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Samstag, 18.04.2015

Die letzten Zeugen

Mit SZ-Lesern auf Spurensuche in der Vergangenheit: eine SZ-Serie zum Kriegsende in Sachsen vor 70 Jahren.

Von Oliver Reinhard

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Zwischen Fanatismus und Furcht: Als der Krieg zu Ende ging, wurden selbst Kinder in sinnlose Tode geschickt.
Zwischen Fanatismus und Furcht: Als der Krieg zu Ende ging, wurden selbst Kinder in sinnlose Tode geschickt.

© dpa PA

April 1945. Der Zweite Weltkrieg ist längst entschieden. Aber er ist immer noch nicht vorbei. Obwohl inzwischen kaum jemand mehr daran zweifelt, auf keiner Seite, dass Deutschland ihn verlieren wird, geht das Kämpfen, das Töten und Sterben weiter. Unzählige Deutsche, Soldaten und Zivilisten, wollen nicht aufgeben. Viele aus Angst vor der „Rache der Sieger“ für die ungeheuerlichen Verbrechen in den einst eroberten Ländern. Andere, weil sie die nationalsozialistische Ideologie so tief in sich aufgenommen haben, dass sie sich ein „Leben danach“ weder vorstellen können noch wollen. Wieder andere, weil sie fürchten, von eigenen Leuten als Verräter umgebracht zu werden, sobald sie eine weiße Fahne hissen.

So unterschiedlich sie auch sind; in einem gleichen sich die Aufzeichnungen vieler russischer, polnischer, amerikanischer, britischer und französischer Soldaten aus diesen Tagen: Sie können nicht begreifen, dass so viele Deutsche, die sichere Niederlage vor Augen, trotzdem noch bis zuletzt weiterkämpfen und ihre Leben sowie unzählige Leben ihrer Gegner sinnlos verschwenden.

Doch dieses deutsche Nicht-Aufgeben-Wollen und die deutsche Sehnsucht, das Grauen möge endlich ein Ende finden; es liegt kein Widerspruch darin. Furcht, Verzweiflung, Verblendung, Fanatismus; dieses Miteinander vermag monströse Kräfte freizusetzen. So zeigt der Krieg noch einmal, in seinen letzten Zügen, in welchem Maße er das Schrecklichste im Menschen zum Vorschein bringen kann. Er zeigt es in allen tödlichen Facetten. Auch in Sachsen, und gerade in Sachsen.

Hier, östlich von Bautzen, findet eine der letzten großen, vorübergehend sogar erfolgreichen, aber gänzlich aussichtslosen Offensiven der Wehrmacht statt. Hier werden zahllose Häftlinge geräumter Konzentrationslager auf Todesmärsche getrieben. Hier geschehen furchtbare Kriegsverbrechen, auf allen Seiten. Hier begehen Frauen und Mädchen massenhaft Selbstmord aus Angst vor Vergewaltigungen. Und hier kommt es zum ersten Zusammentreffen von sowjetischen und amerikanischen Truppen, als Ost- und Westfront bei Torgau zu einer verschmelzen.

In jenen Tagen vor 70 Jahren kehrte der Zweite Weltkrieg endgültig dorthin zurück, wo er begonnen worden war. Zum Gedenken an diese Zeit starten wir ab heute in der SZ eine umfangreiche Serie über „Das Kriegsende in Sachsen 1945“. Ein Projekt, das ohne die Hilfe unserer Leser nicht möglich wäre. Hunderte sind unserem Aufruf gefolgt. Sie haben uns ihre persönlichen Erlebnisse von damals geschildert oder Gegenstände gezeigt beziehungsweise überlassen, mit denen sie Erinnerungen an eine Zeit verbinden, die für viele die schrecklichste ihres Lebens geblieben ist.

Manche dieser Dinge erzählen Geschichten, die für den Tod und das Weiterleben zugleich stehen. Wie die Tasche aus Stroh, die ein Rotarmist aus Verehrung für eine Deutsche geflochten hat. Wie die rote Fahne, die ein Dresdner Kommunist beim Einmarsch der Sowjets zur Begrüßung geschwenkt hat. Wie die Tragfläche eines abgeschossenen US-Bombers, die einem Bauern jahrzehntelang als Dach für seinen Schuppen diente. Für manche Leser empfinden wir ganz besonders großen Respekt. Etwa für jene Frau, die mit uns trotz der Schmerzhaftigkeit ihrer Erinnerung über das schlimmste Ereignis ihres Lebens sprach; ihre Vergewaltigung. Und für jene Dame, die als kleines Mädchen den Massenselbstmord ihrer ganzen Familie als Einzige überlebt hat. Nicht zu vergessen die russischen Veteranen, mit denen wir das ehemalige Gefangenenlager Zeithain nahe Riesa besuchten: Obwohl dort Tausende ihrer Kameraden und Landsleute starben, ermordet durch unmenschliche Haftbedingungen, setzen sie sich für Versöhnung ein, nicht nur zwischen Russen und Deutschen.

Aus einem weiteren Grund ist „Das Kriegsende 1945 in Sachsen“ keine gewöhnliche Serie der Sächsischen Zeitung. Denn wir stehen an einem Wendepunkt unserer Erinnerungskultur. Noch gibt es im Wortsinn eine lebendige Erinnerung an Nationalsozialismus, Krieg, Holocaust. Noch sind Menschen unter uns, die jene Zeit persönlich erfahren haben. Noch sind sie lebende Brücken zwischen ihrer Generation und den Nachgeborenen. Doch schon in zehn Jahren, zum 80. Jahrestag des Kriegsendes, werden die meisten von ihnen nicht mehr da und ihre Erinnerungen Geschichte geworden sein.

So wird diese Serie die letzte über den Zweiten Weltkrieg bleiben, die gemeinsam mit den Zeitzeugen der Erlebnisgeneration entstand. Umso dankbarer sind wir, dass wir ihnen zuhören durften und dürfen, solange sie noch erzählen können.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. peter michael

    Nun man schreibt und gedenkt des IIWK.der Grausamkeiten die der Krieg mit sich brachte .Unter uns leben immer noch Menschen die dies erleben mußten einige sprechen darüber vor der jungen Generation - Zur Mahnung ? Wir haben heute schon wieder Kriege u.es sind deutsche Soldaten sinnlos in Afgahanistan gefallen ,verstümmelt oder traumatisiert zurückgekehrt. Sie haben ein von den USA eingesetztes korruptes Regime geschützt -dem Volk da hat es wenig gebracht. Im Gegenteil es wurden Zivilisten getötet es war Kollateralschaden. Kriege waren nie der Wille des Volkes in der Geschichte -Verteidigung des eigenen Volkes ja. Immer ging es um Machtansprüche es waren Monarchen,religiöse Führer ,u.wie heute Politiker die Interessen bestimmter Gruppen unterstützen. Leider gibt es auch Freiwillige die sich nutzen lassen aus Abenteuerlust,oder gutem Verdienst ect. im Gedanken mir wird schon nichts geschehen. Insofern kann man sagen das es Menschen gibt die aus Geschichte nichts gelernt haben -

  2. Martin H.

    @1: Richtig, Sie haben nichts aus der Geschichte gelernt, aber gar nichts. Pflegen ihre erlernten Feindbilder gegen die USA und den Kapitalismus/Marktwirtschaft wie eh und je. Dazu lügen Sie noch ungehemmt um ihre kruden Verschwörungstheorien zu verbreiten. So was nennt man geistige Brandstiftung und die sind der Vorläufer jeder Kriegshandlung. Krieg beginnt im Kopf, und da ist bei Ihnen gehörig was in Unordnung. Afghanistan hat eine demokratisch gewählte Regierung. Die ist demokratischer zustande gekommen als in Ihrem geliebten RU. Da gibt es nämlich eine Opposition, die auch mal zum Zuge kommt. Sie wird nicht unterdrückt und ermordet wie in RU. Eine weitere Lüge, die sie immer wieder verbreiten ist dass die FED, die amerikanische Notenbank, privat sei. So ein Blödsinn. ALLE Notenbanken dieser Welt sind staatlich. Es wäre auf der Welt einiges friedlicher wenn ihr geistiger Müll entsorgt werden würde.

  3. Joachim Herrmann

    Es ist gut, dass auch die SZ an 70 Jahre danach erinnert. Die große "Aufmachung" stellte die Frontverläufe im April/ Mai dar- die I. Ukrainische Front war aber EIN Element der Streitkräfte der UdSSR! Also haben nicht DIE Ukrainer die Sachsen befreit. Ein Schelm, wer bei dieser Darstellung Schlimmes denkt. So kann eine Methodik bis ins Heute wirken (sollen). Auch in dieser Front haben aber tausende Russen und andere Nationalitäten gekämpft. Alle Fronten der Roten Armee waren mit vielen Völkern der SU "angereichert". Das wird heute manchmal wohlweißlich vergessen! Und, was auch immer wieder unter den Teppich gekehrt werden (soll) ist die Heldentat der Befreiung!.Viele, besonders Ältere, sprechen vom Kriegsende. Das kolportiert eine Schmach für das deutsche Volk- einen Niedergang. Dabei war DIE BEFREIUNG eine welthistorische Leistung, besonders der SU!!! Mit Hilfe der westlichen Alliierten. Beschämend, was sich im Westen derzeit, mit Blick auf RU, so zusammenbraut. Dümmlich/ ehrenrührig!

  4. Joachim Herrmann

    P. Michael- weiter so. Der ach so informierte und sicher habilitierte Martin H. kann nicht mal mehr Gesagtes und aus seinen Träumen Erwachsenes auseinander halten. Und, was sich in dieser Welt, nach dem II. WK so Alles entwickelt hat- vom "Kalten Krieg"- da waren auch nur die Russen schuld- bis zur Intervention der USA und der NATO in Afghanistan- auch da waren nur die Russen schuld- bis hin zum Martyrium der deutschen Soldaten- da waren auch die Russen schuld, zugetragen hat- ist in alleinigem Verständnis des Herrn den Russen zu überantworten?! Und, was die FED in diesem Kontext zu suchen hat- erschließt sich mir nicht- wie sicher Ihnen!

  5. Alter Sackse -87-

    Erschreckend, die Bilder dieser drei Kinder in Uniformen der Wehrmacht, die das Leben eines der größten Verbrecher der Menscheitsgeschichte verlängern sollten. Ich selbst, Jahrgang 1928, weiß, wie es damals war. Um der „Freiwilligenmeldung zur WaffenSS“ 1944 (in der Höheren Schule, von Lehrern musste das geduldet werden) zu entgehen, habe ich mich vorher, da mir ein Lehrer dies einige Tage vorher sagte, freiwillig zur damaligen Luftwaffe gemeldet. Welches Glück für mich. Ich wurde, da ich Segelflieger war, zur „Wehrfliegertauglichkeit“suntersuchung geschickt. Mit dem Ergebnis „für Nachflugeinsätze geeignet“ (Nachtsehleistung am Radiumadaptometer gut). Dokument habe ich noch vorliegen. Obwohl damals die Luftwaffe am Boden lag, sagte man uns, dass wir ja mit den noch zur Verfügung stehenden Jägern nachts starten und uns auf die feindlichen Bomber stürzen und für den Führer sterben könnten.Aber kein Benzin. Heute laufen wieder Uralte, Alte und Enkel dieser Idee nach. Geisteskrank?

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