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Mittwoch, 23.03.2016

Das Leben schleicht dahin

Nach dreieinhalb Monaten ist in Großenhains größter Flüchtlingsunterkunft der Alltag eingekehrt. Mit seinen Tücken.

Von Catharina Karlshaus

Ein Bild von der ersten Jobbörse für Flüchtlinge im Rathaus Großenhain. Natürlich gibt es Studierte, aber die meisten waren vier bis sechs Jahre in der Schule und dürften damit nicht einmal eine Ausbildung anfangen. Dabei wollten sie schnell viel Geld verdienen, um die Familie zu Hause zu unterstützen. Da sind Probleme vorgezeichnet.
Ein Bild von der ersten Jobbörse für Flüchtlinge im Rathaus Großenhain. Natürlich gibt es Studierte, aber die meisten waren vier bis sechs Jahre in der Schule und dürften damit nicht einmal eine Ausbildung anfangen. Dabei wollten sie schnell viel Geld verdienen, um die Familie zu Hause zu unterstützen. Da sind Probleme vorgezeichnet.

© Anne Hübschmann

Großenhain. Über die Sache mit der Bratpfanne hat sie sich richtig geärgert. Daraus macht Doreen Pappritz keinen Hehl. Die Leiterin des Asylbewerberheimes am Remonteplatz bekommt Puls, wenn sie nur daran denkt. Nicht etwa, weil sich ihre Einrichtung plötzlich im Polizeibericht und damit den Schlagzeilen der Medien wiederfand. Erfreut sei sie darüber natürlich auch nicht gewesen. Aber so richtig auf die Palme gebracht habe die 49-Jährige die Dummheit der Leute, die dem Disput mit Häme begegnet sind. „Denn um was all jene nicht wissen können, sind die Bedingungen, die solch einen Disput hervorrufen können“, gibt Doreen Pappritz zu bedenken.

Die Auseinandersetzung zweier Heimbewohner Anfang März habe sich keineswegs an der mangelnden Anzahl von Kochutensilien entzündet. Wie die Polizei nämlich damals mitteilte, hätten die Männer gleichzeitig kochen wollen, beanspruchten die Bratpfanne jeder für sich und schon sei es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen. Die Erste, dieser Art im Übrigen, wie Doreen Pappritz betont. Dass sich die Geschichte wie Klamauk am Herd anhört, werde den tatsächlichen Umständen im Heim jedoch nicht gerecht.

Eines, in welchem seit November gut einhundert Menschen leben. Frauen, Männer, viele Kinder, einquartiert in Zimmer mit vier bis sechs Betten. Hier und in den Aufenthaltsräumen, der Küche, den Bädern und auf den langen Gängen des ehemaligen Verwaltungsgebäudes finde zumeist ihr Alltag statt. Einige von ihnen besuchten zwar mittlerweile Sprachkurse, jobbten ehrenamtlich im städtischen Bauhof oder bekämen hin und wieder Besuch von freiwilligen Helfern aus Vereinen und caritativen Organisationen. Die Sozialarbeiter der Diakonie Riesa-Großenhain kämen mehrmals in der Woche vorbei, die Vorschulkinder lernten mit einer pensionierten Lehrerin, die Größeren seien dagegen noch immer keiner Schule zugeordnet worden und hockten im Heim.

Nicht genügend beschäftigt

Wichtigstes Kommunikationsmittel für viele sei auch nach diesem Vierteljahr nicht etwa der syrische oder persische Nachbar. Im Gegenteil. Gesprochen werde viel und oft am Handy mit Familienangehörigen, die in der Heimat zurück geblieben sind und vielleicht sogar hofften, nachkommen zu können. „Ja und genau das ist alles. Das ist das Leben, das sich mittlerweile bei uns abspielt. Wenn Sie so wollen eines, das nicht gerade voller Leben ist“, so Doreen Pappritz nachdenklich.

Vielmehr schleiche es sich zuweilen dahin. Die Menschen seien nicht genügend beschäftigt, hätten freilich auch Schwierigkeiten, sich in hiesige Gegebenheiten einzufinden und müssten teilweise mit traumatischen Erlebnissen ihrer Flucht fertig werden. Nahezu allein, denn Therapeuten stehen dafür nicht zur Verfügung. Während der eine Probleme habe, den Beipackzettel von Medikamenten zu lesen, kämpfe der andere mit deutschen Sitten und Gebräuchen oder ganz praktisch den Verkehrsregeln, nach denen auf Großenhainer Straßen eben Fahrrad gefahren wird.

Die Träume von der eigenen Wohnung und einer Arbeitsstelle seien schnell zerplatzt. Und der bürokratische Weg, all das in Deutschland wirklich zu erreichen, für viele Flüchtlinge – eingedenk der oftmals geringen Schulbildung –gar nicht nachvollziehbar. „Meine Mitarbeiter und ich bemühen uns natürlich so gut es geht, an den Leuten dran zu bleiben. Wir sprechen sie immer wieder an und achten darauf, wenn sich einer verschließt oder offenkundig Probleme hat“, sagt Doreen Pappritz. Die sprichwörtliche Integration sei das aber noch lange nicht. Eher Erste Hilfe und Notversorgung mit den grundlegenden Dingen im Großenhainer Heim.

Die Meisten der syrischen Bewohner hätten mittlerweile einen Bescheid darüber, das sie nun drei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Der junge Mann, der an jenem betreffenden Dienstagabend Anfang März die Bratpfanne geschwungen habe, gehöre nicht dazu. Mit seinem kleinen Bruder, so Doreen Pappritz, sei er von den eigenen Eltern auf den Weg quer durch Europa geschickt worden. Gemeinsam sollten sie schließlich etwas aus ihrer Zukunft machen. Dass sich diese bis jetzt nur im Haus abspiele und ansonsten eher ungewiss sei, belaste. „Eine Entschuldigung für den Griff zur Bratpfanne soll das keineswegs sein. So etwas dulden wir hier nicht! Aber dass die Probleme viel tiefer liegen und unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren gezwungen sein wird, sich mit diesen zu beschäftigen, können Sie mir glauben.“