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Montag, 12.02.2018

Die Flöten für den Westen, die Kröten für den Osten

Die Verbindung zwischen Drebach und Neuendettelsau war schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs eng. Das durfte nur keiner wissen. Teil 2 der Video-Dokumentation „Die kleine Deutsche Einheit“:

Von Tobias Wolf, Christian Bachmann, Fabian Schröder

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„Das war so wahrscheinlich, wie dass es im August schneit.“ Der Drebacher Posaunenchor und Kantor Günter Schürer (ganz links) stehen 1990 vor der Kirche in Neuendettelsau.
„Das war so wahrscheinlich, wie dass es im August schneit.“ Der Drebacher Posaunenchor und Kantor Günter Schürer (ganz links) stehen 1990 vor der Kirche in Neuendettelsau.

© Repro: SZ

Ein Luftballonflug über die innerdeutsche Grenze stiftet 1964 eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen in Ost und West. Es sind die Brieffreundinnen Brigitte Drechsler und Ruth Kupser, die sehr schnell persönlich zueinander finden. Eigentlich eine Geschichte wie viele andere. Nur, diese steht auch für das Zusammenrücken des erzgebirgischen Drebach in der DDR und des fränkischen Neuendettelsau in der Bundesrepublik – lange vor dem Mauerfall.

Nach und nach beziehen die jungen Frauen ihre Ehemänner Günter Drechsler und Rudolf Kupser, ihre Familien, Freunde und Bekannte ein und schaffen so neue Kontakte. Ihre Freundschaft selbst besteht seit über 53 Jahren. Bis heute erinnern sich alle Beteiligten an Episoden dieser noch immer bestehenden Ost-West-Verbindung.

Eine dieser Geschichten beginnt mit einem Kontakt zur Drebacher Kirchgemeinde: Bei einem der Besuche im Osten lernen die Kupsers den Kantor und Diakon Günter Schürer kennen, einen wortgewaltigen Mann, der als Christ in der DDR jedoch auch viel Fingerspitzengefühl braucht. Wie das gemeint ist und wie sich trotz so mancher Schwierigkeiten beide Seiten kennenlernen und ihre Regionen vernetzen konnten, zeigt Teil 2 der SZ-Video-Dokumentation unter dem Titel „Die kleine Deutsche Einheit“.


Die kleine Deutsche Einheit: Episode 2

Teil 2 der Video-Dokumentation „Die kleine Deutsche Einheit“.


Etwa 1985 beginnt eine geheime Kooperation zwischen der Familie aus dem Westen und dem Kantor. Dabei geht es nicht um Annehmlichkeiten oder in der DDR begehrte Westwaren.

In diesem Fall funktioniert der Export erst einmal umgekehrt und entwickelt sich zu einem regen Austausch. Denn Familie Kupser und viele ihrer Freunde spielen gern Flöte. „Ich hatte einen Draht zu einem Flötenbauer im Vogtland“, erzählt Kantor Schürer. „Solche Flöten hätte es hier in keinem Laden gegeben.“ Zwischen 100 und 150 DDR-Mark kosteten die Instrumente in der DDR.

Kantor Günter Schürer damals und heute.

Die Freunde im Westen feilschen nicht, wie so mancher gewiefte Geschäftsmann, der D-Mark gegen Ostwährung gern auch mal im Verhältnis 1:10 oder 1:20 tauscht. Kupsers bezahlen zum Kurs 1:1. „Es sollte allen Seiten geholfen sein“, sagt Rudolf Kupser. Die Flöten bezahlt zunächst die Kirchgemeinde Drebach. Im Westen eröffnet Kupser ein geheimes Bankkonto für die Gemeinde und zahlt alle Erlöse darauf ein.

Der Mann im Osten braucht dagegen immer mal wieder Unterstützung, Noten für seinen Chor oder stapelweise Kopien für das Gemeindeorchester. Aber in der DDR sind Kopierer, wie es sie im Westen gibt, vollkommen unbekannt. Deshalb kommen die nun aus dem Westen. „Das kann man sich heute nicht mehr so richtig vorstellen, aber das hat uns damals unwahrscheinlich geholfen“, sagt Günter Schürer.

Ähnlich ist das damals bei der in Neuendettelsau immer beliebter werdenden erzgebirgischen Holzkunst. Schwibbögen, Pyramiden, Räuchermänner und Nussknacker: In DDR-Läden gibt es so gut wie nichts. Also kauft Familie Kupser den Handwerkern in der Umgebung von Drebach ihre Kunstwerke gegen D-Mark ab und versorgt damit ihre Freunde daheim. Im Gegenzug kommen dafür neben dem Geld auch hochwertige Sägeblätter aus dem Westen in die DDR – mit heutigen Maßstäben gemessen alles keine großen Sachen, aber damals eine echte Hilfe.

Erzgebirgische Holzkunst war im Westen sehr begehrt. Im Gegenzug für Figuren gab es Westgeld und hochwertige Sägeblätter.

Die Familie aus dem Westen hätte gern mehr in den Westen gebracht. Vor allem die einzigartige Kultur des Erzgebirges hat es ihnen angetan, so etwa die Drebacher Kurrende, der Kinderchor der Kirchgemeinde. Kupsers sind von der Qualität der Aufführungen begeistert. „Wenn wir diese Kurrende doch einmal zu uns holen könnten“, erzählt Kupser heute, was er damals zu Kantor Schürer sagte. Der inzwischen pensionierte Kirchenmusiker kann sich an dieses Gespräch noch genau erinnern. „Doch das war damals so wahrscheinlich, wie dass es im August schneit“, scherzt er beim Gedanken an die damaligen Ausreisemodalitiäten.

Und dann ist auf einmal alles anders in Ost und West. Die Mauer fällt im November 1989 und sofort setzt ein noch intensiverer Austausch ein. Nun endlich mit wechselseitigen Besuchen zwischen den befreundeten Familien Kupser und Drechsler und den beiden Orten. Der Drebacher Kantor Günter Schürer, der selbst keine Familie im Westen hat, besucht Anfang Dezember 1989 Ruth und Rudolf Kupser in Neuendettelsau. „Sie standen auf einmal vor der Tür und wir haben erstmal fünf Minuten miteinander geheult“, erinnert sich Rudolf Kupser. Ins Gästebuch schreibt der Kantor damals: „Wir sind überwältigt von der lieben Aufnahme.“

Zum ersten Mal in den Westen: Der Drebacher Posaunenchor reist 1990 mit Trabis und Wartburgs nach Neuendettelsau.

Ein paar Wochen später ist Schürer wieder da, diesmal mit den Jugendlichen der Drebacher Kirchgemeinde, die in Neuendettelsau Silvester feiern. Rudolf Kupser war dort für ein Freizeitenheim der Diakonie verantwortlich. Das Haus kostenlos zu nutzen war nicht ohne weiteres möglich, dafür hätte er auf die Schnelle einige Hürden nehmen müssen. Doch es gab eine Lösung: Die Besucher sollten für die Übernachtungen mit Verpflegung 30 D-Mark bezahlen. Der Gedanke dahinter: „Sie sollten das Gefühl haben, keine Schulden zu haben.“ Was auch problemlos möglich war, weil Bayern damals zusätzlich 40 D-Mark Begrüßungsgeld an DDR-Bürger auszahlte. Was die jungen Christen aus dem Osten nicht wussten: Kupser hatte Geld in seiner Gemeinde gesammelt und übergab jedem der Jugendlichen 70 D-Mark.

Volker Weber, heute Professor an der Berufsakademie Sachsen, erinnert sich gern an diesen Moment. Schon die Fahrt dahin und der Grenzübertritt seien etwas besonderes gewesen, sagt der heute 45-Jährige. „Wir haben dort ein Freizeitbad besucht, dass wir so gar nicht kannten.“ Mit einer großen Beckenlandschaft und Rutschen. Auch an das Treffen mit Einwohnern und Gemeindevertretern erinnert er sich gern. „Wir waren aber sehr vorsichtig, das war ja alles neu für uns.“

Volker Weber fuhr zu Silvester 1989 zum ersten Mal mit der Jungen Gemeinde nach Neuendettelsau.

Für Volker Weber sei die Wende zur rechten Zeit gekommen, sagt er. „Da war viel Euphorie, uns hat sich ja nicht nur das Land aufgetan, sondern die ganze Welt stand uns auf einmal offen.“ Seine Familie pflegt bis heute Beziehungen nach Neuendettelsau, er selbst studierte in den 1990er Jahren im fränkischen Bayreuth.

Im Mai 1990, noch vor der Währungsunion, kommen die nächsten in den Westen. Der Neuendettelsauer Posaunenchor hat die Drebacher Musiker zu seinem 125. Jubiläum eingeladen. Ein neues musikalisches Kapitel beginnt zwischen den beiden Orten. Chöre reisen hin und her. Die Verbindungen werden immer enger – rings um die Familien Kupser und Drechsler.

Auch die Kinderkurrende kann endlich nach Neuendettelsau kommen. Der Auftritt rührt eine ältere Fränkin so sehr, dass sie beschließt, ein geerbtes Haus zu verkaufen und das Geld nach Drebach zu spenden. Mit den 150.000 D-Mark richtet die Drebacher Kirchgemeinde einen Fonds ein, aus dem fortan zinsgünstige Kleinkredite, Hilfen und Zuschüsse für die Menschen in Drebach finanziert werden können, nicht nur für die Mitglieder der Kirchgemeinde. Den Fonds gibt es bis heute.

Besuch hin, Besuch her: Hier ist der Drebacher Kirchenchor in Neuendettelsau.

Zum 20. Jahrestag der Mauerfalls im Jahr 2009 lädt Kantor Schürer Ruth Kupser nach Drebach ein. Er will sein Abschiedskonzert geben, die alte Freundin aus dem Westen soll im Chor bei einer Messias-Aufführung mitsingen. Sie und ihr Mann erzählen Freunden und Bekannten davon. Alle wollen mitfahren, für manche ist dies der erste Besuch im Osten.

Schließlich kommen 55 Neuendettelsauer zusammen, die endlich mehr wissen wollen über die Lebensumstände in Sachsen und den anderen „neuen Bundesländern“. Kupser sieht sich plötzlich mit den Aufgaben eines Reisebüros konfrontiert, organisiert einen Reisebus und Hotels. Auf dem Programm stehen Drebach, Annaberg-Buchholz und Seiffen mit seinem Spielzeugmuseum. Die Besucher erleben eine Gastfreundschaft, an die sie sich heute noch gern erinnern.

Aus einer Reise werden sieben – immer zu Orten, an denen sie mithilfe von Zeitzeugen der DDR-Geschichte nachspüren können. Dresden, Bautzen, Erfurt und Berlin. Nun soll es wieder eine Reise in den Osten geben, nach Görlitz. Die „kleine Deutsche Einheit“ zwischen Franken und Sachsen – sie geht weiter.

Fotos, Videos und Repro: Tobias Wolf, Christian Bachmann

Die ganze Geschichte der „kleinen Deutschen Einheit“ von Neuendettelsau, Drebach und Dresden sehen und lesen Sie in einer vierteiligen Multimedia-Serie.

Teil 1: Der Luftballon (5.2.2018)
Teil 2: Das Zusammenwachsen (12.2.2018)
Teil 3: Die Spuren (16.2.2018)
Teil 4: Die Zukunft (26.2.2018)

>> Alle Teile der Serie lesen Sie im Dossier „Die kleine Deutsche Einheit“

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Roba

    Das waren noch Zeiten, als die Neudettelsauer die politische Entwicklung in Drebach bzw. im Erzgebirgskreis nicht vorhersehen konnten.

  2. Alexa

    @Roba,welch sinnfreier Spruch..Du konntest es Vorhersehen?

  3. Pugi

    @Alexa bitte richtig lesen, damals konnte man es nicht vorhersehen, heute schon^^

  4. Anton

    @Pugi,dann sage mal wie es in Deutschland in 10 Jahren aussieht?:

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