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Montag, 11.01.2016

Auf der Straße, bei Freunden und im Zelt

Wie viele Sachsen haben keine Wohnung? Die Zahl ist nicht bekannt – denn sie ist auch ein Politikum.

Von Thilo Alexe

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Bundesweit gelten der Diakonie zufolge 285000 Menschen als wohnungslos. Etwa 24000 von ihnen leben auf der Straße.
Bundesweit gelten der Diakonie zufolge 285 000 Menschen als wohnungslos. Etwa 24 000 von ihnen leben auf der Straße.

© dpa

Weniger kann gut sein: Das Restaurant der Herzen in Leipzig verzeichnet rückläufigen Zuspruch. Statt wie sonst um die 5 000 empfing die Einrichtung, in der Bedürftige gratis essen können, in dieser Weihnachtssaison etwas mehr als 3 000 Besucher. Ob das ein erfreuliches Anzeichen für den Rückgang von finanzieller Armut und Obdachlosigkeit ist, bleibt offen. Denn es gibt auch andere Daten.

Die Diakonie in Sachsen geht davon aus, dass die Zahl der von Wohnungsnot Betroffenen seit Jahren steigt. Der evangelische Wohlfahrtsträger stützt sich dabei auf statistische Erhebungen der eigenen Beratungsstellen. 2004 kümmerten sich die Mitarbeiter in den acht Einrichtungen um 1 537 Fälle. Zehn Jahre später waren es bereits 2821. Das entspricht einem Anstieg von 84 Prozent. Wie aus der im Herbst von der Diakonie vorgestellten Lebenslagenerhebung zur Wohnungslosenhilfe weiter hervorgeht, stehen hinter diesen Fällen mehr als 3 000 Betroffene. Doch nicht alle sind obdachlos. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen war ohne Wohnung, als sie die Hilfe einer Beratungsstelle nutzten. Das kann bedeuten, dass sie bei Bekannten oder in Obdachlosenheimen und Notunterkünften untergekommen waren. Etwa 150 machten, wie es umgangssprachlich heißt, Platte. Das heißt, sie lebten auf der Straße oder im Zelt.

Wie viele Menschen in Sachsen tatsächlich obdachlos – also ohne wie auch immer geartete feste Unterkunft sind – ist jedoch unklar. Denn neben den diakonischen gibt es noch andere Beratungsstellen für Wohnungsnotfälle. Zudem nimmt nicht jeder Obdachlose Hilfe in Anspruch. Mehr als 1 500 Menschen dürften in Sachsen Schätzungen zufolge wohnungslos sein.

Dass die Daten schwer ermittelbar sind, liegt auch an der Politik. 2008 stellte die Landesregierung die Berichterstattung zu Wohnungslosen ein. Bis dahin wurden Daten mithilfe eines Fragebogens an die Kommunen erhoben. Durch die Hartz-IV-Reformen kam es allerdings zu Doppelerfassungen, die bislang letzten Erhebungen gingen von etwa 1 200 Wohnungslosen aus. Für 2009 hatte die Regierung 1 500 genannt, aber keine eigenen Daten ausgewertet.

Möglicherweise ändert sich das nun. Im Koalitionsvertrag für Sachsen haben CDU und SPD vereinbart, eine Neuauflage der Wohnungslosen-Statistik zu prüfen. Als Basis für die soziale Arbeit soll ab diesem Jahr eine kontinuierliche Sozialberichterstattung etabliert werden. „Im Zuge der Sozialberichterstattung prüfen wir, ob wir die Statistik über Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen im Freistaat wieder aufnehmen“, heißt es in der Vereinbarung.

Nach Angaben einer Sprecherin des Sozialministeriums ist die Prüfung noch nicht abgeschlossen. Die Oppositionsfraktionen von Linken und Grünen drängen seit Langem auf die Wiedereinführung. „Eine vollständige Datenbasis ist unerlässlich, um vor Ort Hilfsangebote und Präventionsprogramme zu organisieren“, sagt die Sozialexpertin der Linken, Susanne Schaper. Auch Wohlfahrtsverbände sehen das ähnlich. So forderte die Diakonie im Zuge ihrer Statistikpräsentation die Regierung auf, eine landesweite Wohnungsnotfallstatistik zu beginnen. Zudem sprach sie sich für sozialen Wohnungsbau aus und regte ein Konzept gegen Wohnungsnot an.

Im vergangenen Sommer hatte die AfD eine Landtagsanfrage zur Obdachlosigkeit gestellt. Damals hatte das Sozialministerium mitgeteilt, dass im Jahr zuvor in Leipzig 744 Wohnungslose notuntergebracht wurden. Zudem habe der Sozialdienst „Vier Wände“ des Sozialamtes 652 Menschen beraten, die bei Bekannten oder im Freien schliefen. Dresden habe damals 280 Plätze zur Unterbringung Wohnungsloser in acht Übergangswohnheimen vorgehalten.

Bundesweit gelten der Diakonie zufolge 285 000 Menschen als wohnungslos. Etwa 24 000 von ihnen leben auf der Straße. Zu den Gründen für Obdachlosigkeit zählen unter anderem stark gestiegene Mieten in den Ballungsräumen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 15 Kommentare

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  1. Martin Ender

    Obdachlosigkeit hat schon lange nichts mehr mit dem 'Schlafen' unter der Brücke zu tun. Viele andere Formen der Wohnungslosigkeit werden im Artikel nicht aufgezählt und bleiben auch durch Sozial-, Wohngeld- bzw. Hartz4-Ämter unerfasst, da die Betroffenen keinen Anspruch auf diese Leistungen haben. Massiv steigende Mieten und Wohnungslosigkeit sind eine Quittung für die Schuldenfreiheit der Stadt Dresden durch den Verkauf ihrer Kommunalwohnungen an die GAGFAH.

  2. Interessiert

    @Martin Ender: Ich gehe mit Ihnen nur teilweise konform. Nur stellt sich die Frage, wer denn tatsächlich keinen Anspruch auf Unterstützung unseres Sozialstaates hat. Das glaube ich nicht. Ich bin auch der Meinung, dass Niemand in Deutschland grundsätzlich obdachlos sein muss. Wenn ich an den SZ-Artikel letzte Woche erinnern darf: der Betroffene möchte nicht in einer Übernachtungsstätte einkehren. Und so wird eher ein Schuh draus: die Betroffenen lehnen es persönlichen Befindlichkeiten ab, entsprechende Stellen aufzusuchen. Und dafür sind nur sie allein verantwortlich. Es wird niemand gezwungen. Und daher vertrete ich den Standpunkt, dass in NIEMAND zwnagsläufig auf der Straße oder wie es so schön heißt: unter der Brücke schlafen muss. Es gibt genügend Angebote, die Jeder in Anspruch nehmen kann - wenn er die entsprechenden Regeln beachtet und einhält. Da liegt nämlich das Problem. Und was der Verkauf der Woba in Dresden mit dem grundsätzl. Problem zu tun hat, erschließt sich nicht.

  3. kein Fan

    Kann mir bitte jemand erklären, warum bei aktueller Gesetzeslage irgendjemand in Deutschland obdachlos sein muss? Unser Gesetz sagt doch klar, das man leistungslos einen angemessenen Wohnraum bekommt, eine Krankenversicherung und auch Geld für Essen und Lebenshaltung. Darüber hinaus Vergünstigungen beim Verein, Schwimmbad, Museum, Monatskarte. Mir erzählt niemand, das es in Deutschland notwendig ist, "Platte zu machen", ich sehe das eher als individuelle Entscheidung, es so zu wollen.

  4. Rudi

    @Martin Ender: selten so einen Quatsch gelesen. Selber nicht in Gorbitz, Reick oder Prohlis wohnen aber über den Verkauf der Woba meckern... Durch den Verkauf der Woba sind die ganzen Neubauten und Sanierungen von Schulen Krippen und Kindergärten durch die Stadt Dresden überhaupt erst möglich geworden. Und unter anderem dass hat zur Attraktivität des Stadt Dresden und zum Zuzug hierher geführt. Dass folgerichtig die Nachfrage nach Wohnungen dadurch steigt und damit die Mieten liegt ja wohl auf der Hand. Der Mietspiegel orientiert sich an der gezahlten und damit akzeptierten Durchschnittsmiete. Eine Neudresdner Familie mit zwei Einkommen welche hier in der Stadt ihre Steuern zahlen soll wird sich mit Sicherheit nicht in den o.g. Stadtteilen nach Wohnungen umschauen sondern da wo es gute Schulen, Kindergärten und Gymnasien gibt. Eine Investition in die Bildung halte ich allemal besser als das städtische Vorhalten von teils ungeliebten Platten.

  5. Martin Ender

    @Interessiert: Beim Verkauf der Woba wurden zum Beispiel Belegungsrechte für 10.000 Wohnungen vereinbart, welche für Wohnungslose nicht genutzt werden können. Eine weitere Augenwischerei bei den damaligen Kaufverträgen. Hinzu kommt die Mietpreisentwicklung im Bereich von Single-Wohnungen mit derzeit ca. 10-12 Euro/pro qm2 / Bruttomiete. Das übliche Verhältnis, daß ein Drittel des Einkommens für die Miete sind, ist ein Trugschluß, vielmehr sind es inzwischen oftmals 40-60%. Kommen dann noch Unterhaltszahlungen, Schulden, Selbstständigkeit, Rentenrücklagen oder deftige Krankenkassenbeiträge dazu, helfen auch keine Anträge beim Sozialstaat, da man immernoch zu viel Einkommen hat. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und sollte nicht an das Märchen von der deutschen Kuscheldecke des Sozialstaates glauben.

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