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Donnerstag, 31.12.2015

Das Wetter schwenkt in den Extremzustand

Ein Monstersturm bläst tropische Luft an den Nordpol. Die Folgen reichen nach England, Osteuropa – und Sachsen.

Von Stephan Schön

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Die Sonne scheint über den bis zu 1.000 Meter hohen Bergen bei Ny-Ålesund auf Spitzbergen (Norwegen). Hier wurden am 30.12.2015 plus vier Grad Celsius gemessen, das waren 30 Grad über dem üblichen Niveau.
Die Sonne scheint über den bis zu 1.000 Meter hohen Bergen bei Ny-Ålesund auf Spitzbergen (Norwegen). Hier wurden am 30.12.2015 plus vier Grad Celsius gemessen, das waren 30 Grad über dem üblichen Niveau.

© dpa

Sachsen sitzt mittendrin. Genau hier treffen in den kommenden Tagen zwei ganz gegensätzliche Wettergebilde aufeinander. Im Westen ein extremes Tiefdruckgebiet, im Osten ein extremes Hochdruckgebiet. Jedes für sich ist beachtlich, beides zusammen aber ein Rekord.

Das Extremtief über dem Nordatlantik bläst derzeit wie ein Föhn heiße Äquatorluft in die Arktis. Dort klettern nun im tiefsten Winter die Temperaturen auf bis zu 50 Grad über normal. Statt 40 Grad minus sind dort bereits zwei bis vier Grad plus. Und der Super-Orkan über dem Nordatlantik verstärkt sich weiter. Sowohl das europäische wie auch das amerikanische Wettermodell prognostizieren dies.

Mit diesem Tief Eckard steht Island nun einer der heftigsten Stürme bevor, die hier je beobachtet wurden. Solche Windgeschwindigkeiten von über 150 Stundenkilometern kommen sonst nur in tropischen Wirbelstürmen vor. Und selbst Hurrikans haben im Kern selten einen so tiefen Luftdruck wie Eckard. Die Folgen davon reichen bis nach Mitteleuropa. Vor allem Nordengland traf bisher der Starkregen. Und es wird Großbritannien auch weiterhin treffen, berichtet der Leipziger DWD-Meteorologe Thomas Hain.

Tief Eckard kommt mit Hoch Christine daher. Die sitzt derzeit über dem Baltikum mit trockener, eisiger Luft im Gepäck – „ebenfalls extrem“, wie Thomas Hain hinzufügt. Christine und Eckard bewegen sich kaum vom Fleck. Doch wo die Randgebiete dieser beiden Systeme aufeinandertreffen, dort befindet sich Sachsen. Die schlechte Nachricht: Wir bekommen von beiden etwas ab. Die gute Nachricht: Alles kommt nur sehr abgeschwächt hier an.

Die frostige Christine, die sich bis zum Silvestermorgen noch hier aufhält, wird dann am Abend verdrängt. Schon am Freitag wird es wieder warm, um sich ab Sonnabend erneut abzukühlen. Die Wetterschaukel ist an: kalt, warm, kalt, warm, kalt … „Das bleibt voraussichtlich bis Mitte Januar so“, sagt Hain. Immer ein bis zwei Tage kurz Frost, dann wieder fünf bis zehn Grad. Auch nur für kurze Zeit.

Veränderungen in den Jetstreams, in den gigantischen Höhenströmungen um den Pol, gelten als eine Ursache für die gehäuften Wetterextreme. Sie bestimmen auch unser Wettergeschehen. Neuerdings bilden sich öfter stabile Trogwetterlagen, bei denen sich diese Höhenströmungen nach Süden hin ausbeulen. Dies führt dann zu Dauerfrost, langen Hitzewellen oder zu solchen Sturmattacken wie jetzt.

Inwieweit die rasanten Veränderungen im Nordpolarmeer, am Polareis und in den Wolken dort die Ursache für all das sind, wollen Wissenschaftler der Universität Leipzig und des Tropos-Instituts herausfinden. Am 1. Januar beginnt für sie das Großprojekt „Arktische Klimaveränderungen“, zu dem auch Expeditionen ins Polargebiet gehören. Die Sächsische Zeitung wird über deren Vorbereitung berichten und die Forscher 2017 auf ihrer Fahrt mit der Polarstern in die Arktis begleiten.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Carl

    Vielleicht sollte der Redakteur dieses Artikels mal selbst auf die Wetterkarten schauen, um zu erkennen, dass das ganze Getöse um den "der Super-Orkan über dem Nordatlantik, der sich weiter verstärkt", nur noch "heiße" Luft ist. Schon heute ist davon kaum noch etwas übrig. Bitte etwas genauer recherchieren und nicht auf die verbalen Übertreibungen der amerikanischen Meteorologen einlassen. Diese müsse dem Medienrummel dort entsprechend immer etwas übertreiben. Dass sich aber der DWD-Meteorologe Thomas Hain auch auf dieses Überbietungsspiel einlässt, verwundert schon sehr. Bisher hatte der DWD auf Seriosität Wert gelegt! Bei der Begründung der hohen Nordpoltemperaturen wäre zumindest das bis oberhalb von Sachalin und Spitzbergen derzeit eisfreie Nordpolarmeer als weitere Ursache zu erwähnen gewesen. Dieses trägt nach Hermann Flohn ebensoviel Energie pro qm in die dortige Atmosphäre, wie die Sonneneinstrahlung in der Sahara.

  2. Dr. Klee

    @1 Carl meint sicher Nowaja Semlja als Insel im Polarmeer, die derzeit völlig ungewöhnlich noch weitgehend im umgebenden Meer eisfrei ist. Ansonsten ist die kritische Sicht auf diesen Beitrag völlig berechtigt. Eventuell ist er auch nur 2 bis 3 Tage zu spät publiziert worden? Das ist nun allerdings eine Frage an die Chefredaktion, die die Aktualität der Beiträge im Blick haben sollte. Wo kann man sich denn für diese Polarexpeditionen (sihe Link) bewerben?

  3. Marko Augustyn

    Egal wie das Wetter spielt, die die auf Buchung (Pensioninhaber, Hotels.....) angewiesen sind, werden zunehmend leer ausgehen. Seit Jahren mache ich Winterurlaub in Lenggries (Oberbayern). Noch im letzten Jahr 90% um diese Zeit ausgebucht. Heute schaue ich dorthin auf die Webseite und was sehe ich dort? 90% Quartiere sind ..... frei. Ich staune. Nie so was gesehen. Wem verdankt die Trendwende die bayerische Touristik? Na wem? Dresden mit seinem 2-5% Rueckgang bei Buchungen kann sich Glueckspilz nennen. Gruesse aus Polen!

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