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Dienstag, 29.12.2015

Das Lager am Rande vom Nirgendwo

Ein ehemaliges Warenlager dient seit vergangener Woche als Notunterkunft für Asylbewerber. Die Anwohner sind besorgt.

Von Kevin Schwarzbach und Christoph Scharf

Das ehemalige Warenlager des BTF-Elektrogroßhandels liegt am Rande des Gewerbegebietes in Zeithain. Gegenüber hat ein Autohaus seinen Sitz, nebenan ist eine Werkstatt für Gabelstapler, danach kommt viel Feld. Die 108 Asylbewerber sind durch das Gewerbegebiet räumlich von den Anwohnern der Gemeinde Zeithain getrennt.
Das ehemalige Warenlager des BTF-Elektrogroßhandels liegt am Rande des Gewerbegebietes in Zeithain. Gegenüber hat ein Autohaus seinen Sitz, nebenan ist eine Werkstatt für Gabelstapler, danach kommt viel Feld. Die 108 Asylbewerber sind durch das Gewerbegebiet räumlich von den Anwohnern der Gemeinde Zeithain getrennt.

© Sebastian Schultz

Zeithain. Bauzäune und grüne Planen schützen das Gelände rund um das ehemalige Warenlager des BTF-Elektrogroßhandels An der Borntelle in Zeithain vor neugierigen Blicken. Das Grundstück ist verhüllt. Ein paar Details sind trotzdem zu erhaschen: Vor dem Gebäude befinden sich fünf Dixi-Klos, dazu vier Sanitärcontainer. Am Eingang steht ein alter, gelber Wagen, wie er normalerweise von Schaustellern oder Bauarbeitern genutzt wird – nun dient er als Arbeitsort des Wachdienstes. Er ist 24 Stunden vor Ort und kontrolliert, wer das Gelände betritt und verlässt. Seit ein paar Tagen ist das ehemalige Warenlager eine Notunterkunft für Flüchtlinge. – Anwohner Jens Schlesinger ist sauer. „Die Nachbarn wurden viel zu spät informiert, genauso die Gewerbetreibenden“, sagt der Zeithainer. Innerhalb einer Woche stampfe man im Ort ein neues Lager aus dem Boden – obwohl doch in Meißen noch Plätze für Asylbewerber frei seien. „Da wird mit Steuergeldern um sich geschmissen.“ Nach seinem Eindruck seien seit Montag vor Weihnachten rund 200 Asylbewerber im früheren Elektro-Lager in dem Gewerbegebiet an der Bundesstraße 169 eingezogen.

Unterkunft für 108 Asylbewerber

Eine Zahl, die Kreissprecherin Kerstin Thöns auf Anfrage der Sächsischen Zeitung nicht bestätigen kann. „Derzeit leben in der Notunterkunft 108 Asylbewerber“, sagt die Kreissprecherin. Insgesamt sei im ehemaligen Elektro-Lager Platz für bis zu 400 Asylbewerber. Umbauarbeiten und andere Investitionen seien im Vorfeld nicht notwendig gewesen, lediglich die extra aufgestellten Sanitärcontainer mussten angeschlossen werden.

Für ein Jahr hat der Landkreis das Gebäude zunächst angemietet, betrieben wird die Einrichtung durch das Deutsche Rote Kreuz. Die Verunsicherung bei den Anwohnern ist groß, nicht nur wegen des schnellen Einzugs der Asylbewerber. Es handle sich bei den Bewohnern überwiegend um junge Menschen, von denen keiner krank oder besonders erschöpft aussehe, meint Jens Schlesinger. „Eine einzige Frau habe ich seitdem in Zeithain gesehen, sonst nur Männer. Wenn ich da abends mit meiner Frau spazieren gehe, wird mir angst“, sagt Jens Schlesinger. Ihn bewegt vor allem, ob in Zeithain auch solche Flüchtlinge untergebracht sind, die noch gar nicht registriert – und womöglich gefährlich sind. „Immerhin haben sich die Leute hier etwas aufgebaut!“

Kreissprecherin Kerstin Thöns versichert, dass alle in der Notunterkunft lebenden Asylbewerber medizinisch untersucht worden sind. Die Gefahr von eingeschleppten Krankheiten bestehe nicht. Ob alle Flüchtlinge registriert sind, war gestern im Landratsamt nicht zu erfahren.

„Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass das ehemalige Elektro-Lager nur eine vorübergehende Lösung ist“, so Thöns. Es werde ständig nach anderen, geeigneteren Möglichkeiten der Unterbringung gesucht, betont die Kreissprecherin. „Hier hängt jedoch viel davon ab, wie sich der Wohnungsmarkt im Landkreis entwickelt.“ Deswegen kann sich das Landratsamt derzeit nicht festlegen, wie lange die Notunterkunft in Zeithain von Asylbewerbern bewohnt werden wird.

Überwiegend Beton und Asphalt

Von draußen ist indes nur zu erahnen, wie die Flüchtlinge im Inneren des ehemaligen Warenlagers leben. Die Fassade ist alt, grau und trist. Der Hof besteht überwiegend aus Beton und Asphalt, nur wenige Grasflächen sorgen für etwas Farbenfreude.

Zahlreiche Asylbewerber stehen vor dem Eingang und unterhalten sich; es sind vor allem Männer, aber auch einige Frauen. Die Menschen werden in der Einrichtung vollverpflegt. Es gehe mehr um die menschenwürdige Unterbringung, als um Integration, meinte Zeithains Bürgermeister Ralf Hänsel (parteilos) bereits vor dem Einzug. Er forderte: „Ich will hier keine Heidenauer Verhältnisse.“