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Dienstag, 19.01.2016

Augenstiche gegen Angreifer

Seit den Geschehnissen von Köln sind Selbstverteidigungskurse bei Frauen mehr gefragt. Doch was taugen sie?

Von Jörg Richter

Frank Gollmer (links) zeigt den Stich in die Augen. Er gibt im Großenhainer Fitnessclub KAB Selbstverteidigungskurse.
Frank Gollmer (links) zeigt den Stich in die Augen. Er gibt im Großenhainer Fitnessclub KAB Selbstverteidigungskurse.

© Anne Hübschmann

Großenhain. Die deutsche Presse hat für die Übergriffe von Nordafrikanern auf Frauen in der Silvesternacht deutliche Worte gefunden. „Der Sex-Mob von Köln“ (Bild), „Sie begrapschten uns“ (Kölner Stadt-Anzeiger) und „Eine völlig neue Dimension der Gewalt“ (Süddeutsche Zeitung) sind Schlagzeilen, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Nicht nur in Nordrhein-Westfalen trauen sich Frauen abends nicht mehr allein auf die Straßen, sondern auch in Sachsen.

Immer mehr Frauen sorgen vor und besuchen Selbstverteidigungskurse. So auch in Großenhain. „Die Nachfrage ist zurzeit sehr hoch“, sagt Frank Gollmer. Er ist Selbstverteidigungstrainer im hiesigen Fitnesscenter KAB. Jetzt hat er mit einem neuen Kurs angefangen.

In einem Vorabgespräch mit den 20 Teilnehmern über die Erwartungen und Beweggründe habe zwar niemand explizit die Ereignisse von Köln als ausschlaggebend für diesen Kurs angegeben. „Doch ich glaube schon, dass es in nächster Zeit mehr Anfragen nach Selbstverteidigungskursen geben wird“, sagt Frank Gollmer. Auch die zeitliche Nähe seines neuen Kurses zur Silvesternacht ist ungewöhnlich. Normalerweise bietet der 48-Jährige seinen Selbstverteidigungskurs kurz vor den Sommerferien und im Spätherbst an. Im Januar noch nie.

Auch die Zusammensetzung der Kursgruppe spricht Bände. Außer eines Familienvaters, der mit seiner Frau und seiner Tochter mitkommt, haben sich ausschließlich Frauen angemeldet. Die meisten von ihnen im Alter zwischen 30 und 40 Jahre.

Was kann man überhaupt bei Selbstverteidigungskursen lernen?

„Es geht in erster Linie um Selbstschutz, nicht um Kampftechniken“, sagt Frank Gollmer. Er macht aus seinen Kursteilnehmern keine Karatekämpfer, sondern bringt ihnen bei, wie sie auf Belästigungen, Pöbeleien bishin zu körperlichen Bedrohungen reagieren können. Das oberste Gebot sei, eine Situation, solange sie nicht ernsthaft bedrohlich ist, zu deeskalieren. Ein gutes Mittel ist, das Gespräch zu suchen. „Aber das ist schwer, wenn der Angreifer kein oder nur wenig Deutsch versteht“, sagt Gollmer. In diesem Fall könnten Handzeichen und abwehrende Gesten helfen. Wenn nicht, dann helfen nur Abwehrtechniken, die einfach, aber wirkungsvoll sind.

Wie wirkungsvoll sind die Abwehrtechniken?

Abwehrtechniken gibt es viele. „Aber man muss sie kennen und wissen, welche man in welcher Situation am besten anwendet“, sagt Gollmer. Ein Stich mit Zeige- und Mittelfinger in die Augen des Angreifers ist wirkungsvoll, wenn man von vorn angegriffen und gewürgt wird. „Da hat man maximal zehn Sekunden Zeit und muss sehr schnell entscheiden“, so Frank Gollmer.

Aber es kann auch sein, dass der Angriff aus dem Hinterhalt geschieht und man scheinbar nicht mehr aus einer Umklammerung herauskommt. Auch dafür gibt es effektive Tricks, für die Frauen, Kinder und Rentner auch nicht viel Kraft brauchen.

Wie weit darf man bei der Selbstverteidigung gehen?

Neben den Augen sind auch Nase, Kehlkopf, Hals, Knie und Genitalien wirkungsvolle Ziele. „In einer bedrohlichen Lage ist alles erlaubt“, sagt Gollmer. Das gelte aber nicht für Pfefferspray. Denn das sei juristisch nur für die Abwehr von Tieren zulässig. Außerdem haben es die wenigsten Leute bei einem Hinterhalt sofort griffbereit.

Wie sicher machen Selbstverteidigungskurse?

Wie schon erwähnt, gibt es viele Abwehrtechniken. Gollmer verzichtet auf die Fülle und bringt seinen Kursteilnehmern lieber ein paar weniger bei. „Wichtig ist, dass sie die Techniken regelmäßig trainieren“, sagt der Großenhainer. Dadurch steigere sich zudem das Selbstvertrauen, mit einer bedrohlichen Situation umzugehen. Denn auch Selbstvertrauen kann erlernt werden.

Welche Möglichkeiten gibt es sonst noch?

Gollmer empfiehlt Schlüsselband-Alarmgeräte, aus denen ein schriller Ton kommt, wenn man einen Stift zieht. Diese kleinen Anhänger seien für Schulkinder entwickelt worden und im Fachhandel erhältlich.