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Mittwoch, 20.01.2016

Busfahrerin wirft junge Mutter raus

Eine Glaubitzerin hat für 1 300 Euro eine Jahreskarte gekauft. Mit dem Bus fahren darf sie trotzdem nicht. Es ist kein Einzelfall.

Von Antje Steglich

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Aus dem Bus geschmissen wurde jetzt eine junge Frau, weil der Chip ihrer Fahrkarte fehlerhaft war. Auch weitere Kunden sind betroffen.
Aus dem Bus geschmissen wurde jetzt eine junge Frau, weil der Chip ihrer Fahrkarte fehlerhaft war. Auch weitere Kunden sind betroffen.

© Symbolbild/Lutz Weidler

Glaubitz. Die Glaubitzerin* gerät noch immer in Rage, wenn sie an den vergangenen Donnerstag denkt. Da wollte die junge Frau samt Kinderwagen mit dem Bus von Glaubitz nach Zeithain fahren. Verwandte besuchen. Es ist quasi ein Katzensprung, Geld packt die junge Mutter deshalb nicht ein. Für den Bus hat sie ja ihre Abo-Monatskarte, denkt sie.

Sie steigt also kurz nach acht am Dorfteich ein, sichert den Kinderwagen und läuft vor zur Busfahrerin. Die liest die Plastikkarte ein und fährt schon Richtung B 98 los. Doch das Lesegerät zeigt das entscheidende Wort „Großenhain“ nicht an, mit dem klar wäre, für welche Zone die Glaubitzerin bezahlt hat. Und diskutieren lässt die Busfahrerin nicht mit sich: „Die Fahrerin war unmöglich. Sie sagte mir, entweder ich zahle oder muss aussteigen“, erinnert sich die junge Frau.

Sie versucht zu erklären, dass sie schon seit Jahren Kundin des Verkehrsverbundes ist und eine Abo-Monatskarte bezieht. Dass sie kein Geld hat, weil sie doch nur zur Verwandtschaft will. Doch die Fahrerin bleibt hart. Noch in Glaubitz lenkt sie den Bus an den Straßenrand und wirft die Glaubitzerin mit ihrem Kinderwagen raus. Dass die junge Frau jährlich über 1 300 Euro für die sogenannte Tarifzone C an den VVO überweist, scheint egal. Und nicht nur der Busfahrerin.

Abos zum 1. Januar auf AboChip umgestellt

Denn wieder zu Hause, hängt sich die Glaubitzerin ans Telefon, um herauszufinden, was da eigentlich gerade passiert ist. Sie fängt bei der Verkehrsgesellschaft Meißen an, die für den Linienverkehr im Landkreis und damit auch für die Linie 441 Riesa – Zeithain – Nünchritz – Roda zuständig ist. „Dort klang es so, als wäre es mein Fehler, obwohl man bereits wusste, dass es bei einigen Jahreskarten einen Fehler gibt“, beschwert sich die Glaubitzerin. „Aber die Frau am Telefon warf mir vor, wie es denn sein könne, dass ich in die Stadt fahre und kein Geld dabei hätte.“

Darüber hinaus sei man auch nicht für die Monatskarten zuständig. Also ruft die junge Mutter bei dem VVO an, bei dem sie Kundin ist. Doch auch hier ist man nicht zuständig, wie Pressesprecher Christian Schlemper gegenüber SZ bestätigt. Zwar weiß man auch dort bereits, dass es bei der Umstellung der bisherigen Papier- auf die elektronische Fahrkarte Probleme gegeben hat, man sei aber nicht für die Ausgabe zuständig. Das nächste Telefonat führt die Glaubitzerin also mit der Deutschen Bahn. Und – Überraschung – auch hier weiß man bereits von dem Problem. So sei der Fehler schon seit 4. Januar bekannt. Derzeit, also zehn Tage später, sei man dabei, die Kundendaten herauszufiltern, um neue Karten zu verschicken, erklärt man gegenüber der Glaubitzerin. Und endlich gibt es auch eine Entschuldigung.

Gegenüber SZ heißt es aus der Pressestelle der Bahn, dass insgesamt 40 Kunden aus der Region von dem Fehler betroffen sind, deren Abos zum 1. Januar auf AboChip umgestellt wurden. Also von Papier-Fahrkarte auf Plastik-Fahrkarte. „Diese Kunden haben bereits eine Ersatzkarte erhalten“, verspricht man. Für die junge Mutter soll es als Entschädigung zudem einen Reisegutschein geben.

Der ist zwar noch nicht in Glaubitz angekommen, aber immerhin die neue Fahrkarte. Die wurde auch bereits erfolgreich getestet, sagt die junge Frau. Ihren Ärger, dass sie 1 300 Euro für eine Fahrkarte bezahlt hat und trotzdem aus dem Bus fliegt, kann sie darüber aber dennoch nicht ganz vergessen.

*Name ist der Redaktion bekannt.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 40 Kommentare

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  1. Franz K.

    Ein Lob an die SZ - hier wurde zum Sachverhalt umfasssend recherchiert und dann ein Artikel verfasst. So wünsche ich es mir bei allen Beiträgen.

  2. elbgeistDD

    Nunja viel besser sind die DVB auch nicht. Da sind die Kontrolleure nicht mal des Lesens kundig und nicht in der Lage den Entwertungsstempel auf einer Wochenkarte zu lesen. Aber sofort drohen mit Rauswurf und Daten aufnehmen und und und... geschehen? gestern, zwei Schülern, einer davon mein Sohn. Freundlichkeit? Normales Auftreten? Fehlanzeige. Das muss man sich einfach nicht bieten lassen - notfalls dürfen diese Leute gern die Polizei rufen und sich blamieren aber nicht rauswerfen und rumpöbeln.

  3. zz

    Und wieder ein Beispiel dafür, weshalb sich Leute, die die Führerscheinprüfung bestanden haben, auch auf Kurzstrecken lieber ins Auto setzen als sich auf den Tanz mit den Öffentlichen einzulassen. Dreckige Fahrzeuge, pöbelndes Personal, teilweise unmögliche Anschlüsse und dann noch der Preis. Für über 1300 € erwarte ich, dass mir die Ersatzkarte persönlich ins Haus gebracht wird und das unverzüglich, nachdem der Fehler erkannt ist. @2. Wahrscheinlich ist es tatsächlich besser auf die Polizei zu warten und sofort Strafanzeige wegen Verleumdung und Beleidigung zu stellen, als sich durch die 'Service'stellen zu telefonieren.

  4. Alwin Franz

    Den Ärger der Frau kann ich nachvollziehen. Mit Einsteigen in den Buss geht sie einen Beförderungsvertrag mit dem Beförderer VGM ein. Bestandteil des Vertrages sind dessen Vetragsbedingungen, die Aussagen zu gültigen Fahrausweisen enthalten müssen. Die VGM erklärt auf ihrer Seite die Gültigkeit von VVO Karten. Sie hat also diesen Teil an den VVO abgetreten. VVO und VGM stehen also in einem Vertragsverhältnis, dass VVO den VGM Kunden gültige Ausweise verkauft. VVO hat nun sein System umgestellt, welches mit VGM Lesegeräten nicht mehr vollständig kompatibel ist. Dieses Problem, welches also VGM und VVO klären müssen, versucht VGM auf seine Kunden abzuwälzen. Ergo: Empfehlung an die junge Frau samt Kinderwagen ein Taxi zu nehmen und VGM in Rechnung zu stellen. Im Streitfall sind da gute Chancen, das bei VGM durchzudrücken. Mit verständnislosen Grüßen in Richtung VGM ...

  5. Alwin Franz

    @#4 Aus diesem Grund hat die Kundin auch richtig reagiert und bei VGM angerufen. Nur das sie von diesem auf eine Reise von Pontius zu Pilatus geschickt wurde ist frech. Möglicherweise hat sie das nicht erkannt. Nachvollziehbar steigt der Frust mit jedem Weiterschicken zum nächsten mehr oder weniger (in)kompetenten Ansprechpartner - Servicewüste D. Zu klären wäre, ob mit gültigem Fahrausweis ein Beförderungsanspruch besteht. Dieser würde dann die Erstattung der Taxikosten rechtfertigen. Der ganze Fall zeigt mal wieder die Tragik einer Konstellation mit SubSubSubSubunternehmen - am Ende geht's keinen etwas an, weil der eigentliche Unternehmer sich vortrefflich vor seinen Kunden versteckt hat. Sieht man in ähnicher Weise in zig anderen Verträgen, aber nur, wenn man sehr genau hinschaut. Ergebnis sind dann Minijobs und Hungelöhne bei Busfahrern, Postzustellern und vielen anderen.

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