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Samstag, 27.02.2016

„Der Wolf tötet auf Vorrat“

Ein Wolfsrudel hat in der Königsbrücker Heide 64 Schafe gerissen. Warum die Aufregung, fragt eine Forstexpertin.

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Ein verheerender Anblick bot sich Mitarbeitern der Naturschutzgebietsverwaltung Königsbrücker Heide Anfang der Woche auf ihrer Koppel. Unzählige tote Schafe lagen teilweise nur Meter voneinander entfernt.
Ein verheerender Anblick bot sich Mitarbeitern der Naturschutzgebietsverwaltung Königsbrücker Heide Anfang der Woche auf ihrer Koppel. Unzählige tote Schafe lagen teilweise nur Meter voneinander entfernt.

© Dirk Synatzschke

  • Ein verheerender Anblick bot sich Mitarbeitern der Naturschutzgebietsverwaltung Königsbrücker Heide Anfang der Woche auf ihrer Koppel. Unzählige tote Schafe lagen teilweise nur Meter voneinander entfernt.
    Ein verheerender Anblick bot sich Mitarbeitern der Naturschutzgebietsverwaltung Königsbrücker Heide Anfang der Woche auf ihrer Koppel. Unzählige tote Schafe lagen teilweise nur Meter voneinander entfernt.
  • Forstwirtin Jana Endel arbeitet beim Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz.
    Forstwirtin Jana Endel arbeitet beim Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz.

Der Schäfer hat eigentlich alles richtig gemacht. Er hat einen Elektrozaun um seine Herde gezogen, er sah regelmäßig nach seinen Tieren. Und trotzdem ist es passiert. In der Nacht zum Montag hat ein Wolfsrudel die Hälfte seiner Herde vernichtet. 64 Heidschnucken und Ziegen wurden getötet. Und nur einen Bruchteil, nämlich zehn Tiere, haben die Wölfe wirklich gefressen. Wie konnte es dazu kommen? Die SZ sprach mit Jana Endel vom Kontaktbüro Wolfsregion in Rietschen. Die Forstwirtin hat sich auf das Wildtier Wolf spezialisiert.

Frau Endel, der Überfall des Wolfes auf die Schafsherde an der Königsbrücker Heide war der größte seit der Wiederansiedlung des Tiers. Hat der Mensch den Wolf noch unter Kontrolle?

Wildtiere können nur bedingt unter Kontrolle stehen. Dass ein Wolf in einer so großen Herde von 130 Schafen einen großen Schaden anrichten kann, ist nichts Unnatürliches oder Verhaltensauffälliges. Wir kennen noch nicht die Umstände, wie es passieren konnte, dass der Wolf an die Schafe herangekommen ist.

Der Schäfer hatte sich einen Elektrozaun angeschafft, wie er empfohlen wird. Der Zaun war sogar noch etwas höher. Müssen jetzt Normen für Schutzzäune neu überdacht werden?

Nein. Auf keinen Fall. Denn Schutzzäune funktionieren normalerweise gut. Wenn das nicht so wäre, wäre der Wolf schon längst in der Herde gewesen. Wolf und Schaf leben in der Königsbrücker Heide ja schon seit 2011 nebeneinander her. Elektrozäune sind sogar besonders wirksam. Denn Wölfe wollen sich meist einen Durchschlupf graben, um in eine Schafskoppel einzudringen. Wenn sie dann einen Schlag bekommen, merken sie sich diesen unangenehmen Reiz und meiden den Zaun künftig. Diese Abschreckung ist wirksam. Wir müssen nun schauen, warum dieser Schutz in dem Fall nicht funktioniert hat.

Der Wolf ist schon früher um die Schafe geschlichen, wie Spuren zum Beispiel im Winter bewiesen haben. Warum hat er sich den Schmerz nicht gemerkt?

Wir kennen die Umstände nicht. Die Koppel wurde erst vor wenigen Tagen dort aufgebaut. Manchmal ist es auch so, dass solche Zäune unabsichtlich in den Wildwechsel gestellt werden und andere Wildtiere den Schutzzaun einreißen. Wenn der Wolf im Schutzzaun irgendwo eine Schwachstelle erkennt, wird er die Gelegenheit nutzen. Schafe sind eine sehr leichte Beute. Diese Chance lässt er nicht entgehen.

Abgesehen vom Wildwechsel. Wie könnte der Wolf den Zaun denn noch überwunden haben?

Zwei Zaunfelder waren offensichtlich nach außen gedrückt und zwei kleinere Zaunfelder nach innen gedellt. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie der Zugang nach innen entstanden sein könnte. Es könnte Wild dagegengelaufen sein, die Herde könnte von innen ausgebrochen sein, die Wölfe könnten aber auch über den Zaun gesprungen sein. Im Rosenthaler Wolfsterritorium gab es im vergangenen Jahr einige Schafsrisse durch einzelne Wölfe, die das gelernt haben. In diesem Fall hat die Anbringung von Flatterband an den Zäunen geholfen.

Warum haben die Wölfe denn gleich so viele Schafe getötet? Sie haben doch nur wenige davon wirklich gefressen.

Das ist ein ganz normales Wildverhalten, das man auch beim Fuchs oder Marder im Hühnerstall beobachten kann. Der Wolf tötet auf Vorrat. In der Natur kommt er normalerweise nicht dazu, weil er zum Beispiel bei einer Gruppe Rothirsche nur einen erwischt, während die anderen sofort fliehen. Doch die Fluchtfähigkeit bei Schafen ist nicht so ausgeprägt. Schafherden drehen sich oft im Kreis, wenn sie in Panik geraten. Dadurch sind sie für den Wolf die ganze Zeit präsent und das löst wiederholt das Jagdverhalten des Raubtiers aus. Wenn ein Fuchs in den Hühnerstall eindringt, beißt er auch alles tot. Er weiß ja nicht, wann er wieder etwas erbeuten kann.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Rudel der Königsbrücker Heide die Schafe getötet hat?

Es liegt nahe, dass es das Königsbrücker- Heide-Rudel war. Man kann das jetzt natürlich noch genetisch untersuchen lassen, falls Proben genommen wurden. Im Osten der Königsbrücker Heide grenzt das Revier des Rosenthaler Rudels an, also könnten es theoretisch auch Wölfe aus diesem Rudel gewesen sein. Aber es spricht vieles dafür, dass es das Königsbrücker-Heide-Rudel war.

Wie das Wolfsrudel den Schutzzaun überwunden hat, kann man im Nachhinein wahrscheinlich nur noch schwer klären. Schließlich ist der Zaun schon zum großen Teil abgebaut. Wie können Tierhalter ihre Schafe in Zukunft noch mehr schützen?

Der Schäfer in der Königsbrücker Heide hatte auf alle Fälle den Mindestschutz für seine Herde gewährleistet. Das bedeutet, dass er mit Sicherheit eine Entschädigung für den Verlust bekommt. Ein richtig aufgebauter, gut gewarteter Elektrozaun ist grundsätzlich ein guter Schutz, wenn auch nicht ein hundertprozentiger. Der Einsatz von Herdenschutzhunden wäre in einem so unübersichtlichen Gelände sinnvoll.

Das Interview führte Nicole Preuß.