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Donnerstag, 29.10.2015

„Das ist sozialistische Planung“

Künftige Pädagogen in Sachsen müssen in kürzester Zeit buchstäblich eine ganze Lehrer-Generation ersetzen. Der Dresdner Unterrichtsforscher Axel Gehrmann sieht einen drohenden Lehrermangel, hat aber auch einen Lösungsvorschlag.

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Während eines Aktionstages 2012 war die Nikolaischule Leipzig wegen Lehrermangels geschlossen worden.
Während eines Aktionstages 2012 war die Nikolaischule Leipzig wegen Lehrermangels geschlossen worden.

© Archivbild: dpa

Das Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung (ZLSB) an der Technischen Universität Dresden begeht heute sein zehnjähriges Jubiläum. Der Anspruch der Gesellschaft an Lehrer wächst permanent. Ihrer Ausbildung kommt daher höchste Bedeutung zu. Nicht zuletzt auch, weil die künftigen Pädagogen hier in Sachsen in kürzester Zeit buchstäblich eine ganze Lehrer-Generation ersetzen müssen. Die SZ im Gespräch mit Prof. Axel Gehrmann, Geschäftsführender ZLSB-Direktor.

Wie attraktiv ist heute und hier an der TU ein Lehramtsstudium?

Da lasse ich einfach mal Zahlen sprechen. Für die 100 Studienplätze für das Grundschullehramt an der TU Dresden gab es im vergangenen Wintersemester 2 071 Bewerbungen. Natürlich wirken hier das vor drei Jahren von der Regierung verabschiedete Bildungspaket 2020 und die damit verbundene große Lehrer-Werbekampagne des Kultusministeriums. Ich denke aber, auch wir haben dazu beigetragen, indem wir mit großer Kraft die Lehrerstudiengänge von Bachelor/Master wieder auf Staatsexamen umgestellt haben. Das Studium ist für die, die wirklich Lehrer werden wollen, insbesondere Grundschullehrer, tatsächlich attraktiver geworden. Weil es strukturierter und zielführender für sie ist.

Stichwort Bildungspaket. Wird es erfolgreich sein? Wo stehen wir heute?

Die Herausforderung, die auch unsere Universität damit angenommen hat, ist sehr groß. Ich denke, dass wir die uns übertragenen Hausaufgaben bislang gut erledigt haben. Allerdings sehe ich nach wie vor ein großes Grundproblem. Künftig werden jährlich um die 1 600 neue Lehrer benötigt. Die Zielvereinbarung, die das Land vor drei Jahren mit den Universitäten geschlossen hat, sieht vor, wie viele Studierende für die einzelnen Schularten jährlich zu immatrikulieren sind. An der TU Dresden etwa 100 für das Grundschul-Lehramt, je 175 für Gymnasien und Mittelschulen, 204 für berufsbildende Schulen. Gleichzeitig ist eine Studienerfolgs-Quote von 85 Prozent festgeschrieben. Das ist – mit Verlaub – sozialistische Planung und wird nicht funktionieren. Diese Quote liegt in der Realität bei 60 Prozent. Nicht nur bei den Lehrämtlern.

Es wurde zu optimistisch gerechnet?

Ja.

Wir könnten also in ein paar Jahren nicht genügend Lehrer haben?

Das ist zu befürchten. Und da rede ich noch nicht einmal von der neuen Herausforderung, den schulpflichtigen Flüchtlingen. Also muss nachjustiert werden. Natürlich wird das Geld kosten. Die Ministerien und die Universität müssen schnell an einen Tisch. Und: die Marktsituation muss berücksichtigt werden. Junge Leute, die hier ausgebildet wurden, können ja auch in andere Bundesländer gehen. Ich weiß, dass die auch bei uns in Dresden Ausgebildeten überall sehr gern genommen werden. Man braucht schnell gute Ideen, sie hier zu halten. Nun hat das Kultusministerium zwar gerade ein Stipendium aufgelegt, um junge Lehrer auch in ländliche Regionen zu bringen. Aber das allein wird nicht reichen. Ich meine, Sachsen wird mittelfristig nicht umhin kommen, das „Sahnehäubchen“ Beamtenstatus für Lehrer einzusetzen.

Sie erwähnten Migration. Ist die Lehrerausbildung darauf vorbereitet?

Nein, nicht sofort. Einen Bedarf dafür gab es auch schon, bevor Flüchtlinge und Asylbewerber in so großer Zahl nach Deutschland kamen. Migration ist ein Bestandteil moderner Gesellschaften. Doch bei uns hier gibt es zurzeit keine Struktur dafür, Lehrer auszubilden, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten.

Wo sehen Sie das Zentrum für Lehrerbildung an seinem Geburtstag?

Wir können stolz sein. Die Lehrerbildung hat mit dem ZLSB in der Universität einen Ort bekommen. Wir konnten – nicht immer problemlos – eine interdisziplinäre Einrichtung entwickeln, die nach innen und außen wirkt. Erst vor wenigen Wochen wurden wir als einzige sächsische Hochschule im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ ausgewählt und erhalten nun bis 2018 eine Bundesförderung in Höhe von fünf Millionen Euro. Wir können also nicht alles falsch gemacht haben.

Wie nahe ist das ZLSB den Schulen?

Ich meine, sehr nahe. Zum einen sind regelmäßig 15 Lehrer aller Schularten als Lehrkräfte für jeweils drei Jahre hierher abgeordnet – die Erste überhaupt war übrigens vor zehn Jahren die heutige sächsische Wissenschaftsministerin. Zum anderen läuft die Praktikumskoordination für die Studierenden über das Zentrum. Wir wollen jetzt auch verstärkt mit Projekten „in die Fläche“ gehen, ich denke, das ist ein gutes Miteinander auf hohem Niveau – natürlich besonders auch für die Schüler.

Das Gespräch führte Carola Lauterbach.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 16 Kommentare

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  1. RW

    Wären genügend Lehrer da gewesen, hätte man (?) wahrscheinlich auch gelernt, dass es 'wegen Lehrermangels' heissen muss.

  2. Baltika

    Fragen sie mal bitte Studenten! Ich benötige für mein Lehramtsstudium ein 9-wöchiges Pflichtpraktikum, dieses muss zentral in Leipzig angemeldet werden. Ich habe an zwei Gymnasien KEINEN Platz erhalten obwohl dort kein einziger Student war und ich das okay aus Leipzig hatte. Die Schule hätte aber lt. Planung maximal 5 aufnehmen MÜSSEN. ich wurde von der Schulleitung verwiesen, die Begründung: Lehrermangel in dem von mir benötigten Fach... Was ist das für ein Wahnsinn?! Lehrer können aufgrund von Lehrermangel nicht in der Regelstudienzeit ausgebildet werden, meine verlängert sich dadurch...

  3. ole

    @RW: Wegen Lehrermangel kam bei Ihnen offenbar nicht dran, dass in der Regel wegen des fehlenden Artikels das Substantiv nach 'wegen' im Singular ungebeugt bleibt. ;-)

  4. BS

    Und dass man heißen nicht mit "ss" schreibt..... :)

  5. Roba

    @1: Dem Genitiv war "man" schon 2012 auch in Sachsen nicht mehr hinreichend gewachsen.

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