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Mittwoch, 24.02.2016

„Die kommen wieder“

Wölfe haben am Rand der Königsbrücker Heide mehr als 50 Tiere auf einen Schlag gerissen. Dabei schien der Schutz doch ausreichend.

Von Nicole Preuß

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Das Bild nach dem Wolfsangriff: Rund um das Gatter in der Königsbrücker Heide liegen die Kadaver der Heidschnucken. 55 tote Tiere wurden bisher gezählt.
Das Bild nach dem Wolfsangriff: Rund um das Gatter in der Königsbrücker Heide liegen die Kadaver der Heidschnucken. 55 tote Tiere wurden bisher gezählt.

© Dirk Synatzschke

Die Bilanz dieses Wolfsangriffs ist verheerend: Mindestens 50 tote Schafe, mehrere tote Ziegen. Die Zahl könnte noch weiter steigen. Zehn Schafe werden noch vermisst. Wölfe haben in der Nacht zum Montag eine geschützte Herde am Rand der Königsbrücker Heide überfallen und so viele Tiere auf einmal gerissen wie noch nie seit der Wiederansiedlung.

Die Schafe und Ziegen standen in einem umzäunten Gehege in der Nähe der Bundesstraße zwischen Schwepnitz und Schmorkau. Der Reichenbacher Schäfer und Landwirt Andreas Habendorf lässt die Heidschnucken in wechselnden Gebieten schon seit Jahren am Rand der Königsbrücker Heide weiden. Ein Elektrozaun, der sogar etwas höher als empfohlen ist, schützt die Herde. Wölfe trauen sich dort eigentlich nicht heran. Es wurden zwar schon Wolfsspuren in der Nähe solcher eingezäunten Weiden gefunden. Doch in den vergangenen Jahren fanden die Raubtiere kein Schlupfloch. Bis jetzt.

Die Wölfe kamen wahrscheinlich über einen eingedrückten Zaun ins Gehege. Die Heidschnucken flüchteten panisch und durchbrachen den Gitterzaun offenbar an zwei weiteren Stellen. Mitarbeiter der Naturschutzgebietsverwaltung entdeckten das Dilemma am Montagmorgen bei ihrem Kontrollgang. Im Umkreis des 2,5 Hektar großen Geheges fanden die Mitarbeiter viele Tiere, die durch einen wolfstypischen Kehlbiss getötet worden waren. Aufgefressen wurden nur wenige. Einige Schafe konnten eingefangen werden. Etwa 25 befanden sich noch im Gatter.

Die Experten stehen vor einem Rätsel. Eigentlich verhielt sich das Wolfsrudel in dem Naturschutzgebiet bisher unauffällig. 2011 siedelte sich ein Wolfspaar in der Königsbrücker Heide an. Die Fähe kam aus dem Seenland und wird Silberblick genannt. Der Rüde stammt aus Polen, ist ungewöhnlich groß und bekam in Königsbrück den Namen Klitschko. Nur in der Anfangszeit wurden einzelne Schafe in der Gegend um Tauscha und Lüttichau gerissen. Fachleute gehen davon aus, dass Wölfe so lange Nutztiere erbeuten werden, bis sie ein festes Revier gefunden und die Schäfer aufgerüstet haben.

Andreas Habendorf hat das getan. Der Schäfer pflegt mit seinen Heidschnucken die karge Ginsterheide und die Grasflächen am Rand der Heide. Dafür schloss er mit der Naturschutzgebietsverwaltung einen Vertrag. Als der Wolf ins Gebiet einwanderte, rüstete der Schäfer auf und schaffte sich einen 1,08 Meter hohen Elektrozaun an, der die Wölfe abwehren sollte. „Die ganze Zeit hatte ich keine Probleme mit dem Wolf“, sagt er. Am Freitag baute er die Koppel erst neu zwischen Schwepnitz und Schmorkau auf. 130 Schafe und Ziegen ließ der Reichenbacher dort weiden.

Nach dem Angriff bleiben viele Fragen offen. Klar ist nur: Wölfe haben die Tiere getötet. Das hat auch der Rissbegutachter des Landratsamtes zweifelsfrei festgestellt. Die Naturschutzgebietsverwaltung Königsbrücker Heide will aber auch darüber hinaus Klarheit und möchte Proben der Kadaver genetisch untersuchen lassen. Dann will man weiter überlegen, was zu tun ist. Eine Möglichkeit wäre, den Nutztieren einen Hütehund zur Seite zu stellen.

Der Schäfer hat die verbliebenen Schafe aber erst einmal von der Koppel in den Stall geholt. „Die Tiere sind verängstigt und nicht mehr so zutraulich wie früher“, sagt Habendorf. Dazu kommt, dass die Gefahr für die Schafe nun noch größer wäre. Cornelia Schlegel von der Naturschutzgebietsverwaltung Königsbrücker Heide weiß: „Wenn Wölfe einmal Erfolg an einer Stelle hatten, kommen sie wieder.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 29 Kommentare

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  1. Weber

    Keine Bezeichnung wird so mißbraucht wie der Titel "Experte".

  2. Katrin

    Schrecklich, so viele getötete Schafe. Hoffentlich denken die Verantwortlichen darüber nach ob es wirklich so eine gute Idee war den Wolf hier anzusiedeln. Ich hoffe der Schäfer bekommt eine Entschädigung auch wenn es die viele Arbeit nicht wettmacht.

  3. Ch. Richter

    Lukas2:8 - Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Frage: Wo sind die Hirten heute?

  4. Nachdenklich

    Ich finde es immer wieder traurig, wie sich die Menschheit hier selbst verdummt. Wenn ich so etwas lese: "schien der Schutz doch ausreichend", "Wölfe trauen sich dort eigentlich nicht heran", "Experten stehen vor einem Rätsel", "Eigentlich...unauffällig", "Fachleute gehen davon aus..." Ich stells mir richtig bildlich vor wie die Experten und Fachleute bezahlt von Steuergeldern nen Ausflug zur Heide machen, sich kinnreibend im Halbkreis aufstellen und sich alle fragen "huch, wie konnte so etwas denn passieren"....irgendwie erinnert mich das an die derzeitig Politik an sich. Erst Sprüche machen und dann erschrocken tun. Ein Wolf hat in der Zivilisation nix verloren!

  5. PS

    "Die Wölfe kamen wahrscheinlich über einen eingedrückten Zaun ins Gehege." - Da bleibt leider völlig unklar, wer den Zaun eingedrückt hat oder haben könnte, ob von innen oder außen. Das wäre aber wesentlich für den ganzen Artikel.

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