Nach Abzug der Sachkosten haben Radebeul eine Million Euro und Coswig 150 000 Euro eingenommen“, informiert die Radebeuler Verkehrsbehörde auf Nachfrage der SZ. Eine gewaltige Summe, mit der offenbar in dieser Höhe im Rathaus nicht gerechnet wurde.

Und die aktuelle Statistik verrät auch, woher das Geld kommt: 66 426 Verfahren gab es in Radebeul, 6 540 in Coswig. Im Klartext – genau in dieser Anzahl haben die Mitarbeiter der Ordnungsämter Briefe verschickt und Geld von Verkehrssündern eingefordert, die geblitzt worden sind.

Die großen Unterschiede zwischen Radebeul und Coswig erklären sich mit den stationären Blitzersäulen. In Radebeul gibt es fünf solcher unauffällig grau-schwarzen Säulen. Jeweils zwei stehen in jede Richtung an der Meißner Straße nahe Schloss Wackerbarth sowie an der Waldstraße nahe dem Netto in Radebeul-Ost. Eine Blitzersäule ist vor der Grundschule in der Wilhelm-Eichler-Straße in Radebeul-West aufgebaut.

Ingolf Zill, der Leiter der Radebeuler Verkehrsbehörde, sagt, dass 90 bis 95 Prozent der zu schnell fahrenden Autolenker bei Tempo 30 mit 40 bis 50 km/h erwischt werden. Vor Wackerbarth werde auf der Meißner Straße zumeist knapp über 60 km/h gefahren. Im Brief, den die Autobesitzer dann bekommen, werden Summen zwischen 15 und 25 Euro gefordert.

Dass die Stadtkassen so rasant mit Blitzergeld gefüllt werden konnten, war nicht eingeplant. Zwar schrieben beide Städte Summen in ihren 2015er-Haushalt – Radebeul 302 500 Euro und Coswig 70 000 Euro – , doch mit einer Verdreifachung oder Verdopplung sei nicht zu rechnen gewesen, so Zill. In Radebeul kommen dazu noch Knöllcheneinnahmen von Falschparkern, genau 82 292,05 Euro aus 6 075 Verfahren.

Und die Verkehrsbehörde nennt auch die Stellen, an denen die meisten Fotos geschossen werden. Dies sei nach wie vor die Waldstraße, wo im ersten Halbjahr 2015 allein zwei Drittel der Radebeuler Blitzerfotos entstanden. Zunehmend werden Verstöße gegen die erlaubten 50 bzw. 30 Stundenkilometer auch an der Meißner Straße und auf der Kötzschenbrodaer Straße gemessen. Auf der Kötzschenbrodaer steht zwar kein fest installierter Blitzer, aber in der 30er-Kurve unterhalb von Kaufland postiert sich öfters das mobile Blitzerauto der Stadt.

Das Fahrzeug, ein Skoda-Roomster, ist an den Messstellen auch in Coswig unterwegs. Radebeul und Coswig haben dafür einen Vertrag geschlossen. Die Lößnitzstädter Verkehrsbehörde hat sich das Fahrzeug samt geeichter Fototechnik angeschafft und blitzt für die Nachbarn mit. Auch ein Mitarbeiter ist dafür eingestellt worden. In Coswig trifft es die meisten Zuschnellfahrer an der Dresdner Straße, der Salzstraße, der Moritzburger Straße und an der Weinböhlaer Straße.

Ingolf Zill: „Wir waren mit der im Haushalt eingetragenen Zahl vorsichtig, hatten aber mit höheren Einnahmen gerechnet.“ Zill sagt auch, wo das Geld wieder eingesetzt wird. So seien dafür an vielen Stellen in der Stadt verschlissene Verkehrsschilder ausgetauscht worden. Tempotafeln habe die Stadt davon angeschafft. Diese wurden an der Kötzschenbrodaer Straße in Zitzschewig und auch am Augustusweg eingesetzt.

Allein für 150 000 Euro sind Fahrbahnmarkierungen im Hauptstraßennetz erneuert worden, sagt Zill. Auch für die Modernisierung von Fußgängerüberwegen wurde Blitzergeld eingesetzt – an der Bahnhofstraße in Radebeul-West. Die Beleuchtung an den Übergängen ist erneuert worden, diese kostet allein an einem Übergang rund 15 000 Euro. Und: Die neuen Poller zum Schutz der Fußgänger in der Bahnhofstraße sind ebenfalls aus dem Knöllchen- und Blitzertopf bezahlt worden. Noch übriges Geld solle in diesem Jahr in Straßenreparaturen gesteckt werden, heißt es aus dem Rathaus.

Wird der Geldsegen für die Stadtkasse einfach so weitergehen mit den Einnahmen von Temposündern und Falschparkern – immerhin etwa ein Zehntel der Steuereinnahmen? Der Leiter der Verkehrsbehörde ist skeptisch. Zill: „Seit dem Jahreswechsel sinken die Zahlen wieder. Es ist auch bekannt, dass nach drei bis fünf Jahren die stationären Messsäulen so weit bekannt sind, dass sie wesentlich seltener zum Auslösen gebracht werden als bisher.“ Statistiken besagen sogar, dass das bis zu einer Plus-minus-null-Rechnung für Aufwand und Nutzen runter gehen könne. Der Blitzer an der Kötzschenbrodaer Straße in Serkowitz wurde schließlich abgebaut, weil die Miete für das Gerät zuletzt höher war als die Einnahmen.

Die fünf modernen Säulen an der Meißner Straße, Waldstraße und der Wilhelm-Eichler-Straße gehören einer Betreiberfirma. Dieses Unternehmen und die Stadt teilen sich die Einnahmen – das heißt, in Wirklichkeit waren sie noch viel höher als eine Million Euro. Und im Vertrag mit der Firma stehe auch, dass die Säulen einmalig kostenlos für die Stadt umgesetzt würden. Was aber derzeit noch niemand beabsichtigt. Wohl, weil es gut läuft, oder besser, blitzt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 11 Kommentare

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  1. Th. Schmidt

    "Der Blitzer an der Kötzschenbrodaer Straße in Serkowitz wurde schließlich abgebaut, weil die Miete für das Gerät zuletzt höher war als die Einnahmen. " Ich dachte immer, es geht um Verkehrssicherheit und nicht um das Steuersäckel aufzubessern. Musste beim Lesen feststellen, dass ich naiv bin und falsch gedacht habe. Wieso stehen nicht alle Blitzer vor Schulen, Kindergärten sondern überwiegend auf Ausfallstraßen?

  2. J. O.

    Ich kann den leicht empörten Tonfall des Artikels ehrlich gesagt nicht verstehen. Es wird doch niemand gezwungen, zu schnell zu fahren, oder? Warum muss man dem Staat vorhalten, dass er die Einhaltung von Regeln überprüft und Übertretung sanktioniert?

  3. MReif

    @1: Viel naiver finde ich den Beitrag von J. O. Wer freut sich schon, wenn er, für welche Übertretung auch immer, zu Kasse gebeten wird? Der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein...

  4. tom

    Wunderbares Ergebnis. Nur wenn man Nachts 22.30Uhr bei Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 bei 36Km/h blitzt ist das Ergebnis kein Wunder. Da stellt man sich die Frage, was ist wichtiger. Ständig auf den Tacho schauen oder darf man auch mal auf die Straße schauen.

  5. Sebastian_1972

    Tja, auf die Unfähigkeit der Autofahrer ist eben Verlass. Ist ja nicht so, dass mit den Kontrollen irgendwas unfaires gemacht wird, vielmehr steht die einzuhaltende Geschwindigkeit vorher gut sichtbar auf einem Schild am Straßenrand. Und wer das nicht schafft, muss eben zahlen. Selber schuld. Alle anderen Bürger freuen sich über diese Einnahmen - alles, was über Bußgelder reinkommt, müssen wir nicht an Steuern zahlen. Wobei die Verantwortlichen eine Milchmädchenrechnung aufstellen: Die genannten Summen sind abzüglich der Sachkosten, die Personalkosten müssten davon ebenfalls abgezogen werden. Und das Personal zum Ausstellen der Bußgeldbescheide ist bei solchen Anlagen das eigentlich teure, weniger die Technik.

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