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Dienstag, 08.03.2016

Das Leben ist schön

Monika und Klaus Wilmes haben viel erlebt. Berlin, Provinz, Berlin – Görlitz. Auch mit über 70 geben sie dem Leben immer wieder einen neuen Dreh.

Von Frank Seibel

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Ein fast perfektes Bild. Monika und Klaus Wilmes haben es sich schön gemacht. Wieder einmal. Nur die fehlende Gardine deutet darauf hin, dass sie nicht schon jahrelang in ihrer Görlitzer Altstadtwohnung wohnen, sondern erst wenige Wochen.
Ein fast perfektes Bild. Monika und Klaus Wilmes haben es sich schön gemacht. Wieder einmal. Nur die fehlende Gardine deutet darauf hin, dass sie nicht schon jahrelang in ihrer Görlitzer Altstadtwohnung wohnen, sondern erst wenige Wochen.

© kairospress

Das Bild muss stimmen. Und es muss schön sein. Der Orientteppich auf den Jahrhunderte alten Holzdielen, Tisch und Komode aus der Biedermeierzeit, schlanke Kerzenleuchter und ein Sofa mit weißen Hussen. Monika Wilmes hat ein Talent, alles schön zu machen. Nur die Gardinen hängen noch nicht. „Die mache ich heute fertig“, sagt sie. Und ihr Gatte Klaus schiebt mit feiner Ironie hinterher: „Immerhin wohnen wir jetzt schon fast fünf Wochen hier!“ Fünf Wochen? Die Wohnung im wunderbaren Renaissancehaus in der Görlitzer Altstadt sieht aus, als würden die beiden schon seit Jahren hier wohnen. Wochenlang aus Kisten leben? „Nee, das gibt’s bei uns nicht“, sagt Monika Wilmes bestimmt – und mit schalkhaftem Zwinkern im Blick.

Ordnung ist hier kein Selbstzweck. Freude soll es machen, jeder Blick an jeder Stelle. Und wenn sie jedes Mal wochenlang aus Kartons gelebt hätten, wenn sie ihrem Leben eine Wendung gegeben haben, dann hätten sie ziemlich viel Wohlfühlzeit verloren. Denn umgezogen sind sie einige Male. Berlin, Sauerland, Berlin, dann ein Dörfchen bei Potsdam, bis zur Pensionsgrenze. Dann hat Monika Wilmes eher beiläufig in den Fernseher geschaut und Görlitz entdeckt. Der Oberbürgermeister war zu sehen, und er schwärmte von seiner Stadt und dass es sich lohne, alle Zelte abzubrechen und hierher zu ziehen. Zumal, wenn man auf einen Arbeitsplatz nicht mehr angewiesen ist. „Du, Klaus, ich glaub‘, da müssen wir mal hin.“ Das war vor 13 Jahren. Klaus Wilmes war 64 Jahre alt, und seine Pensionierung als Lehrer war in Reichweite; ein erfülltes Berufsleben, nichts, was man endlich, endlich beenden wollte.

Zwanzig Jahre lang hatte Klaus Wilmes Geschichte am Gymnasium in Berlin-Steglitz unterrichtet. Dass unter seinen Schülern auch eine Tochter von Günter Jauch war, gehört zu den unzähligen Anekdoten, die das Ehepaar mit einer Mischung aus Belustigung und Stolz in seine Lebenserzählung einflicht. Klaus Wilmes fühlte sich schon immer politisch als eher links; so reagierte er besonders empfindlich auf ein paar allzu rechte Nachbarn. „Unser Vermieter war Nazi hoch drei“. So war er gar nicht so abgeneigt, als seine Frau noch einmal neugierig auf einen anderen Ort wurde.

Zu Pfingsten 2003 ein erster Besuch in Görlitz. Die Stadt erlebte nach Jahren des Trübsinns einen richtigen Frühling: Die Kulturhauptstadtbewerbung war voll im Gange, Hollywood rückte erstmals mit internationaler Besetzung an, Künstler zogen in die Stadt, ein Theaterregisseur mobilisierte Hunderte Menschen, als Laiendarsteller beim großen Historienspiel auf dem Untermarkt mitzumachen. Monika und Klaus Wilmes nahmen ihren damals zehnjährigen Enkel Jurek mit, einen von sieben, und der sagte: „Cool, hier könnt ihr hinziehen.“

In Görlitz war Tausendundeinmal mehr los als in ihrem Dorf bei Potsdam, hier waren Toscana-Flair und Berliner Charme miteinander vereint, hier gab es Häuser, die waren so alt, dass zur Zeit ihrer Erbauung Berlin noch gar nicht existierte. Monika und Klaus Wilmes wohnten mit ihrem Enkel in einer Pension hinter einem Torbogen aus der Renaissance-Zeit, und auf der anderen Seite des kleinen Flusses lag ein anderes Land. Aufregend war das. Und schön zugleich. Passend zu zwei Menschen, die sich im Westberlin der 1960er-Jahre in urigen, aber angesagten Klubs kennenlernten, die sich in die tiefste westdeutsche Provinz gewagt haben, die Heimat des Mannes, wo die Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen noch etwas Aufregendes war. Wenn Klaus und Monika Wilmes von ihrem Leben erzählen, ist das wie eine Reise. Spannend, vergnüglich – und ihr Berlin ist das Berlin, das man aus alten Filmen kennt, zum Beispiel aus Billy Wilders Komödie „Eins, zwei, drei“.

Der Krieg hatte sie geprägt. Er humpelte schon, als er zum Studium in die Metropole kam. Eine Kriegsbombe in Brilon, dem sauerländischen Dörfchen, in dem Klaus Wilmes aufgewachsen war. Heute macht das Knie immer noch Probleme, heute nimmt Klaus Wilmes manchmal einen Spazierstock aus Holz zu Hilfe, wenn er zur Schwimmhalle geht, um die Kinder vom SV Lok Görlitz zu trainieren. Klaus Wilmes ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. Immer noch. Als er jung war, schwamm er in Berlin Rekorde – trotz des kaputten Knies. Monika Wilmes wuchs ohne Vater auf. Der war „im Krieg geblieben“, wie man damals sagte.

Ihre Mutter war Anfang zwanzig, als der Krieg vorbei war. Eine Kriegerwitwe mit drei Kindern. Als Monika 15 Jahre alt war, hatte sie das Glück, von einer Kunstpädagogin entdeckt zu werden. So ging sie auf eine private Schule für freie und angewandte Kunst. Drei Jahre – dann konnte die Mutter den Beitrag nicht mehr zahlen. Monika Wilmes musste die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie kam in einer großen Schneiderei unter. Eine Fabrik, sagt ihr Mann, aber sie winkt ab: Das klingt so negativ. „Ich hatte immer Jobs, die nicht schlimm waren“, sagt Monika Wilmes.

Und dann? „Dann kam Herr Wilmes“, erzählt sie und grinst. Er grinst nicht. Sie begegneten sich im „Big Apple“ das war „die Tanzbar in Westberlin“, sagt er mit Nachdruck. Er Student, sie Näherin. Er sah sie – sie ignorierte ihn. Er wollte mit ihr tanzen – sie nicht.

Monate vergingen. Er studierte, sie nähte. Und beide gingen „ins alte Eden“, eine Tanzbar, die dem heute noch berühmten Playboy Rolf Eden gehörte. „Ich hatte ein großes Bier vor mir“, erinnert sich Monika Wilmes, „das habe ich mit einem Strohhalm getrunken.“ Sie sei ziemlich betrunken gewesen, sagt sie nach fünf Jahrzehnten entschuldigend, und sie weiß, was ihr Gatte dazu sagen wird: „Du warst nicht betrunken, du warst völlig nüchtern.“ So gibt es zwei Daten des Kennenlernens: „Ich habe dich im Juni kennengelernt und du mich im September.“ Nüchtern oder nicht – jedenfalls war Monika Wilmes bald darauf schwanger. Das klingt alles ziemlich verwegen und auf jeden Fall verruchter, als es die hübsche Umgebung in diesem wunderbaren alten Renaissancehaus in der Görlitzer Altstadt erahnen lässt.

Monika und Klaus Wilmes lachen oft. Kein lautes Lachen, eher ein verschmitztes: Das Leben ist schön; und manchmal wirklich vergnüglich. „Schatz, haben wir unsere Pillen genommen“, fragt sie ihn beim Fototermin. Er nickt. Sie sagt: „Sonst fallen wir hier noch um.“

Das Leben ist schön und bunt und spannend geworden, weil Monika und Klaus Wilmes ihm immer wieder eine neue Wendung gegeben haben. Als er mit dem Lehrerstudium fertig war, bekam er ein Angebot aus der alten Heimat. Sie: Sauerland? Er: Sauerland! Sie: Gut, warum nicht?

Es wurde ein altes Fachwerkhaus, sie haben es sich hergerichtet. Einfach so, nach ihrem Geschmack. „Dafür haben wir dann sogar einen Denkmalpreis bekommen“, sagt Klaus Wilmes, dessen grauer Schnurrbart die Mundwinkel nach unten zieht und immer wieder den Witz um die Mundwinkel verdeckt. Er fing als Lehrer an, sie als Hausfrau und Mutter mit eins, zwei, drei Kindern. Altmodisch, irgendwie, aber nicht schlimm. Jedenfalls nicht im Rückblick. Irgendwann stieß Monika Wilmes zu einem Malzirkel im Ort. Und sie erinnerte sich: „Das kannst du doch auch!“ Er: „Ich wusste damals gar nicht, dass du malen kannst.“ Konnte sie. Stillleben vor allem. Apfel, Quitte, Birne, Schale, tote Spinne. Sehr klassisch, aber selten ohne subtilen Witz. Monika Wilmes malte, und andere Leute kauften. Ein Bild brachte 9 000 D-Mark ein. Sie staunt bis heute.

Monika Wilmes war auf einmal nicht mehr Hausfrau und Mutter – sondern Künstlerin. Weit weg von der Metropole Berlin. Sie störte es weniger als ihn, in der Provinz zu sein. Aber Klaus Wilmes zog es wieder in die Großstadt. Ein Lehrer mit viel Enthusiasmus am Gymnasium in Steglitz. Die Familie mit drei Kindern in einer großen Wohnung im Herzen von Charlottenburg. „Du warst total beliebt“, schwärmt sie. Er freut sich: „Ich bekomme tatsächlich heute noch Post von einigen ehemaligen Schülern, die heute Professoren sind.“

Görlitz passte. Görlitz passt noch immer. Die Schönheit der unzerstörten Stadt. Die Geschichte: Als Berlin noch nicht existierte, war Görlitz eine der bedeutendsten Städte im Deutschen Reich, hier begann das Herz der Industrialisierung früher zu schlagen als im Westen, hier war eine stolze jüdische Gemeinde, hier waren die stolzesten Nazis und piefige Kleinbürger, hier ist das Erhabene und das Niederträchtige bisweilen ganz nah zusammengerückt - ein interessanter Ort für einen pensionierten Geschichtslehrer. Klaus Wilmes hat auch in Görlitz wieder seine Orte und Institutionen gefunden, in denen er sich einbringen kann. Wenn er zweimal pro Woche im Neißebad am Beckenrand steht und zehnjährige Mädchen und Jungen für den nächsten Wettkampf fit macht, wenn er sonntags Besuchern die ehemalige Synagoge mit der prächtigen Jugendstilkuppel zeigt, dann denkt niemand an sein Alter. Fast 77 – das glaubt man nicht.

Klaus Wilmes muss unter Menschen sein, in Gesellschaft. Deshalb ist er Lehrer geworden. Monika Wilmes braucht das nicht. „Mir genügt mein Atelier“, sagt sie. „Ich muss jeden Tag malen.“ Dazu ist sie seit dem Umzug in die Altstadtwohnung noch nicht gekommen. Das macht sie unruhig. Aber wenn die Gardinen hängen und das Bild der Wohnung abgerundet ist, dann geht’s los mit neuen Stillleben an der Staffelei. Ein Atelier, das selbst ein wunderschönes Bild abgibt; allein diese bemalte Holzdecke aus dem 16. Jahrhundert!

Görlitz ist die vermutlich letzte Heimat geworden für Monika und Klaus Wilmes. Aber Ausruhen und Wegdämmern ist auch hier nicht. Die Unruhe ist aber zum Teil nicht selbst gewählt. Eine schöne Altbauwohnung mit Blick über die Neiße hinweg in den polnischen Teil der Stadt, das war das erste Zuhause in der neuen Heimat. Doch die Wohnung schimmelte. Wieder ein Umzug. Nun Jugendstil – eine Wohnung genau mit Blick auf die Stadtbrücke. Von hier aus haben Monika und Klaus Wilmes Geschichte gesehen: die Grenzhäuschen, die ab 2004 zunehmend überflüssig und im Dezember 2007 ganz abtransportiert wurden. Das war alles nicht so aufregend und pathetisch wie der Mauerfall in Berlin im Herbst 1989. Aber der EU-Beitritt Polens und der Beitritt zum Schengen-Gebiet mit Aufgabe der Grenzkontrollen, das sind zwei Ereignisse für die Geschichtsbücher.

Als es im Jugendstilhaus hässlich wurde, weil ein Nachbar den Garten okkupierte und keinen Sinn für gute Umgangsformen zeigte, zogen Monika und Klaus Wilmes wieder die Konsequenz . Noch ein Umzug. Er mit 76, sie mit 72. Mit einem Typen in der Nachbarschaft, der alles zumüllt, hätte man auf Dauer keine Freude am Leben. Also noch einmal dieser Kraftakt. Alles einpacken, in eine neue Wohnung ziehen.

Über den Synagogen-Verein kennt Klaus Wilmes den neuen Vermieter. Alles fügt sich, wenn man in Bewegung bleibt. Aus den einstmals 200 Quadratmetern am Savignyplatz in Berlin sind nun 120 Quadratmeter im 500 Jahre alten Haus in Görlitz geworden. Die große Wohnung mitten in Charlottenburg war herrlich. Aber was will man damit, wenn die drei Kinder aus dem Haus sind? Monika und Klaus Wilmes haben im Leben viele Wandlungen und Brüche erlebt. Sentimental sind sie nicht geworden. Draußen wartet ein großer Balkon, umrankt von altem Wein. Unten ist eines der schönsten Cafés der Stadt. Die Synagoge wird restauriert und bald als Kulturzentrum eröffnet. Das Atelier wartet auf sie; der Schwimmverein baut auf ihn. Was geht, Alter? Ganz schön viel.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Kerstin Kagelmann

    Die Absicht ist löblich, jedoch zu offensichtlich. Wie zu DDR-Zeiten, wo Helden des sozialistischen Aufbaus dargestellt wurden, sind es jetzt Helden des marktwirtschaftlichen Alltags. Allerdings aus dem Westen. Denn welcher Ost-Rentner, welche Ost-Rentnerin leben auf 150 Qudratmetern und können von ihren reichhaltigen Erlebnissen aus den Metropolen dieser Welt berichten. Wie gesagt, die Botschaft hört man wohl. Senioren kommt nach Görlitz, ins "Pensionopolis". Doch dies kann leicht umschlagen, da nicht alle Einheimischen das Weltbild der "Migranten" jenseits der Elbe und aus dem Westteils von Berlin teilen und Leben.

  2. Nicht verwirrt

    Ach wie rührend, diese Geschichte von den Beiden! Der "normale Ost-Rentner kann über solche Berichte nur müde lächeln. Allein die im Beitrag genannten Wohnungsgrößen für 2 Personen könnte man schon "römisch dekadent" bezeichnen. Aber, leben und leben lassen. Und dazu gehören nun mal auch solche rührseligen Geschichten. @1 ist nichts hinzuzufügen!

  3. Martin H.

    Respekt vor der Lebensleistung des Ehepaares Wilmes. Schön für Görlitz, dass es solche lebenserfahrenen Einwohner zu seinen Bürgern zählen darf. Und selbst im fortgeschrittenen Alter engagieren sich noch beide. Das ist anders als bei vielen aus Ostelbien, die wie @ 1 nur rummaulen. Da wird jeder kritisch beäugt, der vielleicht ein bisschen mehr haben könnte als man selber. Neid ist nach christlicher Lehre eine Todsünde. Nur falls es nicht alle Abendlandverteidiger wissen sollten. Raten sie mal warum. Es vergiftet jedes Zusammenleben, wie man sieht. Liebes Ehepaar Wilmes, bewahren Sie sich Ihre offene und lebensbejahende Art, auch wenn es bei manchem Ost-Griesgram etwas schwer fällt.

  4. Gerd Lippert

    Pensionierte Beamte schauen nach günstigem Wohnraum und Lebensverhältnissen haben keine Berührungsängste mit den östlichen Nachbarn und bringen Geld in die Stadt. Das sie nicht wirklich mit sich und der Umwelt zufrieden sind sieht man ja am ständigen Wohnungswechsel. Dennoch ist es für Görlitz,neben der Chance im Osten mit das Einzige was Hoffnung macht.jeder dieser Pensionäre erhält hier Arbeitsplätze und bringt bei weitem mehr als geringqualifizierte zukünftige H4 Bezieher aus dem nahen Osten.Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt hat Görlitz eine Chance denn die Industrie wird mit dem Weggang von Bombardier endgültig zu Grabe getragen.Wie will man tausende unqualifizierte beschäftigen ,wenn das nicht erst mit 700 entlassenen Fachkräften gelingen soll.

  5. colate

    Eines gleich vorweg: Ich habe keinerlei Verständnis für den Artikel. Als Görlitzerin bin ich verwundert, dass die "SZ" gerade Zugezogenen so viel Platz für eine "Home-Story"bietet. Was haben diese Leute für die Stadt Görlitz getan, dass man sie mit einem Schmonzettenbericht adelt und hervorhebt? Vielleicht macht sich die "SZ" mal die Mühe und bietet den vielen unermüdlichen Ehrenamtlichen dieser Stadt, ohne die hier vieles schon längst den Bach herunter gegangen wäre, die Gelegenheit sich mit ihrer Arbeit in einem ausführlichen Artikel wiederzufinden.

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