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Donnerstag, 25.02.2016

Dicke Brummer schießen heiße Kugeln

Ein Hubschraubergeschwader der Luftwaffe übt in der Oberlausitz für den Ernstfall – zum Beispiel in Afghanistan. Dabei geht es heiß her.

Von Frank Seibel

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Heiße Kugeln gegen gefährliche Angriffe: Zum Übungsprogramm des Hubschraubergeschwaders 64 aus Baden-Württemberg zählt auch die Abwehr von infrarotgesteuerten Raketen. Am Freitag geht eine zweiwöchige Übungsphase des Geschwaders in der Oberlausitz zu Ende.
Heiße Kugeln gegen gefährliche Angriffe: Zum Übungsprogramm des Hubschraubergeschwaders 64 aus Baden-Württemberg zählt auch die Abwehr von infrarotgesteuerten Raketen. Am Freitag geht eine zweiwöchige Übungsphase des Geschwaders in der Oberlausitz zu Ende.

© Jens Trenkler

Laupheim. Den besten Treffer landet der Spieß. Um 12.50 Uhr geht die Tür zum Zimmer auf, das man sich vorstellen darf wie die Kabine eines Bademeisters: Tisch, Stuhl, Telefon und vor allem ein großes Fenster mit Blick aufs Wesentliche. Hier ist das Wesentliche eine große, weite Fläche aus Sand und Gestrüpp, und am Horizont steigen weiße Wolken vom Kraftwerk Boxberg zum blauen Himmel auf. Und durch das Fenster schaut hier kein Bademeister, sondern zwei Männer in gefleckter Uniform. Der eine hat zwei rote Armbinden und ist für die Sicherheit zwischen dem Fenster des Kontrollturmes und dem Kraftwerk am Horizont verantwortlich. Der andere trägt zwei weiße Armbinden mit jeweils einem „L“ darauf und ist verantwortlich fürs Ganze, was an diesem Tag auf den Schießbahnen zwei und drei des Truppenübungsplatzes Oberlausitz passiert.

Seit 12.08 Uhr wird hier aus großen, schweren Hubschraubern heraus geschossen, meist auf grüne, rote und gelbe Tafeln, die plötzlich aus dem Boden hochklappen und nach Freund, Feind oder Zivilist unterschieden werden müssen. Es gibt schon die ersten Treffer, als die beiden Soldaten des Hubschraubergeschwaders 64 aus dem schwäbischen Laupheim auf die Uhr schauen. „Bald gibt‘s Mittag“, sagt der Fähnrich mit den zwei roten Armbinden. „Hoffentlich was Gutes.“ Tags zuvor war‘s gut. Linsensuppe, gekocht vom eigens mitgebrachten Kompaniekoch, im Militärjargon Spieß genannt. „Wenn die Bundeswehr etwas kann, dann Eintöpfe“, sagt der blonde junge Mann. Aber auch heute ist es okay: Je ein weißes Plastikschälchen mit Tortellini und Tomatensoße. Gutes Essen ist wichtig, sagt der Oberleutnant mit den zwei „L“. „Für die Moral der Truppe.“ Immerhin verbringen die 200 Soldaten der Luftwaffe zwei Wochen am Stück auf dem Manöverplatz, der so weitläufig ist wie keiner sonst in Deutschland, und der so wüstenähnlich ist, wie man es sich nur wünschen kann, wenn man sich auf Einsätze in Afghanistan vorbereitet. Und das tun diese Männer (und einige Frauen).

Manche starten schon in zwei Wochen ins Krisengebiet. Deshalb haben die meisten Uniformierten hier für die Presse keine Namen. Nur Presseoffizier Ralf Hochrein nennt seinen und erzählt, dass manche Menschen auf die seltsamsten Gedanken kommen: „Wenn die einen Namen lesen und wissen, wo die Soldaten stationiert sind, kann es sein, dass mal jemand zu Hause anruft, während der Mann im Kriseneinsatz ist: ’Ihrem Mann ist etwas passiert ...’“ Ja, wirklich nicht vorstellbar, was in manchen Köpfen so vorgeht, sagt Hochrein, der Oberstabsfeldwebel. Weil die Luftwaffe 60-jähriges Bestehen feiert, hat er Journalisten eingeladen, die Übungen mit den schweren Transporthubschrauern des Typs CH-53 zu begleiten. Die Übung an sich ist reine Routine. Zweimal im Jahr ist das Geschwader aus Laupheim in der Oberlausitz zu Gast. Hier lernen die Piloten, Techniker, Bordschützen und spezielle Bodenkräfte ihr Handwerk. „Der Drill macht’s“, sagt Ralf Hochrein, „auch wenn das unangenehm militärisch klingt“. Der Drill, das ist jene Routine, die einen in die Lage versetzt, ohne zu überlegen schnell und richtig zu handeln, wenn es darauf ankommt. Und dass es darauf ankommt, haben etliche Mitglieder des Geschwaders schon in Afghanistan erfahren. „Es kamen auch schon Hubschrauber mit Einschusslöchern zurück“, sagt Hochrein.

Daher ist die zweiwöchige Übung hier mehr als eine Klassenfahrt. Neun bis zehn Stunden am Tag konzentrierte Arbeit für alle. Erst die Vorbereitung der Maschinen auf dem kleinen Luftwaffen-Flugplatz in Heide am westlichen Rand des Truppenübungsplatzes. Dann Lagebesprechung, Zusammenstellung der Teams. Dann die eigentlichen Probeflüge, hoch und tief übers Gelände, und alle müssen spontan auf simulierte Gefahren reagieren: Schüsse vom Boden oder infrarotgesteuerte Raketen, die auf die Maschine zusteuern. Gegen die helfen „Flares“, das sind glühend heiße Magnesiumkugeln, die die Besatzung abschießt, um die Raketen, die immer der Hitze folgen, vom Triebwerk wegzulenken. Schönes Bild für die Fotografen und Kameraleute auf dem Dach des Kontrollturms. Und hinterher brennt tatsächlich die Heide. Nicht die ganze natürlich, aber immerhin der eine oder andere Busch. Auch das ein Zeichen dafür, dass das hier mehr ist als ein Spiel. Und deswegen darf das Geschwader auch nicht im Sommer hier üben. Die Waldbrandgefahr ist zu groß.

Die zwei Wochen in der Oberlausitz waren für die Hubschraubersoldaten gut und intensiv. An ihrem freien Tag haben manche sogar etwas von der Region gesehen: Cottbus, Weißwasser, Krauschwitz, Kino und Erlebnisbad. Aber nun sind sie froh, am Freitag wieder in Laupheim zu landen. Knapp 700 Kilometer, etwa drei Stunden Flug mit dem CH-53.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 20 Kommentare

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  1. Spassbremse

    Seit wann wird der Kompaniekoch Spieß genannt?

  2. C.G.

    Wenn ich mich richtig erinnere, war der Kompaniekoch der Furier. Der Spieß war quasi die Mutter und der Hausmeister der Kompanie.

  3. Bernd

    @1) Vielleicht kommt's von der Nr. 16 auf der Speisekarte: "Fleischspieß für zwei Personen" oder der gute Herr Seibel hat einfach nicht gedient?

  4. Fragender

    Sehr schön die sympathische Schilderung unserer Jungens (auch Mädels sind wohl dabei), die dann als amerikanische Hilfstruppen deren Interessen dort vor Ort umsetzen und den Mudschaheddin Demokratie und Kultur beibringen, ob die das wirklich wollen oder nicht. Die Truppenstärke des Präsidenten Karsei (eigentlich nur so etwas wie ein Stadtteilbürgermeister in Kabul - vermutlich ca. 100 Meter um die US-Botschaft herum), sinkt aber täglich, da seine Soldaten in Europa (insbesondere Deutschland) um Asyl nachsuchen. Aber kein Problem, unsere Jungens und Mädels schicken wir eben dahin, die packen das dort für diese stellvertretend vor Ort, oder? Übrigens in der Printausgabe der SZ (S.2) stand noch, dass der Afghanistaneinsatz kurz bevor steht. PS: Wusste auch nicht, dass der Koch neuerdings als Spieß bezeichnet wird. Vielleicht kommt dies von Fleischspieß, dann wäre dies zu verstehen.

  5. Mal ne Anmerkung

    @ 1 Spassbremse -Das ist seitdem "Kanonenuschi" die Führung des Militärs in Deutschland übernommen hat.Das nennt man "Täuschung des Feindes"!Nehme mal an ,das dann der Waffenwart als "Koch" durchgeht!

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