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Donnerstag, 07.08.2014

Das Geschäft mit Asylbewerbern

In keinem anderen Bundesland profitieren Unternehmer so viel von der Flüchtlingsunterbringung wie in Sachsen – etwa in Hotels.

Von Ulrich Wolf und Morgane Llanque

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Das ehemalige Hotel Stadt Dresden in Großenhain wird als Asylbewerberheim genutzt.
Das ehemalige Hotel Stadt Dresden in Großenhain wird als Asylbewerberheim genutzt.

© K-D. Brühl

Immer mehr gewinnorientierte Unternehmen und Privatleute betreiben Asylbewerberheime in Sachsen. Nur 15 der insgesamt 55 Unterkünfte im Freistaat werden noch von gemeinnützig arbeitenden Organisationen oder direkt von den Kommunen betreut. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil privater Betreiber und Eigentümer von Asylbewerberheimen so hoch – er liegt bei 74 Prozent.

Das ergab eine Umfrage der Sächsischen Zeitung bei den zuständigen Behörden aller 16 Bundesländer. Demnach setzt vor allem Ostdeutschland auf privat organisierte Flüchtlingsbetreuung. Mit einer Quote von 64 Prozent rangiert Sachsen-Anhalt auf Platz zwei nach Sachsen. Thüringen und Brandenburg kommen auf 46 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 44 Prozent.

änder wie Baden-Württemberg, Bayern, Bremen oder Schleswig-Holstein verzichten dagegen nach eigenen Angaben bei der Organisation der Heime auf Privatfirmen.

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Die Zahl der Flüchtlinge steigt seit Jahren. 2011 nahm der Freistaat noch 2.700 Asylbewerber auf, in diesem Jahr sollen es fast viermal so viele werden. Die meisten kamen bislang aus der Russischen Föderation, Tunesien, Serbien und Syrien. Landauf, landab heißt es, es stünden kaum noch geeignete kommunale Immobilien für die Unterbringung der Menschen zur Verfügung. Was an früheren Schulen, Wohnheimen oder Kasernen noch vorhanden sei, müsse für viel Geld saniert und umgebaut werden. Und sollte der Flüchtlingsstrom mal wieder abebben, wären diese Gebäude wieder ungenutzt. Dieses Dilemma nutzen die privaten Unternehmer, für die die Unterbringung oft ein gutes Geschäft ist.

Größter Privatbetreiber in Sachsen ist die ITB Dresden GmbH. Das Unternehmen betreut sechs Heime. Auch Hoteliers entdecken Asylbewerber als Einnahmequelle. In Rötha bei Leipzig etwa erhält ein Hotelinhaber 13 Euro pro Tag und Bewohner. Auch in Bautzen, Großenhain oder Dresden werden Asylbewerber in ehemaligen Hotels untergebracht. In der Landeshauptstadt wird nicht eine einzige der neun Unterkünfte kommunal, kirchlich oder gemeinnützig geführt. Als Betreiber agieren hier unter anderem: der börsennotierte Gagfah-Konzern, ein Kaufmann aus Nierstein bei Wiesbaden oder ein Treppenbauer aus der Nähe von Ulm.

Das sächsische Innenministerium sieht in der hohen Zahl privater Asylheimbetreiber kein Problem. Die Kommunen hätten in diesem Jahr 20 Millionen Euro für die Flüchtlingsbetreuung erhalten, teilte ein Sprecher mit. „Damit sind die Voraussetzungen für eine vernünftige Unterbringung stabilisiert.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. Alex

    Das ist doch jedem, der mit halbwegs offenen Augen durch das Land geht, schon längst klar. Es geht gar nicht um die Asylbewerber, es geht, wie schon die Artikelüberschrift aussagt, ums Geschäft. Es hat sich doch schon eine ganze Asylindustrie, angefangen bei Anwälten, über Hilfstruppen bis zu Protestorganisieren gebildet. Und jeder hält die Hand auf, ob nun eben Anwalt oder e.V. Wenn sich Sachsen konsequent an die internationalen Abkommen, wie Dublin II oder nationale Gesetze über sichere Herkunftsstaaten halten würde, wären genügend Unterkünfte und auch Geld für tatsächlich Verfolgte da.

  2. Rico

    Danke SZ. Das ist mal guter Journalismus. Solche Beiträge sind der wahrheitsbildenden Meinung sehr dienlich. Hier werden einigen die Augen geöffnet.

  3. Realist

    @Alex: Volltreffer, besser hätte man es nicht schreiben können!

  4. Löser

    @Alex: Das mag schon so stimmen, was sie da sagen. Aber wo ist denn das Problem, wenn Asylbewerber in Hotels wohnen? Evtl. - und das bezweifle ich eigtl. auch - kommt es dem Staat zu teuer. Wenn ja > Situation verpennt > selbst Schuld! Den Bewohnern geht es sicher nicht schlechter als in einer Container- oder Zeltstadt... oder?

  5. Martin

    Herr Löser, völlig richtig. Geld kostet es sowieso. Warum plötzlich die Euphorie über angebliche Offenbarungen, über die bisher nicht geredet wurde. Selbst Gefängnisse werden privat betrieben. Die Aufgaben sind und bleiben staatlich, die Umsetzung ist teilweise privat. Der Staat gibt vor und kontrolliert. Notwendige Dinge müssen nunmal erledigt werden. Auch die Unterbringung von Menschen, die zu uns flüchten. Das Verfahren der Asylprüfung bleibt in staatlicher Hand. Bitte wieder zum Alltag zurückkehren. Es gibt keinen Ausbruch des Vesuvs oder ähnliche spektakuläre Ereignisse. Wir können und dürfen weiter ruhig und sachlich unsere Aufgaben erledigen.

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