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Mittwoch, 27.01.2016

Bahnstrecke Pirna–Sebnitz vor dem Aus

Der Freistaat will beim regionalen Bahnverkehr kürzen. Doch noch sind die letzten Worte nicht gesprochen.

Von Matthias Weigel

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Werktags verkehrt die Städtebahn im Stundentakt zwischen Pirna, Neustadt und Sebnitz. Doch das könnte bald der Vergangenheit angehören. In Sachsen zeichnen sich massive Einsparungen und damit Einschnitte beim Nahverkehr ab. Als Erstes sollen Bahnen auf weniger stark nachgefragten Strecken eingestellt werden.
Werktags verkehrt die Städtebahn im Stundentakt zwischen Pirna, Neustadt und Sebnitz. Doch das könnte bald der Vergangenheit angehören. In Sachsen zeichnen sich massive Einsparungen und damit Einschnitte beim Nahverkehr ab. Als Erstes sollen Bahnen auf weniger stark nachgefragten Strecken eingestellt werden.

© Dirk Zschiedrich

Pirna. Mit sinkenden Zuschüssen des Bundes sieht der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) die Bahnstrecke Pirna – Neustadt – Sebnitz vor dem Aus. Das bestätigt VVO-Sprecher Christian Schlemper auf Anfrage. Die SB 71 wird derzeit von der Städtebahn Sachsen bestritten. 17 Zugpaare fahren pro Werktag, am Wochenende sind es weniger.

Grund sei die vergleichsweise geringe Auslastung der Route. „An Werktagen sind hier täglich zwischen 500 und 700 Fahrgäste unterwegs. Im Vergleich dazu: Auf der S-Bahn zwischen Pirna und Bad Schandau sind es rund 3 500 Fahrgäste“, sagt Schlemper. Deshalb könnte womöglich bereits 2017 Schluss sein. Wann genau die Linie eingestellt wird und ob überhaupt, sei aber noch nicht entschieden und abhängig davon, wie es mit der Finanzierung weitergeht. „Dazu wissen wir im Moment einfach noch zu wenig“, sagt Schlemper.

Hintergrund der derzeitigen Kürzungsszenarien ist ein neuer Schlüssel, der die Bundesmittel für den Eisenbahnverkehr, die sogenannten Regionalisierungsmittel, zwischen den Bundesländern aufteilt. Während bevölkerungsreiche Länder profitieren, könnte Sachsen schrittweise bis 2030 rund 25 Prozent der bisher zur Verfügung stehenden Mittel verlieren. „Um die gravierenden Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, werden Strecken mit wenigen Fahrgästen als Erste von den Kürzungen betroffen sein“, so der VVO.

VVO müsste Entschädigung zahlen

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) sprach jüngst von bis zu einer Milliarde Euro, die bis 2030 weniger für den Nahverkehr im Freistaat bereitstünde. „Wir müssen den ÖPNV neu denken. Das kann auch bedeuten, dass unrentable Bahnverbindungen zugunsten eines attraktiveren und wirtschaftlicheren Busverkehrs abbestellt werden“, sagte Dulig. Nebenbei könne man so ländliche Regionen besser anbinden und häufiger fahren.

Die Bahn mit Bussen abzulösen, ist allerdings nicht so einfach. So läuft der Vertrag mit der Städtebahn noch bis 2024. Im Falle einer vorzeitigen Auflösung müsste der VVO eine Entschädigung an die Städtebahn zahlen, da die mit der Laufzeit kalkuliert hat. Bei der Städtebahn verfolgt man die Debatte genau. „Für die Fahrgäste wäre das sehr bedauerlich“, sagt Sprecherin Franziska Straube. Nach SZ-Informationen herrscht auch innerhalb der Belegschaft große Unruhe. Lokführer und Zugbegleiter fürchten Entlassungen oder Versetzungen.

Straube sieht allerdings das letzte Wort noch nicht gesprochen. „Statt reflexartig schon jetzt über Kürzungen zu debattieren, ist es nötig, die aktuell praktizierte Finanzierung des Nahverkehrs grundsätzlich und nachhaltig zu diskutieren.“ Ähnlich hatten sich zuletzt schon die Grünen geäußert. Seit dem Jahr 2010 habe der Freistaat nur bis zu 80 Prozent der Regionalisierungsmittel direkt an die Zweckverbände weitergereicht. In anderen Bundesländern liegt die Quote deutlich höher.

S-Bahnen sind nicht von Kürzung betroffen

Auch beim VVO sieht man genau dort die Chance. „Unsere Forderung an den Freistaat ist, dass er die für den Schülerverkehr und das Landesinvestitionsprogramm verwendeten Regionalisierungsmittel künftig wieder aus Landesmitteln finanziert und damit den Eisenbahnverkehr weiterhin ermöglicht“, heißt es. Laut Dulig befassten sich nun verschiedene Arbeitsgruppen unter Beteiligung der Zweckverbände mit der Weiterentwicklung des Nahverkehrs. Die Erkenntnisse sollen in die ÖPNV-Strategiekommission einfließen, die nun sechsmal jährlich tagt.

Der VVO hatte vor Kurzem Einschnitte angekündigt, sollte es keine Lösung geben. So stehe der ursprünglich geplante 15-Minuten-Takt der S-Bahn zwischen Meißen und Dresden infrage. Einen weiteren Kürzungskandidaten gibt es mit der Strecke Elsterwerda – Riesa – Chemnitz mangels Fahrgastauslastung ebenso.

Der VVO beruft sich dabei auch auf Prognosen, die im Landesverkehrsplan des Freistaates eine Rolle spielen. Bis 2025 würde es vor allem auf den Seitenästen des Streckennetzes im Westerzgebirge, in der Lausitz, um Hoyerswerda und im Meißener Land einen starken Rückgang der Fahrgastzahlen geben. Potenzielle Kürzungskandidaten also. Die S-Bahnen in der hiesigen Region sowie die Müglitztalbahn und die Strecke Rumburk – Sebnitz – Bad-Schandau sind hingegen gut bis sehr gut nachgefragt und gelten demnach als relativ sicher.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 18 Kommentare

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  1. Felix

    ...aber riesige Neubauprojekte wie z.B. Dresden-Prag planen. Das ist doch ein Widerspruch in sich. Wenn es mit dem Zugverkehr ernst gemeint ist, dann muss vor allem auch der lokale Zugverkehr gestärkt werden. Prestigeprojekte nützen nichts und das Geld fehlt am Ende nur wo anders. Wann gibt es endlich mal vernünftige zukunftsgewandte nachhaltige Verkehrsplanung?

  2. boblinger

    Vom Zugverkehr abgehängte Städte sind bei Touristen, die ohne Auto reisen, vom Schirm. Niemand zuckelt mit dem Überlandbus in der doppelten Fahrzeit übers Land. Ohne sein Fahrrad mitnehmen zu können. Der Hinweis auf den Schülerverkehr ist außerdem vollständig richtig. Erst dünnt Sachsen das Schulnetz im ländlichen Raum aus, bittet die Eltern für die Fahrkosten zur Kasse und zwingt die Kinder zu teils einstündigen Anreisewegen - und dann wird für diese falsche Schulpolitik auch noch die Kasse geplündert, die eigentlich für einen ÖPNV für alle gedacht war. Was für ein Skandal! Wieso wird diese Politik in Sachsen seit mehr als zwei Jahrzehnten immer wieder mit dem Regierungsauftrag belohnt? Ich verstehe die Leute nicht.

  3. sletrabf

    @1: Sehe ich ganz genauso. Zumal der Verkehr nach Tschechien doch gerade mit großem Aufwand neu eröffnet wurde - wäre echt schade darum. Wenn erstmal alles geschlossen ist, wird es total schwierig, das wieder aufzubauen. @2: Volle Zustimmung, es muss sich dringend etwas ändern, man bekommt den Eindruck, Sachsen ist der Regionalverkehr nicht so wichtig wie Umgehungsstraßen allerorten. @all: Noch ein anderer Aspekt ist mir wichtig: Wenn die täglichen 500-700 Fahrgäste dieses Zuges wegfallen, werden sie auch in der S-Bahn nach Dresden fehlen, weil sie alle aufs Auto umsteigen. Auf diese Weise schneidet man sich ins eigene Fleisch. Sachsen braucht nicht weniger, sondern mehr Nahverkehr!

  4. boblinger

    Allerdings muss sich die sächsische Bevölkerung da teilweise auch an die eigene Nase fassen. Ich fahre als knapp 40jähriger auch im ländlichen Raum (wo das noch geht) regelmäßig mit Bus und Bahn - und werde deswegen von den Umstehenden beäugt wie ein exotisches Tier. Es wird von vielen überhaupt nicht mehr hinterfragt, ob jeder Weg wirklich mit dem Auto erledigt werden muss. Über Alternativen wird da gar nicht mehr nachgedacht. Und so trotten Bevölkerung und Politik quasi im Gleichschritt in eine Zukunft, in der nur noch zwischen Städten oberhalb von 50.000 Einwohnern Züge verkehren. Derweil um jedes noch so kleine Landstädtchen eine autobahnartige Umgehungsstraße durch den Acker gezogen ist, während an den Marktplätzen der letzte Bäcker dicht macht. Sachsen hat sich mental völlig im PKW-dominierten Individualverkehr verloren, dem alles untergeordnet wird.

  5. Stefan

    Kein anderes Bundesland hat für relativ wenige Eisenbahnstrecken eine so aufwändige Verwaltung wie Sachsen. Wo fast überall meist eine Landesgesellschaft den Bahnverkehr organisiert und dabei das Interesse des ganzen Bundeslandes berücksichtigt, leistet sich Sachsen 5 Zweckverbände, die jeweils nur den lokalen Prioritäten ihrer Provinzpolitiker folgen. Dabei kommt nichts Halbes und nichts Ganzes raus. Wenn es so weitergeht, bleiben für jeden Zweckverband noch 1 -2 Strecken übrig, der Rest wird abbestellt. Das Dilemma liegt bei den Strukturen, dort könnte man zuerst sparen. Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her!

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