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Samstag, 04.02.2017

Auf verbotenen Wegen

Im Nationalpark Sächsische Schweiz gibt es Regeln. Das zu ignorieren, hat Folgen. Eine Betrachtung.

Von Ulrich Voigt

Die Natur in der Sächsischen Schweiz ist zu jeder Jahreszeit reizvoll. Dieses Foto machte Maximilian Helm auf einer kleinen Winterwanderung bei Stadt Wehlen und nannte es „Lichtstrahl“.
Die Natur in der Sächsischen Schweiz ist zu jeder Jahreszeit reizvoll. Dieses Foto machte Maximilian Helm auf einer kleinen Winterwanderung bei Stadt Wehlen und nannte es „Lichtstrahl“.

© Maximilian Helm

Man stelle sich mal so einen Aufruf vor: „Liebe Mitbürger! Wir sind gegen Beschränkungen unserer Rechte! In Eurem Gebiet sind bestimmte Straßen nur für Anwohner frei und einige für Motorfahrzeuge gesperrt. Das darf doch niemanden etwas angehen. Also haltet Euch nicht daran, erhaltet sie durch Befahren – und behaltet Eure Freiheit!“

Wenn ich das zur Einleitung eines genauen mit Kartenmaterial gedruckten Buches: „Führer zu allen gesperrten Straßen des Landkreises“ veröffentliche, und wenn ich darin noch Vorschläge mache, wie man sich bei Kontrollen durch Befugte dumm stellen soll, habe ich dann einen Rechtsbruch zu verantworten, dessen Bestrafung sich gewaschen hat?

In unserem sächsischen Nationalpark, der einen hohen Wert für Anwohner und Liebhaber hat, geschieht genau diese bewusste Missachtung von Regeln und Gesetzen bei den aus Naturschutzgründen gesperrten Wegen und Pfaden in der sogenannten Kernzone. Die soll einer durch Wanderer und Naturfreunde weitgehend unbeeinflussten Naturentwicklung vorbehalten sein. Besondere Liebhaber von „Stillen Wegen“ verbreiten jedoch mittels aller modernen Möglichkeiten und sogar mit gedruckten öffentlich käuflichen Büchern die Kenntnis über in der Nationalparkregion gesperrte Wege und Pfade.

Sie begründen ihr Tun mit dem ihrer Meinung nach ehrenwerten Streben, alte Kulturgüter, das sind diese Wege, auch in einer sonst möglichst kulturlosen Naturlandschaft zu erhalten. Durch diese konkrete Umkehrung unserer endlich erreichten Gedankenfreiheit finden sie Menschen, die erfreulicherweise verstärkt in der Natur Freude und Erholung suchen.

Diesen Andrang zu lenken, Möglichkeiten zu schaffen, auch „Wildnis“ kennenzulernen, sind Nationalparkverwaltung und viele Helfer bestrebt. Sie sind kompetent und berufen, dem Erkundungsdrang und dem Erholungsbestreben von wirklichen Naturliebhabern entgegenzukommen. Wirklich schädlich für unser herrliches Felsengebirge werden diese selbst ernannten „Kulturwächter“ nicht deshalb, weil sie still und mit Liebe zur Einsamkeit verbotene Wege gehen, sondern weil sie mit allen Mitteln dazu aufrufen, ihnen zu folgen.

Sie machen damit ihre „Stillen Wege“ zu lauten, die durch uns Wanderer und Bergsteiger und die zahlreichen Gäste erlebbare wilde Natur zur Kulturzone, die dann immer weniger still werden wird. Sie wenden sich offen gegen Regeln und Gesetze, die doch für uns alle sorgen sollen. Naturschutz dient auf den ersten Blick der Natur. Aber die Natur ist nicht für sich selber so einfach da und freut sich darüber. Sie ist für die Menschen geschaffen. Sie sollten echt für sie sorgen und damit sich selber Gutes tun – und ihren Nachkommen auch.

Als berufener und tätiger Interessenvertreter der sächsischen Wanderer und Bergsteiger in der Arbeitsgruppe „Wanderwege in der Nationalparkregion Sächsische Schweiz“ beim sächsischen Umweltministerium weiß ich, wie schwierig unser Stand gegenüber den internationalen Bestimmungen ist. Nur dank des Eintretens unserer Behörden für unsere gemeinsam erstrittenen Rechte sind uns zusätzliche Einschränkungen erspart geblieben.

Also: Anwohner, Gäste, Wanderer und Kletterer, Liebhaber unseres schönen Elbsandsteingebirges: Fühlt euch wohl auf den immer noch reichlichen ruhigen Wegen außerhalb der Kernzone unseres Nationalparks, wo ihr auch abseitige Pfade begehen könnt. Wandert in der Kernzone nur auf den markierten Wegen. Aber folgt nicht den Aufrufen in Büchern und auf Internetseiten, die zum sogar gruppenweisen Begehen gesperrter Wege in der Kernzone aufrufen. Tretet denen entgegen, die euch zum Missachten nützlicher Regeln bewegen wollen. Tragt als demokratisch gesinnte Bürger dazu bei, dass auch für Eure Nachkommen ein kleines Stück „Wildnis“ inmitten ebenfalls erlebenswerter Kulturlandschaft zu bewundern und zu erwandern ist.

Ulrich Voigt ist Ehrenvorsitzender des Sächsischen Bergsteigerbunds (SBB), Vorstand im Landesverband Sachsen des Deutschen Alpenvereins und Mitglied der Arbeitsgruppe Wanderkonzeption Nationalpark Sächsische Schweiz.

Bis 1986 arbeitete er an der Bergakademie in Freiberg. Politische Gründe führten zur Aufhebung des Arbeitsvertrags. Nach der Wende wurde er rehabilitiert und promovierte 1992. Der heute 83-Jährige erhielt 2002 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. (SZ/gk)