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Freitag, 19.02.2016

Benefizkonzert für Geiger in Not

Über 100 Musiker und Sänger sammeln Geld für ihren Kollegen Stefan Arzberger, der in New York auf seinen Prozess wartet. Unterstützung kommt auch von Sachsens Ministerpräsident.

Von Stefan Becker

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Stefan Arzberger darf die USA nicht verlassen.
Stefan Arzberger darf die USA nicht verlassen.

© picture alliance / dpa

„Das Ding wird voll“, sagt Rainer Ohler, und der Klang der Stimme akzeptiert keinen Zweifel an seinen Worten. Bei dem „Ding“ handelt es sich um ein Benefizkonzert für den Leipziger Geiger Stefan Arzberger. Der Musiker sitzt seit elf Monaten in New York fest und wartet darauf, dass ein Richter endlich entscheidet, wann der Prozess gegen ihn beginnt. Er soll im vergangenen März in einem New Yorker Hotel nackt eine Frau angegriffen und gewürgt haben, so der Vorwurf. Der gebürtige Vogtländer ist zwar derzeit gegen Kaution auf freiem Fuß, das Gericht verhängte aber ein Arbeitsverbot, und so lebt der Musiker zwangsläufig vom Ersparten der Familie und Spenden aus der Heimat.

Ein kleiner Unterstützerkreis sammelt Geld für die Anwaltskosten. Dazu gehören Freunde und Vertraute des Musikers ebenso wie ihm persönlich noch völlig fremde Menschen. Was diese Gruppe mit Vertretern aus der Wirtschaft und Kultur eint, sei der Glaube an die Unschuld des Geigers, sagt Ohler, verbunden mit dem Wunsch, einem Notleidenden zu helfen. Der Manager leitet von Toulouse aus die Kommunikationsabteilung bei Airbus. Er persönlich habe Arzberger als „Retter der deutschen Ehre“ kennengelernt, als nach Fukushima alle deutschen Kulturträger ihre Japanreisen stornierten, das Leipziger Streichquartett aber unter der Leitung von Arzberger anreiste und der kollektiven Angst eine Absage erteilte.

„Ich finde es sagenhaft, dass Stefan Arzberger bisher in den USA keine Nacht in einem Hotel übernachten musste, weil Freunde ihn aufnehmen“, sagt Ohler – das zeige eine starke Solidarität unter Kollegen. Zu denen gehört auch Hansjörg Albrecht. Der Dirigent und Organist stammt aus Freiberg, sang zehn Jahre im Kreuzchor und lebt mittlerweile in München. Dort leitet er das Bach-Orchester und den dazugehörigen Chor. „Ich habe im vergangenen April von der Geschichte erfahren, und als im Herbst Monika Henschel vom Unterstützerkreis fragte, ob wir was machen können, war das selbstverständlich“, sagt Albrecht. Zwar rekrutiert sich das Bach-Orchester primär aus einem fixen Pool an Musikern, doch fürs Benefiz-Projekt öffnete Albrecht dessen Pforten und erhielt umgehend Zusagen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum.

Die 55 Musiker und 45 Sänger gastieren alle ohne Gage, üben stundenlang am Freitag, spielen am Samstag die Generalprobe und bitten die Gäste am Abend zum Konzert in die Münchner St. Michael-Kirche. „Das ist Münchens Musikerkirche und die größte Renaissancekirche nördlich der Alpen“, sagt Albrecht.

Unterstützung kommt auch von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU): “Nicht nur wir in Sachsen verfolgen den Prozess in den USA um diesen herausragenden Musiker aufmerksam. Seine Situation ist gewiss sehr belastend und es ist für Herrn Arzberger gut zu wissen, dass Menschen zu ihm halten und ihn nach Kräften unterstützen. In diesem Sinne wünsche ich Ihrem Konzert einen regen Zuspruch und einen hohen Erlös“, schrieb Tillich an Ohler. Der Brief liegt der SZ vor.

Das Programm für den Abend trägt den Titel „Aus der Neuen Welt“, schließlich harrt dort Stefan Arzberger seines Schicksals. Der Geiger formulierte das Grußwort zum Konzert und spricht darin von Hoffnung. Die teilt der Kulturmanager Eckard Heintz vom Unterstützerkreis und erklärt kurz, wie er dem ökonomischen Erfolg des Abends noch ein wenig nachhelfen will: Er sei vom „Stamme Nimm“, und deshalb werden sich zum Ende des Konzerts noch ein paar Geigenkästen für milde Gaben öffnen, so der Professor. Das geschieht mit dem Segen des Paters, der seine Kirche für „das Ding“ kostenlos zur Verfügung stellt.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Max

    Ein paar Hintergrundinformationen zu den Handlungen von Herrn Stefan Arzberger an dem Abend bzw. in der Nacht wären sicher angebracht -- oder geht es nur darum, das Rechtssystem der USA als "falsch" darzustellen? Wer eine Unbekannte auf sein Hotelzimmer holt, geht ein Risiko ein... Daraus sollten wir alle lernen, insofern sollte man soviel Informationen wenigstens anführen.

  2. Leser

    Diese Hintergrundinformationen waren schon mehrfach in der Zeitung zu lesen. Es gab mehrere Artikel dazu. Das was Herr Arzberger getan war sicher nicht besonders schlau, aber deswegen verurteile ich Ihn nicht. Und das Rechtssystem in den USA ist in diesem Falle nicht gerade bemerkenswert.

  3. GesellschaftszusammenhaltBeiSolchenFällen

    Es wäre sicherlich sinnvoll, eine extra Internetseite mit Spendenkonto zu schalten, deren korrekter Spendeeinsatz auch öffentlich dokumentiert wird. Nicht jeder wird zu dem Konzert hingehen können oder davon rechtzeitig wissen, der Herrn Arzberger helfen will. Jeder deutsche Tourist kann in eine höchst unangenehme Situation kommen und ohne finanziellen, moralischen und juristischen Beistand absolut aufgeschmissen sein. Das ist nicht nur eine Frage der Solidarität unter Musikerinnen bzw. Musikern, sondern eine allgemeine Problematik. Nichtsdestotrotz ist das Leid des Opfers von Herrn Arzberger ebenso zu beachten und das Opfer zu entschädigen, aber Mio-€-Schadensersatzklagen dürfen es nicht sein. Die USA sind eben wirklich ein hochgefährliches Pflaster!

  4. Bärbel

    Wird hier ein Täter zum Opfer hochstilisiert?Erst einmal das Urteil abwarten.

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